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Kultur Die politisch-poetische Kunst von Hiwa K
Nachrichten Kultur Die politisch-poetische Kunst von Hiwa K
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00:22 26.05.2018
Stiller Protest: Hiwa K in seiner Installation „It’s Spring And The Weather Is Great So Let’s Close All Object Matters“ im Kunstverein. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

Geschichte wird gemacht, wird geschrieben und überschrieben, während die Erde sich weiter um die Sonne dreht. Ganz plastisch wird das in den kommenden Wochen im Kunstverein zu erleben sein, in der Ausstellung „Moon Calendar“ von Hiwa K.

Hiwa K, Jahrgang 1975, ist Kurde aus dem Irak und heute Berliner. Er wurde in seiner Heimat Ingenieur und nach seiner Flucht in Rotterdam Flamenco-Gitarrist, bis er in Mainz Kunst studierte. Er stellte 2015 auf der Biennale in Venedig aus und 2017 auf der Documenta in Kassel. Ein Weltenwandler: „Er sampelt kulturelle Codes aus Orient und Okzident wie ein DJ“, sagt Kunstverein-Direktorin Kathleen Rahn.

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Das sieht in der fertigen Ausstellung zum Beispiel so aus: Die Fenster in den Räumen 1 und 7 werden mit Folie verkleidet sein. Dann fällt himmelblaues Licht auf den Boden und macht Schriftzeichen sichtbar. Wer sie lesen kann, dem erzählen sie von Kindheit, Krieg und Tod, ganz persönliche Geschichten, die der Künstler erlebte.

Aufgeschrieben hat er sie nicht selber, sondern ein Ex-Kommilitone Taha Sahir, der heute in Hannover lebt und Kallifraf ist, wie es der Vater von Hiwa K war. Und er wird die Geschichte überschreiben, auf dass die Worte weiter der Sonne folgen und dem Licht, das sie auf den Boden des Kunstvereins wirft, auch wenn sie in den kommenden Monaten immer höher steigt. „He who looks at the Sky will go blind!“, eine Erinnerung an eine Kindheitsangst – davor zu erblinden, wenn man zu lange in die Sonne schaut.

Es geht um die Vermittlung von Gestern und Heute, Morgenland und Abendland, die Verrätselung und das Erkennen des Fremden, um Sehenkönnen und Blindheit, ausdrücklich auch im kulturellen Sinn.

Hiwa K zeigt Leitern mit Instrumenten darauf, ursprünglich gebaut für eine volltönend geplante, dann verbotene Protestaktion. Nun stehen sie still im Kunstverein und sprechen auch lautlos für sich selbst. Er verbindet in der raumgreifenden Installation „What the Barbarians did not do, did the Barberini“ Kriegs- und Kunstgeschichte, den römischen Pantheon und irakischen Alltag. Und er zeigt in der Videoinstallation „Pin down“ einen Ringkampf von ihm und dem Philosophen und Übersetzer Bakir Ali, bei dem sie einen Diskurs führen. Ringen um Worte, Ringen um Bedeutung.

Immer wieder setzt sich der Künstler in den Mittelpunkt seiner Werke, um von der Welt zu erzählen. So sieht man ihn in der wohl politischsten Arbeit der Ausstellung, dem Video „Pre-Image“, wie er Stationen seiner Flucht in den Westen abschreitet – eine Rückprojektion, man sieht sie spiegelverkehrt. Um sie zu verstehen, muss man auf die andere Seite gehen. Poesie nimmt Gestalt an.

Hiwa K vergleicht seine Arbeitsweise mit dem Angeln: Er holt ein, was ihn bewegt. Von Kunst-Stücken spricht er: Stück für Stück, Werk für Werk setzt sich eine Standortbestimmung zusammen. Im Wort Orientierung steckt nicht umsonst der Orient.

Vom 26. Mai bis 29. Juli. Mehr zur Ausstellung erfahren Sie hier.

Von Stefan Gohlisch