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Kultur Die Rückkehr der Alltagshelden
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12:32 14.02.2012
HARTE STUDIOARBEIT FÜR GUTE MUSIK: Lars Wiebusch, Erik Langer, Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff und der neue Kettcar-Schlagzeuger Christian Hake.
HARTE STUDIOARBEIT FÜR GUTE MUSIK: Lars Wiebusch, Erik Langer, Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff und der neue Kettcar-Schlagzeuger Christian Hake.
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VON MATTHIAS HALBIG

Was ist aus Audrey Hepburn und Balu geworden, dem großen ungleichen Liebespaar vom „Spatzen“-Album?

Die leben hoffentlich glücklich bis an ihr Lebensende. Da die Protagonisten in den Songs ausgedachte Figuren sind, könnte ich dir jetzt viel erzählen, dass die bei einem Autounfall ums Leben kamen oder einer im Himalaya verschollen ist. Aber, nein (lacht), sie sind glücklich. Ich hoffe es zumindest.

Auf dem neuen Album gibt es ein weiteres ungleiches Paar, den abenteuernden „apokalyptischen Reiter“ und das eher normale, uncoole  „besorgte Pferd“. Sind Sie das „besorgte Pferd“, ist das autobiografisch?

Nein. Wir sind keine großen Fans von autobiografischen Songs. Unsere lyrischen Ichs haben rückgekoppelt natürlich mit unserem Leben zu tun. Wir sind aber eher Kurzgeschichtenerzähler und Romanautoren, die ihre Storys kompakt in Songs verpacken.

Pferd und Reiter sind aber auch kein Liebespaar.

Das sind Jungs, die miteinander losziehen. Freunde. Es geht darum, dass sich in Freundschaften hierarchische Gefälle auftun können, die dann aber trotzdem ganz gut funktionieren. Der eine ist der Treiber, der andere der Getriebene, zusammen ergänzen sie sich.

Eine Zeitlang.

Für das wilde harte Leben ist nicht jeder dauerhaft geschaffen. Aber gleichzeitig erzählt das „besorgte Pferd“ in der Rückschau, dass nicht alles schlecht war. Er sagt: „Ein Teil von mir wird dich immer vermissen.“

Es kommt einem so vor, als wäre der „Reiter“ dieselbe Person wie der  Held in der Krankenhausgeschichte „Nach Süden“ und der Tote in dem Trauersong „Zurück aus Ohlsdorf“.

(lacht) Das ist nicht so gedacht. Und „Zurück aus Ohlsdorf“ ist auch ein Song, den Bassist Reimer Bustorff geschrieben hat. Anders als bisher wurden die Songs fast 50:50 getextet, sieben von mir, fünf von Reimer.

„Ohlsdorf“ ist ein ziemlich intimer Song über die Trauer um einen besten Freund aus früheren Zeiten.

Das spricht für Reimer, dass er sich so gut einfühlen kann, dass der Hörer denkt, es ist autobiografisch. Ich habe immer so das Gefühl, dass wenn wir sagen, wir haben das nicht erlebt, so eine leichte Enttäuschung bei den Musikkritikern im Raum steht. Ich persönlich empfinde das als Kompliment, wenn jemand das Erfundene für so überzeugend hält.

Man schafft natürlich Texte aus seinem Erfahrungs- und Gefühlsschatz.

Genau, und wir sind von Kultur umgeben. Wir sehen Filme, gucken Serien, lesen Bücher, führen Gespräche. Aus all diesen Sachen ergeben sich Grundlagen von Songs. Wie Schriftsteller sich eigene Welten schaffen, können wir das auch.

Wo schreibst du deine Texte?

Die letzte Reinschrift erledige ich in meinem Kellerstudio, das ist 500 Meter weit weg von meiner Wohnung, was für mich als zweifachem Familienvater ganz angenehm ist. Dahin kann ich mich zurückziehen, da hab ich Ruhe zum Schreiben. Aber da entstehen nur die kleinen technischen Kniffe. Die große Grundidee, die springt mich überall an –  unter der Dusche, in der U-Bahn, während ich ein Buch lese, durch eine Ausstellung gehe. Ich habe immer eine Kladde dabei, in die ich das sofort notiere.

Viel Kinosprache ist in den Songs.

Das bin ich, das ist mein Spleen. Ich habe eine große Affinität zu Kino, sehe gerne Filme oder gute Serien. Und denke bei Songs auch sehr szenisch.

Ein Album über Liebe, Scheitern Tod aber auch viel Trost drin. Sympathie für die Normalos.

Ich würde sagen, das ist eine generelle Sache bei Kettcar. Unser Hauptziel beim Songwriting ist, dass es wirklich was mit dem Leben  der Menschen zu tun hat. Deshalb flüchten wir uns auch nicht in eskapistische Gedankenmodelle oder zitieren französische Symbolisten oder so (lacht). Dafür wird uns natürlich ein Alltagsheldentum nachgesagt. Wir versuchen aus dem Normalen Größeres abzuleiten. Wie in „Schweben“, wo ich so einen kleinen Sonntagmorgen-Erwachensmoment beschreibe. Ich kenn das und ich bilde mir ein, Tausende von Menschen kennen das auch so, so positiv und hell und voller Licht. Ich wollte auch einmal die positiven Momente zulassen, anders als bei dem „Sylt“-Album, das ja durch und durch düster und zerrissen war. Einmal das Bild ganz zeichnen.

Das Lied „Im Club“ ist ein herzzerreißendes Trostlied für alle die, die Großes wollten und es nicht geschafft haben. Was sind die „Millionen Rettungsboote“, die ihr anbietet?

Das sind die Millionen, denen es genauso geht. Ich bin weit weit weg von Lösungsansätzen. Ich will da auch nur sehr sehr wenig, es ist ein sehr flacher Song. Er will nur sagen, du bist nichts Besonderes, nicht allein. Egal ob du die Liebe deines Lebens nicht findest, dein großer Plan zerfällt oder du mit deinem Praktikum scheiterst –  es gab Millionen vor dir, es kommen Millionen nach dir. Das kann Trost spenden. Obwohl ich nicht als großer Trostspender gelten will.

Musikalisch geht der Song so in Richtung Motown.

Das empfinden wir als sehr großes Kompliment. Sowas haben wir noch nicht gehabt. Ich hab den Song mit Gitarrist Erik (Langer) entwickelt. Er hatte das Piano, wir haben die Snare durchbrettern lassen, die Streicher drauf. Das sollte vom ersten Augenblick ein Motown-mäßiger Song werden.

Ist bei euch immer zuerst die Musik da?

Unterschiedlich. Es gibt manchmal Textskizzen, da weiß ich durch Rhythmik und Metrik erstmal nicht wohin die Reise geht. Das unterschätzt man gern, wieviel Arbeit darin steckt: Dass es sich reimt, dass es sich gut anhört, dass es flüssig kommt.

Viele dunkle Lieder sind darauf. Bist du ein glücklicher Mensch? Worin findest du Glück?

(lacht) Diese Glücksfrage. Ich habe ein erfülltes Leben. Ich bin seit 2005 verheiratet, habe zwei gesunde Kinder und habe einen Beruf, den ich seit meinem 18. Lebnensjahr machen wollte. Aber ich habe auch diesen Stachel im Fleisch, der es mir nicht permanent ermöglicht, glücklich zu sein. Ich bin auch hie und da ein Getriebener. Das ist jetzt ja ein bisschen Couch-mäßig (lacht).

Gehört Hamburg zum Glücksgefühl? Der Song „Schrilles buntes Hamburg“ klingt kritisch.

Das ist der Antisong zu unserem Pro-Hamburg-Lied „Landungsbrücken raus“ vom ersten Album. Wir setzen uns halt mit Hamburg kritisch auseinander, wir leben gerne hier. Aber es geht um eine verfehlte Kulturpolitik und die Rolle des Künstlers in der Stadt und vor allem um Verwertungslogik. Es ist ein relativ bitterer Song, denn es läuft gerade sehr viel falsch.

Im Detail?

Wir haben hier ja dieses Leuchtturmprojekt Elbphilharmonie, was ja sicherlich für Millionen von Touristen sorgen wird. In der Logik der Verwertbarkeit ist es natürlich das Vorzeigeprojekt schlechthin. Gleichzeitig werden aber, weil die jetzt Gelder an anderer Stelle fehlen, Etats gekürzt etwa für das alte ehrwürdige Schauspielhaus. Das Altonaer Museum wird geschlossen. Im Hinblick auf Verwertbarkeit werden etablierte Hamburger Kulturinstanzen in Frage gestellt. Dagegen wehrt sich dieser Song. Er wehrt sich aber ganz allgemein gegen die Verwertungslogik, die auf Kunst aufgepfropft wird.

Seid ihr als Künstler immer noch Unternehmer. Führt ihr das Label Grand Hotel van Cleef noch selbst?

Wir haben den Luxus eines Teams. In den letzten zwei Jahren habe ich mich und Reimer zurückgenommen, was das Label betrifft. Ich weiß nicht, ob mans dem Album anhört, aber wir haben uns sehr hart rangenommen bei diesen Songs und es wäre völlig undenkbar gewesen neben der Musik noch was anderes zu machen. Ich habe erkannt, ich bin ein Musiker, der ein Label hat und nicht umgekehrt. Du weißt ja auch, dass wir in ziemlich dynamischen Zeiten leben, was Musik betrifft. Die Streamings, die Downloads, die CD stirbt aus, das Vinyl geht wieder hoch. Damit kann man sich lange beschäftigen. Bloß ich sitz lieber zuhause auf meinem Sofo mit der Akustikgitarre und schreibe Songs.

Gäbs mehr Kettcar-Plastten ohne den Klotz Label am Bein?

Zwischen 2004 und 2008 war die Doppelbelastung mörderisch. Keine schönen Zeiten, vor allem „Spatzen“, unser Durchbruchsalbum von 2005, da kamen Tagesthemen und Taz, und wir waren mit Coldplay auf Tour, da kam alles auf einmal. Jetzt geht es eigentlich. Ich hoffe, dass wir bis zum nächsten Album nicht wieder vier Jahre brauchen werden.

Sind Kettcar eine Platten- oder Download-Band?

Die Downloadzahlen steigen jährlich, die CD wird weniger.

Ist man als Label- und Bandchef über illegale Downloads doppelt sauer?

Was willst du machen? Das ist der Zeitgeist. Wir jammern auf hohem Niveau, es gibt ja gottseidank noch genügend Leute, die bereit sind, für Kettcar Geld auszugeben.

Miesepetrige Musikkritiker, heute Blogs im Internet. Jeder quatscht einem in den digitalen Zeiten in die Kunst rein.

Gut, aber ich lese das ja nicht. Blogs und Facebook, nein danke.

Und die klassische Musikkritik?

Die schon. Das ist was anderes. Da hat sich einer Gedanken gemacht.

Der Rolling Stone schrieb zum „Spatzen“-Album, dass Kettcar beweisen, dass Indierock längst Spießerrock ist.

Jede Band, die vom Indie in den Mainstream rüberwandert – außer sie heißt Tocotronic – hat das auszuhalten, dass sie übellaunige Musikerkritiker auf den Plan ruft.

Vom neuen Album schreibt der „Rolling Stone“ dagegen, es sei ein „Meisterwerk aus Hamburg“.

(lacht) Tatsächlich hab ich mir sehr gefreut, als ich das gelesen hab. Ich weiß, dass das ein Multiplikator ist, der viele auf uns aufmerksam macht. Kettcar lebt ja auch von Nachhaltigkeit, von Tausenden CD-Käufern leben, die erst in drei vier Monaten unser neues Album kaufen. Wir sind eine Mundpropaganda-Band: „Hier hör dir das mal an“. Und das multipliziert sich flach weiter. Deshalb sind wir relativ erfolgreich. 80 0000 von „Spatzen“ haben wir über Jahre verkauft.

Gibts den Gegenzug zur Musikentwertung: Das man nicht mehr 50 000 Songs auf einmal, sondern nur den einen begnadeten Song downloadet?

Festzustellen ist, dass Musik an Wert verloren hat für die Leute. Will eine Band 15 Euro für eine CD, geht ein Aufschrei durch die Käuferschaft. Da kann man viel erklären, dass vier Jahre Arbeit drin stecken und hohe Studiokosten. Und ich frage mich, ob es je wieder besser wird. Wir bei Kettcar aber haben schon sehr viele Fans, die die Anstrengung anerkennen, die sagen: 15 Euro – fairer Deal. Auf der kommenden Tour verlangen wir 23 Euro fürs Ticket, da kommen dann auch unsere illegalen Downloader. Wir haben gute Kartenverkäufe.

Ist es mit vier Alben schwer, live auszusortieren, Songs rauswerfen?

Tatsächlich spielen wir länger als früher und werden 6, 7 Songs vom neuen Album spielen, was ziemlich viel ist.

Ist aber auch gut. Die Stones spielen keinen einzigen.

Das sind bei denen ja auch alles Schrottplatten.

Sind Audrey Hepburn und Balu noch auf der Setlist?

Wir machen ein Potpourri der guten Laune von unseren alten Hits. Und Balu wird (flüstert) auch dabei sein.Schön!

Das neue Album "Zwischen den Runden"

Die Stimme ist sacht, umarmend, immer ein Trost drin, Salbe aus Stimme, Salbe aus Worten. Und das Album ist einfach schön geworden. Liebeslieder gibts darauf gar viele, aber nicht nur in Balladen-Gangart, auch mittelschnelle mit „Marines“ drin und „Forts“, die „mit letzter Kraft“ erreicht werden. Da pult der Liebende der Geliebten nach einer zu heftigen Nacht Erbrochenes aus dem Haar, und der Hörer verbuchts am Ende nicht unter „eklig“, sondern unter „seufz!“. Kettcar sind die Propheten des Normalen, die alle gescheiterten Träumer aufbauen. Sie können wilde „glory days“ heraufbeschwören („Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd“), und wenn sie über einen toten Freund (nicht autobiografisch) erzählen, dann wird daraus ein Roman von 30 Zeilen. Von Meditativem („Schwebend“ – mit der schönen Zeile „und ein paar Staubflocken tanzen zur Stille“) bis Motown („Im Club“) reicht die Palette der Sounds, es gibt auch Indie-Schraddeleien („R. I. P“), die hübsch mit Violinen geadelt werden. Man muss sich von all dem ansprechen lassen, muss Bilder deuten, Lücken füllen. Kettcar eben – wer das Ding fahren will, muss treten.

big/5 von 5 Sternen

+ Kettcar live am 8. 3.2012, 20 Uhr im Capitol. Karten für 22 Euro (Abendkasse 28).