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Kultur Der Anti-Sommernachtstraum
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18:21 28.06.2009
"Der Geheime Garten" birgt ein Geheimnis um die tote Lily Craven (Michaela Linck).
"Der Geheime Garten" birgt ein Geheimnis um die tote Lily Craven (Michaela Linck). Quelle: Frank Wilde
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Von Stefan Gohlisch
Hannover. Am Ende, wenn der letzte Vorhang gefallen ist, nur noch die goldenen Figuren im Gartentheater glimmen und der letzte Geist der Vergangenheit im Dunkeln verschwindet, brandet Jubel auf. Da ist selbst dem Herrenhausen-Kenner der Große zum „geheimen Garten“ verzaubert worden. Beinahe wirkt der Beifall erleichtert.
Das Theater für Niedersachsen hat es sich nicht leicht gemacht, auch das Publikum hat es fast zweieinhalb Stunden lang nicht leicht gehabt. „Der geheime Garten“ ist ein Klassiker der englischen Jugendliteratur, in Deutschland ist er nahezu unbekannt. Das Musical stammt vom Broadway, hat einige britische Skurrilitäten der Vorlage geglättet, jedoch eine Geister-Ebene hinzugefügt.
Erzählt wird von der jungen Mary (sehr süß: die 13-jährige Sarah Wilken, die sich die Rolle mit zwei Mädchen teilt). Ihre Eltern sind in Indien an der Cholera gestorben, nun wird sie zu ihrem Onkel Archibald (beeindruckend stimmstark: Fredrik Wickerts) nach England verfrachtet, in dessen tristes Anwesen, in dem es zu spuken scheint.
Archibald hat den Lebensmut verloren, seit seine Frau Lily (Michaela Linck) starb. Und dann ist da noch sein intriganter Bruder Dr. Craven. Jens Krause, als tuntiger Puck zum Publikumsliebling avanciert, spielt ihn und hats nicht leicht. Und erst allmählich, vor allem dank des Naturburschens Dickon (herzig: Jens Plewinski), blüht Mary auf, blüht auch ihre Umwelt auf.
Ein Schauermärchen statt einer Shakespeare-Komödie, Kammerorchester statt Band, eine farbarme Inszenierung statt knalligem Bunt, Musical-Melodien mit mal keltischen, mal indischen Einflüssen statt knackiger Pop-Songs, schließlich eine komplexe Erzählweise mit Rückblenden und Visionen statt des übermütigen Shakespeare‘schen Durcheinanders. Die Produktion für die Gartenregion wirkt wie ein Anti-Sommernachtstraum, ein gewollter Gegenentwurf zu der Arbeit Heinz Rudolf Kunzes und Heiner Lürigs aus den vergangenen fünf Jahren.
In den Figuren der vergessenen Kinder blitzt der Geist der Gegenwart auf. Die Wut der Alleingelassenen kennen moderne Patchwork-Kinder auch. „Ich wünsch‘ mir einen Platz für mich, an dem ich einfach bin wie ich“, singt Mary: „einen Platz, wo mein Herz nicht so laut klopft.“
Es geht um den überfälligen Abschied vom Ballast der Vergangenheit, vom männlichen Brüten. Als „sehr weibliches Stück“ hat Regisseur Craig Simmons das Stück bezeichnet. Alles fließt, die Darsteller bewegen sich durch labyrinthische, bewegte Kulissen, hier fließen auch die Melodien ineinander, verschwimmen die Welten des Traums, der Illusion und der Wirklichkeit. Die Kerle sind Waschlappen, Bastarde oder tot, die Frauen – allen voran Wiebke Wötzel als Platt schnackendes handfestes Hausmädchen Martha – besitzen zumindest Kontur. Einzig die Kinder sind zur Handlung fähig, vertreiben mit ihrer Unschuld die Düsternis – nur die Zarten kommen in den Garten.
Man kann den demonstrativen Symbolismus des Erblühens durch Reinheit, das Lob des einfachen Lebens naiv finden. Man kann auch durch einige der gesungenen Binsenweisheiten („wenn die Dürre droht, ist die Lilie tot“) schwer belustigt sein. Man kann das Stück trotzdem genießen. Auch insofern passt „Der geheime Garten“ perfekt zur Gartenregion.

Bewertung: 4/5.