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Kultur "Don Juan" - Klassiker-Premiere im Schauspielhaus
Nachrichten Kultur "Don Juan" - Klassiker-Premiere im Schauspielhaus
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11:10 10.01.2011
Lederjacke und Unterwäsche: Don Juan (Aljoscha Stadelmann) und Charlotte (Johanna Kitzl).
Lederjacke und Unterwäsche: Don Juan (Aljoscha Stadelmann) und Charlotte (Johanna Kitzl). Quelle: Ribbe
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VON SIEGFRIED BARTH

HANNOVER. Ächzend rüttelt Don Juan am eisernen Vorhang, bis der nachgibt und sich hebt. Man ahnt: Es kann anstrengend werden, auf das legendäre Lotterleben des großen Verführers zu blicken. Es wird hart für ihn und die Verführten, vielleicht auch fürs Publikum. Eine große theatralische Aktion bahnt sich an.

Obwohl das Bühnenbild (von Christian Kiehl) das Gegenteil signalisieren will: die Leichtigkeit einer Komödie, die beiläufig im Garderobenmilieu spielt. Ein Sofa, ein Spiegel, zwei Klappstühle, Requisiten, die sich im Lauf des Stücks vermehren und zu Gerümpel werden. Man glaubt einer Probe beizuwohnen. Sechs Personen versuchen, einen Brocken zu wuchten, und werden vielleicht nie fertig.

Molières „Don Juan“ ist eine Schwerstkaliber-Komödie, die das Zeug zum Tragischen hat. Sie ist blitzend komisch und endet im heulenden Elend. Das hat er nun davon, der Lustlümmel, Heiratsschwindler und Ehebrecher, alle Eifersüchtigen dieser Welt werden ihn vernichten. Er ist aber nicht nur der Hallodri, sondern auch eine Figur von faustischer Größe, Provokateur und Brecher der Moralgesetze, Befreier aller Lebenslüste. Ein Fall für die Philosophie. Moderner Nihilismus erscheint in ihm vorweggenommen.

Das Schauspiel Hannover hat in Aljoscha Stadelmann einen Darsteller, der den Anspruch auf ein genussvolles Leben mühelos verkörpern kann. Seine bärenhafte Statur und seine Sprache, in der Hochmut wie selbstverständlich wirkt, machen die Figur fast rund. Sein Diener Sganarelle, aufmüpfig unterwürfig, kämpft um Selbstbehauptung. Philippe Goos macht das so gut, dass er zeitweise die Oberhand gewinnt. Er nimmt seinem Herrn sogar Text weg und zeigt, dass auch er ein diskutabler Don Juan gewesen wäre, ein ganz anderer, einer vom sportlich-drahtigen Typ. Und dann spielen beide den Part mit richtiger Rollenverteilung noch einmal. Regisseur Sebastian Schug hat offenbar Spaß an diesem Ausprobieren von Möglichkeiten. Das drückt sich vor allem in zwölf Nebenrollen aus, die auf vier Gastdarsteller verteilt sind. Die hat man geholt, weil das Ensemble durch mehrere Großproduktionen derzeit personell ausgereizt ist. Man spielt nach der Methode Jürgen Gosch: Alle sind immer anwesend und treten nur vor, wenn sie dran sind.

Joanna Kitzl als eine der Verführten (Charlotte) hat den griffigsten Auftritt. Sebastian Hülk, Alexander Schröder und Mareike Hein (unter anderem als Donna Elvira) liefern nur Skizzen ab, jeder Auftritt ein Pinselstrich. Das macht den Eindruck der formlosen Probe aus, die morgen ganz anders laufen könnte.

Aber nun folgt das Schwergewicht, Don Juans Tod. Mit einem Grabmal, das er verhöhnt hat, fährt er zur Hölle und bleibt ein heroischer Spötter bis zum letzten Atemzug. Da spielt Aljoscha Stadelmann auch noch die Statue, die ihn umbringt, und zieht so viele Register des Tragikomischen zugleich, dass ihm der Text in Fetzen geht und man eigentlich nur noch Orgelmusik hören möchte. Der Überschuss an Theatralik hat aber die meisten nicht gestört, das Premierenpublikum applaudiert heftig.

Wieder am 13. und 20. 1.

Bewertung: 3/5