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12:20 19.01.2012
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FBI-Chef J. Egdar Hoover (Leonardo DiCaprio) hatte zeitlebens ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter (Judi Dench).
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VON MATTHIAS HALBIG

Der Film ist kein Spottlied geworden. John Edgar Hoover zieht nur einmal, in der Trauer um seine geliebte Mutter, deren Kleid an. Die angebliche Neigung des ewigen FBI-Chefs (1924 – 1972) zur Travestie wurde nur von einer Quelle behauptet, dann aber immer wieder medial aufgegriffen und hat sich inzwischen in den Rang einer Wahrheit gemogelt. Clint Eastwood aber ist zu ehrenwert für Tunten-Burleske. Auch ist Revanche nicht sein Antrieb. Und so sind vor allem Amerikaner links der politischen Mitte enttäuscht, dass die 136 Minuten von „J. Edgar“ vergehen, ohne dass das Denkmal des Superpolizisten, eines Mannes, der Unschuldige zuhauf ruiniert hat, richtig eins in die Fresse kriegt.

Der erneut großartige Leonardo DiCaprio spielt uns vielmehr das Leben eines getriebenen Mächtigen vor, dem oft die reine Angst im dunklen Auge steht. Es ist die Angst, eines Tages nicht mehr die Kontrolle über das FBI und über das schutzbedürftige Land zu haben, es ist die Angst, die Wahrheit über seine persönlichen „Heldentaten“ könne ans Licht kommen, und es ist auch die Angst eines Schwulenverächters vor dem Schwulen in sich, der sich mit seinem Lebensgefährten nur ein keusches Tätscheln gestattet. Dustin Lance Black, der den Oscar für „Milk“ bekam, hat „J. Edgar“ auf eine sehr eigene Weise auch zu einem Liebesfilm gemacht.

Eastwood springt munter in den Zeiten, was ein probates Mittel ist, ein Biopic nicht zum öden Lebensstationenabhaken versulzen zu lassen. Und die Kamera von Tom Stern lässt dazu gefühlt die mächtigsten Schatten wachsen, die seit dem „film noir“ im Kino Figuren in Schwarz ersäuften. Die Bilder sind silbrig, farbentsaugt, episch. Die Altersmasken von DiCaprio und Naomi Watts (als Hoovers lebenslange Sekretärin Helen Gandy) geraten verblüffend echt, nur bei der von Armie Hammer (als Tolson) denkt man: „Mein Gott, Mascara!“ Hier hat die Abteilung Schminke versagt, hier wirft einen ein junger Mann unter Greisenlatex aus der Illusion.

Eastwoods Film ist keine Bagatellisierung, sein Hoover ist schon auch Horror-Show: Kommunistenhatz, anonyme Briefe an Martin Luther King, das Schnüffeln im Sexleben der Mächtigen, sein Verständnis des FBI als der „good guys“, denen alles erlaubt sein muss. Der Regisseur von „Erbarmungslos“ und „Mystic River“ hat einen Film gedreht über einen gefährlichen Egomanen und Moralisten, der die Demokratie beugt. Er zeigt ein großes Leben, zeigt dem Zuschauer, dass Überzeugungen von Erfahrungen kommen. Dass dieses Unbedingte sogenannter großer Männer aber nicht nur schon der nächsten Generation unverständlich erscheinen, sondern auch grundsätzlich falsch sein kann. Das Vorgehen der damals noch plump BoF (Bureau of Investigation) genannten Behörde beim Sturm auf eine Druckerei der Kommunisten anno 1919 zeigt Eastwood jedenfalls als total Gestapo.

Bewertuntg: 4/5

„J. Edgar“, USA 2011, 136 Min. Regie: Clint Eastwood.

Bildschönes Filmporträt eines gefährlichen „good guy“.