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Kultur „Die Eleganz der Madame Michel“: Josiane Balasko als Concierge
Nachrichten Kultur „Die Eleganz der Madame Michel“: Josiane Balasko als Concierge
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19:56 05.05.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Josiane Balasko als geheimnisvolle Concierge.
Josiane Balasko als geheimnisvolle Concierge. Quelle: Senator
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Die Concierge gehört zur Pariser Folklore wie der Eiffelturm – ihr wird in der Literatur allerdings meist eine recht undankbare Rolle zugewiesen. Sie hat den üblen Ruf eines Hausmeisters hiesiger Provenienz und gilt als gigantische Klatschumwälzungsanlage, sie trägt gelegentlich tückische Züge – Eigenschaften also, die die höheren Stände gern, das feine Näschen rümpfend, an den Subalternen entdecken. Selbstverständlich passt zu ihrem mürrischen Gesicht eine dickliche Figur und eine ungepflegte Aufmachung.

Madame Michel ist so eine. Auf den ersten Blick. Ihre mühsam zusammengesteckten Haare sind strähnig, ihre Kleidung ungepflegt, ihre Art abweisend. Wer genauer hinsieht, der begegnet in dem Film „Die Eleganz der Madame Michel“ einem bei aller äußeren Nachlässigkeit stolzen feinfühligen Wesen (überzeugend und berührend: Josiane Balasko), das den Kopf oben trägt. Diese Frau hat sich zwar resigniert mit ihrer sozialen Rolle abgefunden, ohne dabei aber unterwürfig zu werden. Sie hält auf Distanz und zeigt kein Interesse an Klatsch. Von Beginn an umgibt sie irgendein Geheimnis.

Aber zunächst ist sie in dem Film von Mona Achache, die auch das Drehbuch verfasst hat und sich an den französischen Erfolgsroman „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery anlehnt, nur eine Nebenfigur. Zu Beginn schauen wir uns die Welt dieses großbürgerlichen Pariser Hauses mit den Augen der elfjährigen Paloma (mit Gewitztheit und kalkulierter Zurückhaltung: Garance Le Guillermic) an, zuweilen sogar durch das Auge ihrer altertümlichen Videokamera. Sie filmt und kommentiert trocken ihr familiäres Umfeld: Die Mutter ist hochneurotisch und kommt trotz zehnjähriger Psychoanalyse und eifrigem Gebrauch von Antidepressiva nicht aus ihrem (Selbstmit-)Leid heraus und spricht mehr mit den Pflanzen als mit der Tochter. Der Vater, ein Minister, ist abwesend, auch wenn er zu Hause ist, die große Schwester kapriziös und tendenziell hysterisch.

Deren Existenzen vergleicht die hyperintelligente Paloma mit der eines Goldfisches im Glas, der im Kreis umherschwimmt und ein beschränktes und so luxuriöses wie langweiliges Leben lebt. Um einem solchen bourgeoisen Schicksal zu entgehen, plant die naseweise Elfjährige akribisch und mit naiver Ernsthaftigkeit ihren Selbstmord. Das Datum hat sie mit Bedacht festgesetzt: ihr zwölfter Geburtstag.

Der Film konzentriert sich auf dieses Pariser Soziotop, verlässt selten und nur kurz das großbürgerliche Ambiente. Spitz beschreibt er die Ignoranz der arroganten Wohnungsbesitzer gegenüber ihrer Concierge. Diese starre Ordnung wandelt sich, als ein neuer Bewohner einzieht, ein ältererer, schwerreicher und gleich asiatische Weisheit und gelassene Souveränität ausstrahlender Japaner.

Herr Ozu (Togo Igawa) nimmt sofort die Besonderheit von Madame Michel wahr – diesem Igel (so der Originaltitel „Le hérisson“), der nach außen seine Stacheln spreizt und Distanz wahrt, damit man die empfindsame Seele nicht bemerkt. Ihr Geheimnis ist eine versteckte Bibliothek im Hinterzimmer und eine Vorliebe für Tolstoi, die sie mit dem Japaner teilt. Er holt sie aus ihrem Schneckenhaus heraus. Dieser Japaner ist wie ein Katalysator, weil er auch Paloma (die natürlich auch Japanisch lernt) in ihrem Inneren berührt Drei Außenseiter haben sich gefunden. Klischees? Durchaus. Die Concierge gehört ja eigentlich schon zu einer aussterbenden Spezies, und nicht in jedem Japaner steckt ein den irdischen Vorurteilen entrückter Zenmeister. Zudem lernt man die großbürgerlichen Pariser hier nur als satirisch geschnitzte Stereotypen kennen. Tiefe Sympathie wecken dagegen die drei überzeugend und mit wesentlich mehr Facetten verkörperten Außenseiter.

Der Film ist auch nicht ganz frei von Pathos, kitschig wirkt er aber nie. Dazu ist er zu intelligent komponiert. Ironie und Melancholie finden zu einer sensiblen Balance, die traurigen Passagen gleiten nicht ins Sentimentale ab. Der Film entwickelt einen Charme, der ein berührendes Kinoerlebnis garantiert.

Gute intelligente Unterhaltung für frankophile Liebhaber melancholischer Komödien. Im Hochhaus.