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Kultur Der Hitler-Versteher: Lars von Trier in Cannes unerwünscht
Nachrichten Kultur Der Hitler-Versteher: Lars von Trier in Cannes unerwünscht
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20:35 19.05.2011
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DER GEBALLTE REGISSEUR: Lars von Trier gilt in Cannes seit je als Provokateur, der stets noch einen draufzusetzen weiß. Mit seinem Nazi-Bekenntnis hat er sich allerdings vergaloppiert. Die Festivalleitung hat ihn zur „unerwünschten Person“ erklärt.
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VON KARIN ZINTZ

Cannes. Nach Äußerungen über Adolf Hitler ist der dänische Regisseur Lars von Trier vom Festival in Cannes offiziell zur „unerwünschten Person“ erklärt worden. Ab sofort gelte von Trier als „persona non grata“ (,unerwünschte Person’), teilte das Festival gestern mit. Am Mittwoch hatte der 55 Jahre alte Däne auf der Pressekonferenz zu seinem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag „Melancholia“ erzählt, dass seine Familie deutsche Wurzeln habe. „Ich bin ein Nazi“, sagte er vor laufenden Kameras, „ich verstehe Hitler. Ich glaube, dass er ein paar schlechte Dinge gemacht hat, klar, aber ich kann ihn mir in seinem Bunker vorstellen, am Ende.“ Wenige Stunden später ließ er über seine Agentur allerdings eine Entschuldigung verbreiten.

Von Trier, der sich selbst gern als neurotischen, seelisch gestörten Menschen beschreibt, ist regelmäßig zu Gast in Cannes. Hier hat er auch in der Vergangenheit schon wiederholt für Skandale gesorgt – sei es mit pornografischen oder extrem gewalttätigen Szenen in seinen Filmen oder mit provozierenden Äußerungen. Doch immer wieder wurde von Trier für seine ästhetisch herausragenden Werke auch gefeiert. Im Jahr 2000 erhielt er die Goldene Palme für „Dancer in the Dark“.

Seine jüngsten Kommentare seien „nicht akzeptabel, nicht tolerierbar und stehen im Gegensatz zu den Idealen der Humanität und Großzügigkeit“ des Festivals, heißt es in der Erklärung der Festivalmacher. Die Organisatoren verurteilten die Aussagen aufs Schärfste und erklärten von Trier für das derzeit laufende Festival „zur Persona non grata, mit sofortiger Wirkung“. Wie vom Festival zu erfahren war, soll der Film „Melancholia“ allerdings weiter im Wettbewerb um die Goldene Palme bleiben. Lars von Trier hat sich derweil entschuldigt: „Wenn ich heute Morgen jemanden durch meine Worte verletzt habe, möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Ich bin weder antisemitisch, habe keine rassistischen Vorurteile, noch bin ich ein Nazi.“

100 Meter Abstand zum Palast muss er fortan halten. NP-Mitarbeiter Dieter Oßwald sprach im Nobelhotel Les Mas Candille mit dem dänischen Regisseur Lars von Trier.

Sind Ihre Filme fortan ebenfalls gebannt?

Das weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass ich mich dem Festival-Palais nicht mehr als 100 Meter nähern darf.

Haben Sie den Bruch bewusst provoziert?

Es ist eine groteske Situation, dass ich auf diese Weise den Kontakt zu Cannes verloren habe, dem ich so viel verdanke. Auf der anderen Seite komme ich jedes Jahr hierher und habe das Gefühl, dass ich Filme nach dem Geschmack des Festivals drehe. Ich hatte Angst, dass ich mir eine unbewusste Zensur auferlege. Wenn diese ganze Sache etwas Gutes hat, dann vielleicht die Möglichkeit, dass ich nun freier bin.

Welcher Teufel hat Sie geritten?

Ich habe große Angst vor Konflikten. Aber wenn ich einen vollen Saal habe, möchte ich ihn unterhalten. Mir ist einfach nichts Wichtiges eingefallen, deshalb habe ich eben irgendwas gesagt und mich in diesen Satz verstrickt. Wenn man so eine Situation retten will, wird alles nur noch schlimmer.

Hat Sie die Reaktion noch depressiver gemacht?

Ich gebe zu, dass ich ein bisschen stolz darauf bin, eine persona non grata zu sein. Ich habe einen französischen Orden, den sie mir jetzt vermutlich vom Jackett abreißen würden. Aber wie gesagt, es war dumm und hat Menschen verletzt, die ich nicht verletzen wollte.

Ist das geplante Remake von „Taxi Driver“ mit Martin Scorsese damit gestorben?

Ich weiß es nicht. Ich habe von Marty noch nichts gehört. Aber er ist ein Typ, der viel Verständnis hat.