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Kultur Dietmar Wischmeyer über Schwarz-Gelb und rote Traumpaare
Nachrichten Kultur Dietmar Wischmeyer über Schwarz-Gelb und rote Traumpaare
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17:56 16.11.2009
Dietmar Wischmeyer erwartet nicht viel von der schwarz-gelben Regierung.
Dietmar Wischmeyer erwartet nicht viel von der schwarz-gelben Regierung.
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Der Satiriker Dietmar Wischmeyer (52), wohnhaft in Wiedenbrügge am Steinhuder Meer, ist einer der scharfzüngigsten Beobachter deutscher Befindlichkeiten. NP-Redakteur Stefan Gohlisch sprach mit ihm im Vorfeld seines Auftritts im Theater am Aegi am Dienstag.

Nach der Lektüre Ihres aktuellen Buchs „Alle doof bis auf ich!“ stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt Aspekte des modernen Lebens, die Sie mögen?

Jaja, ganz viele Aspekte gibt es sogar, zum Beispiel, dass man ganz viele Fernsehprogramme empfangen kann. Das empfinde ich nicht als Bedrohung, sondern als Gewinn. Was wir heute als schlimm empfinden, muss man auch vor dem Hintergrund der verbiesterten Vergangenheit betrachten. Wer wie ich in den 70er Jahren aufgewachsen ist, in denen gefühlt ganze Sonntagnachmittage mit Abfahrtslauf und Vier-Schanzen-Tourneen verstrichen, der weiß es zu schätzen, heute eine Auswahl zu haben. Man kann auf dem Lande – ich wohn‘ auf dem Lande – in fünf, sechs Kilometer mindestens zehnmal hervorragend essen gehen. Man kriegt im Supermarkt bei mir um die Ecke Sachen, die man früher kaum in Hannover gekriegt hätte. Die Moderne weist eben auch viele Vorteile auf. Den Leuten geht es heute unendlich viel besser als vor 30 Jahren.

Aber wenn man sich Ihre Themen so anschaut – von Twitter bis Trekking-Kleidung –, bekommt man schon den Eindruck der moderne Mensch sei für Sie ein Waschlappen, der es sich scheinbar bequem, in Wahrheit aber sehr schwer macht.

Das ist natürlich etwas auch dem Genre geschuldet, denn das ist ja ein Abrechnungsbuch. Man könnte sicher auch ein Buch darüber schreiben, was heute alles besser ist als früher.

Das wäre aber nicht Ihr Beritt?

Einmal das, und ich glaube auch nicht, dass das die Menschen so wahnsinnig interessiert. Das könnte an sich Frau Käßmann mal schreiben, die Gutmenschen-Prophetin. Dann würde sie mal was Vernünftiges machen. Sie könnte ein Buch schreiben: „Stellt euch nicht so an, ihr blöden Arschgeigen – heute ist auch vieles besser“. Ich meine: Es gibt heute sicherlich Ausländer-Hass und anderes – aber vor 30 Jahren ging das noch ganz anders ab. Und es gibt viel mehr Verständnis und viel mehr Toleranz. Ein Schwuler und eine Zonen-Mieze regieren die Welt hier – da ist schon eine Menge passiert. Nur ist das nicht mein Thema.

Wie sieht es denn gerade aus mit dem Kabarett? Ich habe den Eindruck, es tut sich ein wenig schwer, gerade mit der neuen Regierung. Selbst eine Zeitschrift wie die „Titanic“ macht jetzt Schwulenwitze.

Das wär‘ mir echt zu blöd. Ich bin ja für manchen schlechten Scherz zu haben, aber Schwulen-Witze mit Guido und Gelben-Witze mit Rösler, die schenke ich mir echt. Es gibt an Guido sicher eine Menge auszusetzen, aber weder seine sexuelle Präferenz noch sein vermeintlich schlechtes Englisch sind ein Grund, sich über ihn lustig zu machen. Das ist einfach zu dünn. Was ich sagen kann zu Schwarz-Gelb: Die halten sich so bedeckt in allem, was sie machen, dass sie gar keine Angriffsfläche bieten. Auffällig ist – und das stelle ich fest, seit ich mich politisch interessiere, also seit der zehnten Klasse –, dass jede Regierung immer noch schlimmer ist als die Vorgänger.

Wie meinen Sie das?

Nach 16 Jahren Kohl ging ein Aufatmen durch die Welt: Gottseidank ist das endlich vorbei! Und dann kam das „Projekt“, und ich dachte: Um Gottes willen! Selbstverräter erster Güte. Und als das vorbei war, kamen eine große Koalition und damit die Hoffnung, die können mal was bewegen. Und: Nichts ist passiert, die waren noch gelähmter als dieses rot-grüne Idioten-Projekt. Und bei der neuen Regierung denkt man, sie können mal ihre großen Steuerprojekte durchsetzen – und nichts, gar nichts passiert. Ich glaube, selbst wenn die NPD mit der Linken koalieren würde, würde nichts als Lähmung daraus resultieren.

Erwarten Sie überhaupt irgendetwas von der neuen Regierung?

Nein, überhaupt nichts. Ich bin ja ein großer Freund von dieser FDP, weil sie, glaube ich, Ankündigungsweltmeister ist. Aber aus allem, was die versprechen, wird nichts. Ich erwarte im Grunde nur etwas von dem neuen Traumpaar unserer Republik, von Andrea und Sigmar, deren Interview ich vergangene Woche im „Spiegel“ gelesen habe. Ich musste doch kurzfristig mal zum Abwerfen in die Toilette.

Wie war das in dem Interview? Sie nennt ihn noch nicht „Hase“?

Das ist doch unglaublich, ne? Und Sigmar hat so eine schöne Steilvorlage geliefert mit einem Satz, den er zitierte, von einer Frau aus seinem Wahlkreis: „Der SPD ist das Herz verloren gegangen.“ Da fällt mir als Satiriker natürlich sofort ein: „Naja, so lange die Ärsche noch da sind, gehts ja noch.“ Meine Fresse: Was für Blinsen! Ich trauere jetzt schon Müntefering nach, das hätte ich früher auch nicht gedacht. Und das ist immer so: Plötzlich gewinnt die alte Garde an Format. Ich habe mich auch schon richtig mit Gerd Schröder versöhnt. Seine Lebensleistung ist, dass er Sigmar Gabriel zum Pop-Beauftragten gemacht hat. Denn dieser Makel wird dem ewig und drei Tage anhaften.

Aber reicht das? Der Kabarettist Hagen Rether meint, den „Dicken“, also Helmut Kohl, habe man mit faden Witzen 16 Jahre an der Macht gehalten.

Das glaube ich auch. Es bringt nichts, wenn man meint, man könne auf dem Wege des Lächerlich-Machens irgendetwas politisch bewegen in diesem Land. Das ist eine absurde Vorstellung. Einem Ereignis, dem ich ja noch mit gewisser Erwartung entgegensehe, ist die gegenseitige Zerfleischung von Nahles und Gabriel. Das ist ja auch so ein Egomanen-Duo wie Lafontaine und Schröder, die können sich nicht auf Dauer aushalten.

Was auffällt an der ganzen Debatte, ist, dass an Angela Merkel jede Kritik abzuperlen scheint.

Wir leben ja in einer konstitutionellen Demokratie. Das heißt: Die Bundeskanzlerin schwebt über allem und macht gar nichts. Königin Beatrix aus den Niederlanden greift, denke ich, mehr in die Tagespolitik ein als Angela Merkel. Die nähern sich optisch auch immer mehr an. Fehlt noch der Hut, dann haben wirs.

Was befürchten Sie von den nächsten vier Jahren?

Ich befürchte nichts, was diese Regierung verschlimmern könnte, denn die arbeiten sich ja nur an Nichtsnützigkeiten ab. Schön finde ich wieder diese Gesetzmäßigkeiten: Und ist das Kabinett auch noch so klein, der Doofste muss Verkehrsminister sein. Jetzt haben wir den großen Peter, den Ramsauer. Wer hat diese Käfigtür offengelassen? Der hat es geschafft, innerhalb der ersten Woche in jedes Fettnäpfchen zu treten. Großartiger Mann, da erwartet uns was. Der wird wieder das Bußgeld erhöhen, weil dagegen kann man nichts sagen, es macht auch nur wenig Arbeit, nur der ADAC motzt ein bisschen.

Aus beruflicher Sicht müssen Sie sich fast freuen, oder?

Die liefern einem natürlich wieder Material ohne Ende. Ansonsten: Warum der einzige Minister mit Rädern drunter nicht Verkehrsminister wird, weiß man auch nicht.

Wobei es schon eine erstaunliche Personalie ist, dass Wolfgang Schäuble jetzt Finanzminister ist.

Das ist alles so großartig. Eine Rochade, die man in seinen schlimmsten Befürchtungen nicht hätte erwarten können: Schäuble wird Finanzminister. Aber auch sehr gut ist Dirk Niebel als Entwicklungshilfeminister. Und mir gefällt auch Franz Josef Jung als Arbeitsminister sehr gut. Jemand, der nur mit einem schmierigen Deal mit dem brutalstmöglichen Sinisterpräsident Koch überhaupt an einen Ministerposten gekommen ist, hat sich da irgendwie festgebissen.

Gibt es menschliche Eigenschaften, die Sie besonders verachten?

Ja, Unfreundlichkeit, unsinnige Unfreundlichkeit. Das ist eine Form von Dummheit, denn jeder, der einmal freundlich war, vor allem, wenn man es nicht erwartet, hat bemerkt, wie weit man damit kommt.

Ich hätte erwartet, dass Sie gleich Dummheit sagen…

Für angeborene Dummheit kann man ja nichts. Aber die selbstverschuldete Ungebildetheit, die verachte ich. Wir leben in einem Gemeinwesen, das zumindest pro forma davon ausgeht, das jeder daran teilnimmt, und wenn es nur das Kreuz ist am Wahlabend. Es gehört doch dazu, finde ich, dass man seinen verdammten Scheiß-Brägen so weit tunt, dass man überhaupt rafft, was hier vor sich geht. Und wer das nicht macht, erfüllt, finde ich, einen Strafbestand.

Also ist Dietmar Wischmeyer in Wahrheit ein Verfechter der Aufklärung?

Ja, dahinter sollten wir nicht zurückfallen. Das wäre doch jetzt eine tolle Titelzeile (lacht).

www.wischmeyer.de

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