Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Die Varusschlacht in 75 Minuten
Nachrichten Kultur Die Varusschlacht in 75 Minuten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:34 12.06.2009
Auf in den Kampf: Varusschlacht in Kalkriese.
Auf in den Kampf: Varusschlacht in Kalkriese. Quelle: ddp
Anzeige

Sie schauen an diesem Tag gemeinsam mit rund 3000 anderen Besuchern bei der Generalprobe für die Schlachtennachstellung in Kalkriese zu. Auf dem Gelände des Museums und Parks bei Osnabrück wird das blutige Getümmel zwischen den Truppen des Cheruskerfürsten Arminius und den römischen Legionen des Publius Quinctilius Varus vorgeführt. Noch bis Sonntag mimen 400 Darsteller aus Italien, Polen, Belgien, der Schweiz und Deutschland täglich jeweils für 75 Minuten jenes Ereignis aus dem Jahr 9 n. Chr., das sich über mehrere Tage im Teutoburger Wald hinzog und 15 000 bis 20 000 Menschen das Leben gekostet haben dürfte.

Als die ersten Speere aus den germanischen Reihen in Richtung der römischen Soldaten fliegen, ziehen einige Schlachtenbummler unwillkürlich den Kopf ein: Die Sache sieht gefährlich aus. Damit nichts Schlimmes passiert, sind alle Waffen der Komparsen mit Gummispitzen versehen.

Der Geschäftsführer der Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH, Joseph Rottmann, setzt auf Infotainment. Das Schlachtengetümmel solle am authentischen Ort der Varusschlacht mit einer authentischen Ausstattung wiedergegeben werden, sagt er. Die Szenen werden von dem Militär-Historiker Marcus Junkelmann kommentiert. „Unser Anliegen ist es, das Leben vor 2000 Jahren authentisch darzustellen. Den Leuten soll aber Geschichte unterhaltsam nahe gebracht werden“, erläutert Rottmann. So gehören neben zahlreichen Kinderaktionen und den üblichen Pizza-, Pommes- und Andenken-Buden auch germanische Feld- und römische Marsch-Lager zum Inventar der Römer- und Germanentage in Kalkriese dazu.

In insgesamt acht Szenen treffen Germanen auf Römer. Die Männer von Arminius verschanzen sich im Wald oder hinter einem über 100 Meter langen Wall aus Erde, Holz und Gras. Mit viel Gebrüll stürzen sie sich auf die Römer, die schwer bewaffnet zu Pferde oder als Fußsoldaten auf das Schlachtfeld treten. Der Ablauf und die Ausstattung orientierten sich möglichst genau an den Ergebnissen der archäologischen und historischen Forschung in Kalkriese, sagt die Projektverantwortliche Ulrike Hindersmann und betont: „Wir spielen kein Theater.“

Auch wenn die Waffen der Krieger bei dem Schauspiel nicht ganz authentisch sind, das Wetter ist es an diesem Tag. In einer Textstelle im Buch „Germania“ des römischen Geschichtsschreibers Tacitus ist zu lesen: „Das Land macht im ganzen einen widerwärtigen Eindruck. Gegen Gallien ist es reicher an Regen, nach Noricum und Pannonien zu windiger.“ So ähnlich wie an diesem Tag könnten die Bedingungen auch in jenem September vor 2000 Jahren gewesen sein: Es regnet in Strömen, bei 12 Grad Celsius frieren nicht nur die römischen Soldaten mit ihrer kurzen Bekleidung. Nur, dass im Kalkriese des Jahres 2009 das Publikum erheitert ist, wenn auf dem durchnässten Grund manch wilder Krieger ausrutscht.

Für Wärme können nicht mal die vielen Feuerstellen sorgen, die neben den zahlreichen Zelten errichtet sind. Auf ihnen kochen einige der Darsteller ihre Mahlzeiten. Einer von ihnen ist Konrad Knauber. Der Archäologie-Student gehört sozusagen zu den Siegern der Geschichte. Er mimt einen Germanen namens Marbod, was so viel wie „Der die Pferde bändigt“ bedeutet. Knauber ist Idealist. In den vier Tagen, in denen er in Kalkriese ist, lebt er im Zelt, ernährt sich wie die alten Germanen und trotzt der geradezu herbstlichen Kälte, die durch den Teutoburger Wald kriecht. Davor schützen ihn auch sein Fell und seine Wollhose nicht. Auf seinen Schlafsack will er deshalb nicht verzichten.

Konrad Knauber hat schon bei einigen historischen Schlachten einen Germanen gespielt. Er sei jeweils glimpflich davon gekommen, ein paar Veilchen, aufgeplatzte Lippen oder Schürfwunden zog sich der Kämpferdarsteller zu: „Der logistische Aufwand ist aber größer als die Angst, sich ins Getümmel zu stürzen“, sagt er. So müsse jeder Darsteller unbedingt die Übersicht behalten. In Kalkriese dürften auf dem inszenierten Schlachtfeld nicht zu viele Germanen erschlagen liegen bleiben, schließlich hatten ja Arminius Mannen damals die Oberhand behalten.

Und doch behält nicht jeder Germanendarsteller beim Überfall auf die Römer den Überblick. Auf der zerfurchten Wiese herrscht Chaos:

„He, ich gehöre zu Euch!“, beschwert sich ein Recke, der gerade von den eigenen Leuten angegriffen wird. Ein älterer Zuschauer, der wie viele Besucher eifrig Fotos macht, kommentiert es bissig: „In modernen Zeiten wird das ’friendly fire’ genannt.“ ddp