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Kultur Dieter Hufschmidt startet Marathonlesung
Nachrichten Kultur Dieter Hufschmidt startet Marathonlesung
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19:45 04.10.2011
Von Rainer Wagner
Der Marathonmann: Dieter Hufschmidt ist ein Experte für die lange (Lese-)Strecke. Quelle: Steiner
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Acht Jahre lang hat er in den neunziger Jahren Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vorgetragen. Er hat wenig später den dicken Roman „Die Fälschung der Welt“ von William Gaddis vor dem Publikum aufgeblättert. Seine Heinrich-Heine-Abende waren im Vergleich dazu fast rhetorische Fingerübungen.

Seine Karriere als Vorleser war eigentlich eine Widerstandsaktion: Hufschmidt wollte 1993 mit einer Art Instandbesetzung dagegen protestieren, dass der hannoversche Ballhof als Probenraum für das Staatsorchester aus dem Theaterleben verschwand. Er wollte so lange lesen, bis sich das änderte – und weil nicht abzusehen war, ob und wann das sein könne, nahm er eines der umfangreichsten Prosawerke der Weltliteratur: Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Als Hufschmidts Einsatz für den Ballhof Resultate zeitigte, hätte er eigentlich aufhören können: „Aber ich brach gerne mein Wort“, sagt er heute. Und seine treuen Fans freuten sich über diesen Wortbruch.

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Jetzt hat sich Hufschmidt wieder ein Mammutwerk vorgenommen: Robert Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Eigentlich hatte er ein anderes Werk im Blick. Robert Bolanos Roman „2666“, der nicht ganz so viele Seiten umfasst, aber doch ein Brocken ist. Aber dann gab es rechtliche Probleme, die Witwe des Autors gab die Lesung nicht frei. Als Chefdramaturgin Judith Gerstenberg als Alternative Musils voluminöses Romanfragment „Der Mann ohne Eigenschaften“ vorschlug, war Hufschmidts spontane Reaktion: „Darüber muss ich keinen Augenblick nachdenken.“

1989 hat er diesen Roman zum ersten Mal in die Hand genommen, während der Probenarbeiten zu Musils Schauspiel „Die Schwärmer“. Und er hat dieses Buch, das ansonsten auf der Liste der nicht zu Ende gelesenen Werke nach James Joyces „Ulysses“ wohl Platz zwei belegen dürfte, „in einem Zug durchgelesen und das mit großem Gewinn“. Hufschmidt erzählt, dass er sich damals schon Stellen hervorgehoben hatte, aber das sei mittlerweile so verblichen, dass man kaum mehr sieht, ob der Marker gelb oder grün war.

An diesem Sonnabend geht es in der Cumberlandschen Galerie los. Die Lesung ist so gut wie ausverkauft, aber wenn der Andrang wirklich sehr groß wird, dann könne man vielleicht ja auch umziehen, meint Hufschmidt: „Es gibt eigentlich keine Spielstätte in dieser Stadt, wo ich noch nicht aufgetreten bin.“ In monatlicher Folge soll es dann weitergehen, aber einen genaueren Streckenplan hat Hufschmidt nicht im Blick. „Das ist anders als bei Proust, wo man wusste: sieben Bände mit 4263 Seiten.“ Musils Roman sei schließlich ein Fragment, es gibt im Nachlass Textalternativen, über die man nachdenken müsse und könne. „Wir machen das jetzt mal ein, zwei Jahre und schauen dann, wie’s weitergeht.“

Im Gegensatz zur Proust-Lesung denkt er diesmal auch darüber nach, kleine „Was bisher geschah“-Einführungen anzubieten, damit auch mitkommt, wer erst nachträglich einsteigt. Und ein bisschen Musik wird es auch geben: An diesem Sonnabend wird Alban Bergs Klavier­sonate (mit dem Pianisten Chia-Chen Chang) erklingen. Auch künftig sollen Studenten der Musikhochschule eingebunden werden und mit Musik die Entstehungszeit des Romans illuminieren.

Ist Hufschmidt als Vorleser denn nun der Typus Berichterstatter oder gehört er zur Gattung des One-Man-Theater­machers, der alle Rollen spielt? „Ich habe grundsätzlich Skepsis gegen solche Shows, aber das muss man hier gar nicht ausdiskutieren, denn die Art der Prosa bei Musil, aber auch bei Proust verbindet dieses Charakterisieren: Man kann nicht wirklich unterscheiden zwischen Erzählertext und Rollentext.“ Jedes Theatralisieren würde „dieses Geheimnis aufbrechen“. Wer mit der Stimme zu viel mache, der bevormunde den Zuhörer.

Und wie würde er zögernden Literaturfreunden denn nun erklären, warum es sich lohnt, so viel Zeit und Energie für Musils Mammutwerk zu investieren? „Dieses Buch zeigt wirklich den Beginn unserer Moderne, das kann man hören, riechen, sehen und schmecken.“ Und es gibt auch eine Belohnung für die Denk- und Hörarbeit: „Ich finde das Buch sehr komisch.“

Dieter Hufschmidts Lesung von Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ beginnt am 8. Oktober um 18 Uhr in der Cumberlandschen Galerie.