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Kultur Die verführerische Gedankenkraft
Nachrichten Kultur Die verführerische Gedankenkraft
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12:39 05.01.2012
WUNDERMACHER: Jan Becker gewann die zweite Show von „The Next Uri Geller“ und ist diplomierter Gedankenleser.Foto: Carsten Sander
WUNDERMACHER: Jan Becker gewann die zweite Show von „The Next Uri Geller“ und ist diplomierter Gedankenleser.Foto: Carsten Sander
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Er ist Deutschlands prominentester und einzig diplomierter Gedankenleser. Am 10. Januar gastiert er im Apollo-Kino – und sprach im Telefoninterview mit NP-Redakteurin Evelyn Beyer über Illusion und Manipulation.

Welche Frage will ich Ihnen jetzt stellen?

(lacht) Das ist immer die erste Frage. Übers Telefon geht das noch nicht. Ich brauche den Kontakt zum Gegenüber, muss es sehen, berühren. Es kommt ganz auf die Person an: Manchmal sehe ich Symbole um sie herum, Regenbogen, Zeiten, Daten.

Sie sehen Daten?

Es ist schwer zu erklären. Es ist wie ein Symbol, das auftaucht, ich sehe ein Herz und weiß, was es bedeutet. Oder ich sehe eine Geschichte von einer Frau, die Schwert und Schild in ihren Händen hält, und versuche, die Bedeutung zu finden. Manchmal ist es das Geburtsdatum. Oder ein Wort, das jemand denkt.

Wie sind Sie Gedankenleser geworden?

Mit zwölf Jahren habe ich ein Buch als Geschenk bekommen, „Das Gedankenlesen“ von Erik Jan Hanussen. Das war ein Hellseher in den 20er Jahren, eine sehr zwielichtige Persönlichkeit.

Er spielte auch bei Hitler eine Rolle, oder?

Genau, wobei es laut neuesten Studien vermutlich doch keinen Kontakt gab. Aber man sagte, dass Hanussen Hitler die suggestive Sprache beigebracht hat und es gibt Bilder, in denen die Handhaltungen von Hitler und Hanussen in einem Vortrag sehr ähnlich sind. Genaues kann man nicht sagen, er wurde dann erschossen, es stellte sich heraus, dass er Jude ist, Geld an hohe NSDAP-ler verliehen hatte, die nicht zurückzahlen wollten.

Heiße Geschichte.

Als Kind wusste ich das natürlich nicht. Aber er vermittelte das Prinzip des Gedankenlesens über einen Kontakt – heute sagt man ideomotorisches Prinzip. Jeder Gedanke, den ich fasse, drückt sich in einer Bewegung aus, die man fühlen kann. Denke ich nach rechts, geht man ganzer Körper auch unbewusst nach rechts. Damit fing ich an zu spielen. Das hat auch meine Kumpels und Freunde sehr beeindruckt.

Wie lange haben Sie trainiert?

Das ist ein ständiges Studium. Man lernt irgendwann, die Person nicht mehr berühren zu müssen, auf Eingebungen zu vertrauen. Die Bilder, die ich sehe, finden ja nicht wirklich im unsichtbaren Raum neben einer Person statt, sondern entstehen aus meinem Unterbewusstsein. Da muss man den Mut zu haben, diesen Gedanken zu vertrauen. Da steckt viel Wahres drin, das vom Bewusstsein verschüttet wird, weil wir zuvorkommend sein wollen, weil wir sozialen Umgang gelernt haben. Vorgegebene Raster.

Hilft Ihnen das Gedankenlesen im Alltag?

Im Umgang mit anderen Menschen. Man lernt, sich zu öffnen, und je offener man als Mensch durch die Welt läuft, desto offener begegnen einem andere Menschen. Ich glaube, die Mitmenschlichkeit trainiert man automatisch mit, wenn man Gedanken lesen lernt.

Nicht auch die Manipulation?

Schon. Wir haben ein Experiment im Supermarkt gemacht mit dem ZDF: ob ich Menschen dazu bringen kann, das einzukaufen, was ich will. Ich habe verschiedene unterbewusst wirkende Suggestionen im Supermarkt verteilt, und zu fast 80 Prozent haben die Leute die Produkte gekauft, die ich wollte. Sogar ein Ladenhüter war komplett ausverkauft.

Klingt gefährlich. Ist das in großem Stil anwendbar?

Der größte Stil ist das Militär. Einen Menschen dazu zu bringen, auf andere Menschen zu schießen, über aufbauende Manipulationen und Suggestionen. Oder Geld – ein bemaltes Papier bedeutet uns die Welt.

Manipulation ist alltäglich?

Ja, ich denke, nur so funktioniert eine Gesellschaft, durch Absprache und eine Form der Manipulation und auch der Halluzination.

Ist es das, was Sie auf Ihrer Webseite meinen mit: „Wir sind von Zauberei umgeben“?

Das meine ich eher von der positiven Seite her. In dem Sinn: Wir sind von Schönheit umgeben. Nicht von festgeschriebenen Realitäten, sondern unsere Interpretation der Realität ist die eigentliche Realität. Zwei Menschen stehen vor einem roten Auto und nehmen es komplett verschieden wahr. Die Realität wird durch diese „Zauberei“ erschaffen. Oder wenn man noch etwas poetischer schaut: Dass wir auf einem runden Ball stehen, der frei im Raum schwebt, ist schon ein Wunder. Wenn ich mir bewusst mache, dass meine Existenz schon das Wunder ist, kann ich über alles staunen.

Wir sind heute von sehr viel technologischem Zauber umgeben – Ihrer ist dagegen im Grund uralt. Gibt es heute eine neue Sehnsucht dahin?

Genau. Ich beschäftige mich sehr viel mit dem viktorianischen Spiritismus. Zu der Zeit, vor 150 Jahren ungefähr, waren die Naturgesetze noch nicht wirklich erklärt. Man war auf der Suche danach, aber auch nach dem Wunderbaren. Dann kamen 150 Jahre der absoluten Rationalität – man wollte alles wissenschaftlich erklären. Was dazu geführt hat, dass wir das Gefühl haben, wir wären nur noch Knöpfedrücker. Der Mensch an sich spielt keine Rolle mehr, sondern nur die Maschine vor ihm macht etwas möglich. Ich glaube, langsam kommt wieder diese Sehnsucht: Was macht mich denn als Mensch aus? Eine Sehnsucht nach dem Lebendigen – wir umgeben uns ja immer mehr mit totem Material.

Apropos Knöpfchen: Sie haben einmal sehr stark gegen das „Gefällt mir“-Knöpfchen Stellung genommen. Ist das eine Art Selbstmanipulation?

Immer dann, wenn wir ein öffentliches Statement abgeben, sei es in der Familie oder im großen Rahmen beim Interview oder als Politiker vor dem ganzen Volk, handeln wir konsistent, weil wir nicht als Wendehälse dastehen wollen. Je mehr Menschen wir unsere Meinung kundtun, desto mehr verfestigt sie sich. Der „I like“-Button bei Facebook stellt meine Meinung öffentlich ins Netz. Das legt mich fest, wenn meine Facebook-Gruppe dann zum Beispiel auf die Straße geht und ich gehe nicht mit, könnte ich gefragt werden: Stehst du nicht zu dem, was du denkst? Also gehe ich mit. Ich könnte in angeschossen werden, verletzt – aber ich weiß gar nicht, warum ich dabei bin. Denn die Reflexion hat nie stattgefunden. Im Gegensatz zu anderen Revolutionen, die immer ein Ideal brauchten und viele Diskussionen.

Als Bundespräsident Christian Wulff vor kurzem sagte, wie hoch er die Presse schätzt, konnten Sie bei ihm ablesen, dass da doch anderes im Busche war?

Man kann so etwas beurteilen. Technisch ist der Lidschlag ein Hinweis, ob jemand die Wahrheit sagt. Wenn der Lidschlag überhöht ist, ist er im inneren Dialog, sich selbst nicht sicher. Eine viel größere Rolle aber spielt, dass die Aussage einen Zweck verfolgte. Er wusste vielleicht schon, dass er Blödsinn gemacht hat mit dem Anrufbeantworter, und versuchte, eine Beruhigung herzustellen in der Medienlandschaft.

Wie lange muss man üben, um Gedanken zu lesen?

Wenn Sie ernsthaft das Kontaktgedankenlesen lernen wollten, wären Sie innerhalb von drei Tagen dazu in der Lage, eine Richtung auszupendeln. Und nach drei Wochen könnten Sie vielleicht einen versteckten Gegenstand finden. Das ist wie beim Klavier: Erst kommt Tasten drücken und Alle-meine-Entchen-Spielen. Wenn man eine gewisse Virtuosität erlangen will, muss man dem sein Leben verschreiben.

In Ihrem Buch verraten Sie viele Tricks. Warum jetzt das Buch?

Ich wollte eigentlich erst mit 60 ein Buch schreiben, dachte, mit 36 kannst du noch nicht übers Leben reden. Aber dann fand ich, es könnte auch ein Moment sein, wo ich Dinge abschließe. Um weiterzugehen und weiterzugeben, was ich gelernt habe. Ich dachte auch, durch die Fantasie und die Poesie in dem Buch kann man einen Gegenpol bilden, um die Welt etwas zu reparieren.

Was war Ihr magischster Moment bisher?

Die Geburt meines Sohnes vor acht Wochen. Ein wahres Wunder – aus nichts entsteht ein Mensch. Von der Kunst her war es der Moment, als ich bei Borussia Mönchengladbach vor 50 000 Menschen im Stadion stand und eine kurze Ansprache von mir unterstützend geholfen hat, dass sie als Tabellenletzter 4:1 gegen den Tabellenersten gewannen. Da dachte ich: Wow, da ist etwas versteckt in uns allen, und diese Symbolik hat so eine Kraft.

Und wo steht Hannover 96 am Ende der Saison?

Da muss ich erst in eine Glasschale schauen (lacht). Das verrate ich am 10. Und auch, wie sie weit nach oben kommen können.

Am 10. Januar, 20.15 Uhr, bei Desimos Spezial-Club im Apollo-Kino.