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Kultur Held der Vinyl-Ära: „Unsere Cover sind nicht bloß Schnappschüsse mit dem Smartphone“
Nachrichten Kultur Held der Vinyl-Ära: „Unsere Cover sind nicht bloß Schnappschüsse mit dem Smartphone“
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18:13 17.12.2018
„Pink Floyd liebten unsere Ideen“: Aubrey Powell, aufgenommen in der Pink-Floyd-Ausstellung „Their Mortal Remains“, die er zusammenstellte. Quelle: Rupert Truman

Sie haben für die größten Rockstars der Siebziger gearbeitet, unter anderem für Led Zeppelin, Paul McCartney, Peter Gabriel und The Who. Am berühmtesten ist das Cover des Pink-Floyd-Albums „The Dark Side of the Moon“. Ist dies auch Ihr Lieblingsmotiv?

Das Cover ist so bekannt, weil sich das Album 65 Millionen Mal verkauft hat. Wäre es nur tausendmal verkauft worden, wäre es vielleicht nicht so ikonisch. Mein Lieblingscover ist es aber nicht, weil es eine Grafik ist. Am besten finde ich fotografische Cover, wie für das The-Nice-Album „Elegy“ von 1971. Ich fotografierte dafür rote Bälle in der Sahara. Als ich den Entwurf The-Nice-Keyboarder Keith Emerson zeigte, sagte er: „Das sieht teuer aus.“ Ich antwortete: „Ja, die Plattenfirma wird das niemals bezahlen.“ Und er: „Okay. Dann übernehme ich das.“ Es war das erste Mal, dass jemand wirklich an Hipgnosis glaubte.

Ihr Markenzeichen waren seltsame, schräge Motive wie die Kuh auf dem Pink-Floyd-Album „Atom Heart Mother“. Woher hatten Sie Ihre Ideen? Wer hat Sie inspiriert?

Surrealistische Künstler wie René Magritte, Salvadore Dalí, Giorgo de Chirico und Marcel Duchamp hatten Storm und mich stark beeinflusst. Unsere Cover illustrierten weder die Musik noch die Texte, sie hatten auch keinen Bezug zum Bandnamen oder zum Albumtitel. Es waren einfach nur plakative, wohlüberlegte Bilder. Sie sollten für Andersartigkeit stehen und in den Plattenläden mit ihren Millionen Alben auffallen. Pink Floyd liebten das.

Hypgnosis-Hauptauftraggeber Pink Floyd: Roger Waters, Nick Mason, Dave Gilmour und Richard Wright im Jahr 1972. Quelle: PA_Wire

Für wen hätten Sie gern gearbeitet?

Bob Dylan und Bruce Springsteen, weil beide mit ihren Songs Geschichten erzählen. Unsere Cover erzählten auch Geschichten.

Würden Sie heute gern für Rapper oder R-’n’-B-Künstler arbeiten?

Ja, denn ich finde viele ihrer Cover uninteressant. Meist sind es Fotografien der Musiker selbst, so wie es schon in den Fünfzigerjahren üblich war. Beyoncé, Rihanna, Drake oder Jay-Z legen nicht so viel Wert auf Coverdesign. Der Grund ist: Die Verpackungen sind nicht mehr wichtig, weil immer weniger Menschen physische Tonträger kaufen, sondern ihre Musik streamen oder downloaden. Ihre Bühnenshows sind dagegen sehr kunstvoll und aufwendig.

Aubrey Powell – Der Pink-Floyd-Vertraute

Der Fotograf Aubrey Powell (72) hat mit seinem Partner Storm Thorgerson Hunderte von Plattencover für die Rockstars der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre entworfen. Am bekanntesten dürfte die Hülle des Pink-Floyd-Albums „The Dark Side of the Moon“ sein. Die Psychedelic-Rock-Band war einer der Hauptauftraggeber ihrer Designfirma Hipgnosis. Außerdem arbeiteten die beiden unter anderem für Paul McCartney, Led Zeppelin, Genesis, Yes und Peter Gabriel. Später drehte Powell für dieselben Künstler Musikvideos. Zuletzt kuratierte der 72-jährige Brite die noch bis zum 10. Februar 2019 im Dortmunder U laufende Ausstellung „The Pink Floyd Exhibition – Their Mortal Remains“. Powell ist bis heute mit allen noch lebenden Pink-Floyd-Mitgliedern befreundet.

Das Coverdesign verlor schon einmal an Bedeutung: Anfang der Achtzigerjahre, als die CD und Musikvideos aufkamen. Damals endete auch die Hipgnosis-Geschichte. Waren Sie damals traurig?

Überhaupt nicht. Ich war erleichtert. Ich hatte 15 Jahre lang eine Hasselblad-Kamera vor meiner Brust getragen, ich hatte jeden Tag gearbeitet, auf der ganzen Welt. Wir hatten die Blütezeit der Albumcover, die 1967 mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ begann und 1982 endete, nicht nur miterlebt, sondern mitgestaltet. Wir wollten nun lieber Filme machen. Zufällig startete damals MTV, und wir sahen unsere Chance, die Albumcoverwelt zu verlassen. Hinzu kam: Die Plattenfirmen waren wegen der Punkbewegung nicht mehr bereit, so viel Geld für ein Cover auszugeben. Sie hatten erkannt, dass man ein Cover auch für 2 britische Pfund haben konnte. Außerdem wurde die CD eingeführt. Wer will schon für ein so winziges Format arbeiten? Ich nicht.

„Wir sind die New Wave. Sieh dich vor!“: Sid Vicious (links) und Jonny Rotten von den Sex Pistols bei einem Auftritt 1978 in Dallas. | Sex Pistols Quelle: dpa

Sie sagen, Punk zerstörte die Budgets. Kurioserweise zogen die Sex Pistols in dasselbe Gebäude in der Denmark Street, in dem sich auch das Hipgnosis-Hauptquartier befand. Haben Sie die Band gehasst?

Die Sex Pistols hatten dort ihren Übungsraum. Wir nutzten denselben Eingang. Manchmal hörten wir sie proben. Es klang für mich absolut unbrauchbar. Wir waren es gewohnt, mit sehr anspruchsvollen Musikern zu arbeiten. Eines Tages traf ich Johnny Rotten im Flur. Er trug sein berühmtes „I hate Pink Floyd“-T-Shirt. „Warum trägst du das?“, fragte ich ihn. „Ihr seid alte Männer, ihr hört den ganzen Tag Crosby, Stills and Nash, ihr seid am Ende. Wir sind die New Wave. Sieh dich vor!“, antwortete er. Er war sehr aggressiv. Ich erkannte aber, dass eine Veränderung in der Luft lag.

Eine der berühmtesten Plattenhüllen aller Zeiten: Pink Floyds „The Dark Side of the Moon“. Quelle: Pink Floyd Ltd.

Konnten Sie Punk gar nichts abgewinnen?

Malcom McLaren, der Sex-Pistols-Manager, lud mich zum ersten Konzert ein. Es sollte gleich gegenüber stattfinden. „Ich denke nicht im Traum dran, mir einen Sex-Pistols-Gig anzusehen. Die sind entsetzlich“, entgegnete ich und schlug die Einladung aus. Ich bereue diese Entscheidung bis heute.

Hören Sie als Coverkünstler auch heute noch Vinyl?

Ich besaß Tausende LPs. Ich habe sie alle verkauft. Vinyl ist zu umständlich. Ich hab eine Jukebox mit Singles aus den Sechzigern und Siebzigern. Ansonsten lade ich meine Musik herunter. Ich habe die digitale Welt umarmt.

Wie konnte das passieren?

Unsere Produktionen waren damals sehr aufwendig, sie dauerten bis zu sechs Wochen. Wir arbeiteten ohne Spezialeffekte. Was auf den Bildern zu sehen ist, gab es auch in Wirklichkeit. Das war unsere Arbeitsweise. Wir wollten das so. Für das Cover von Pink Floyds Album „Wish You Were Here“ haben wir tatsächlich einen der beiden Geschäftsleute in Brand gesteckt. Heute würde ich das Feuer mit Photoshop in zwei Stunden hinzufügen. Das Gleiche gilt für Filmbearbeitung. Wofür man früher Stunden brauchte, dauert heute nur Sekunden. Vieles geht schneller und einfacher. Ich habe die digitale Welt wirklich fest umarmt. Ich bin auf dem neusten Stand.

Trotzdem haben Sie die Pink-Floyd-Ausstellung kuratiert. Ein bisschen retro sind Sie doch …

Ja. Es ist eine Retrospektive. Ein Zweck der Schau ist aber auch: Junge Leute sollen sehen, wie wir die Dinge damals angegangen sind, wie diszipliniert, wie sorgfältig wir arbeiten mussten, wie lange alles dauerte. Heute will jeder alles sofort haben. Früher hatten wir die Zeit, darüber nachzudenken, welches Bild wirklich das beste ist. Unsere Cover sind nicht bloß Schnappschüsse mit dem Smartphone. Sie sind Kunst.

„Unsere Cover sind Kunst“: Für die Plattenhülle von „Wish you were here“ zündeten Aubrey Powell und Storm Thorgerson einen Stuntman an. Quelle: Pink Floyd

WLtd. as auffällt: Die Ausstellung ist gar nicht so nostalgisch, wie man gedacht hätte. Pink-Floyd-Alben wie „The Wall“ oder „Animals“ sind auch heute, in Zeiten neuer Mauern und immer lauter werdender Demokratiefeinde, noch relevant …

Ja, Pink-Floyd-Metaphern wie die Mauer oder das aufblasbare, fliegende Schwein sind heute genauso bedeutungsvoll wie einst. Und Roger Waters gibt bis heute starke, klare politische Statements ab. Er wagt sich weit aus der Deckung und muss vorsichtig sein, dass man nicht auf ihn schießt.

Haben Sie jemals versucht, die Pink-Floyd-Trennung zu verhindern?

Ich bin dicht dran an der Band, ich bin immer noch ihr Art Direktor, ich spreche mit ihnen regelmäßig. Klar habe ich versucht, die Freundschaft zu reparieren. Roger Waters und David Gilmour sind zwei unfassbar talentierte und intelligente Musiker. Es gibt nichts Vergleichbares, als zu erleben, wie sie in einem Raum gemeinsam Musik machen. Doch da ist ein Groll, da sind menschliche Spannungen und politische Meinungsverschiedenheiten, die sich schwer überwinden lassen.

Als Sie Waters, Gilmour und Mason, den noch lebenden Pink-Floyd-Mitgliedern, Ihre Ausstellungsidee vorstellten, waren da alle in einem Raum?

Nein. Ich habe alle persönlich getroffen, aber getrennt voneinander. Sie waren nie im selben Raum. Es ist traurig. Ich sage nie nie, aber ich sehe sie nicht noch einmal zusammen auftreten.

Einige Ausstellungsstücke, die in London zu sehen waren, fehlen im Dortmunder U, der erste Bandbus etwa und das Modell der Battersea Power Station. Warum?

Die Ausstellung ist ein bisschen kleiner. Es gab nicht genug Platz. Wir mussten etwas weglassen.

Ist Dortmund überhaupt der richtige Ort?

Ich wollte ursprünglich nach Berlin, am liebsten nach Tempelhof, in das ehemalige Flughafengebäude. Aber in ganz Berlin war keine Location frei. Manche Museen sind drei, vier Jahre im Voraus ausgebucht. In Dortmund dagegen war Platz, und Dortmund hat eine Pink-Floyd-Vorgeschichte. Die Band führte dort „The Wall“ an acht Abenden im Februar 1981 auf – und sonst nur noch in Los Angeles, New York und London. Trotzdem: Berlin ist ein kulturelles Zentrum, Dortmund nicht. Manchmal hat man einfach nicht die Wahl.

Das aufblasbare Schwein „fliegt“ zwischen den Schornsteinen der Battersea Power Station in London. Quelle: Pink Floyd Ltd.

Welche Fotosession war die aufwendigste oder aufregendste?

Ganz klar: die Aufnahmen für das „Animals“-Cover an der Battersea Power Station in London, als sich das aufblasbare Schwein losriss und in die Einflugschneise von Heathrow Airport geriet. Ich stand neben diesem riesigen Kohlekraftwerk und blickte dem Schwein hinterher. Nie in meinem Leben hatte ich mehr Angst. Ich sah uns schon verantwortlich für eine der schrecklichsten Flugzeugkatastrophen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie alle von Pink Floyd in ihre Autos stiegen und abhauten und mich allein zurückließen.

Und dann?

Es gab ja keine Mobiltelefone. Ich lief zur nächsten Telefonzelle und rief die Polizei. „Da fliegt ein gigantisches Schwein den Flugzeugen entgegen“, rief ich in den Hörer. Piloten hatten es schon gemeldet. Der Flugverkehr wurde gestoppt. Zwei Militärflugzeuge stiegen auf, um das Schwein zu suchen, weil es nicht auf dem Radar zu sehen war. Ich wurde zwischenzeitlich festgenommen, weil ich, wie sie sagten, für ein Ufo verantwortlich war. Hinterher glaubten alle, es war ein PR-Gag. Aber das war es bestimmt nicht.

Die Angelegenheit ging aber gut aus …

Ja. Gegen 21 Uhr, ich war zurück in meinem Fotostudio in der Denmark Street, klingelte das Telefon. Ein Bauer aus Südengland rief an und fragte: „Sie suchen ein großes, pinkfarbenes Schwein?“ – „Ja.“ – „Es liegt auf meinem Feld und erschreckt meine Kühe.“

Von Mathias Begalke/RND

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