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Kultur Das rockt! 37.000 bei Coldplay in Hannover
Nachrichten Kultur Das rockt! 37.000 bei Coldplay in Hannover
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22:54 25.08.2009
Hier geht die Post ab: Coldplay begeistern 37.000 in der AWD-Arena.
Hier geht die Post ab: Coldplay begeistern 37.000 in der AWD-Arena. Quelle: Heusel
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VON MATTHIAS HALBIG

Jedes einzelne kleine Fischlein glaubt man in diesen klingenden Fluten schwänzeln und jubilieren zu hören, und so macht man sich gemein mit ihnen, macht die Donau-Welle, als gegen neun Uhr abends im Rund der AWD-Arena Johann Strauß’ „An der schönen blauen Donau“ anschwillt – jene Majestät unter den Walzern, zu der sich schon Kubricks Raumstation in „2001“ drehte.

Man schunkelt munter, bis das Loop mit der indischen Santoor dann die Band des Abends ankündigt. Ein gläsernes Klöppeln schwebt da zu raschem, tablaartigem Pochen von der Bühne durchs Stadion. 37.000fache Begeisterung. Coldplay sind im Haus.

In Hannovers AWD-Arena starteten sie ihre Deutschland-Tour: 37.000 feierten Coldplay.

Mit „Live in Technicolor“, dem instrumentalen „Öffner“ des aktuellen Albums, starten die vier Briten ihre Hannover-Show. Zum Abenddämmer dieses wolkenverhangenen Sommertags singt Chris Martin dann im bluesigen „Violet Hill“ vom „langen, dunklen Dezember“ und in „Clocks“ davon, dass „die Lichter ausgehen“ und er „nicht gerettet werden“ kann. Bange klingt sein Falsett, das Piano gluckert wie Wasser, das durch einen Siphon aus der Welt ins Dunkel strudelt. „I was lost, I was lost“, singt Martin das Lamento von „In my Place“ und die Gitarre Jonny Bucklands malen hübsche Regenbögen aus Tönen dazu.

U2 als Vorbild

Der Coldplay-Sound hat Vorbilder, erinnert recht oft an The Edges wohlige Saitenklingelei aus U2s „Joshua-Tree“-Zeiten, und die Uniformjacke macht auch einen recht schmucken Sergeant Pepper aus Chris Martin. Man orientiert sich an den größten Namen und bietet entsprechend große Show. Bei „Yellow“ schreien all die Lichter und die andersweltigen Bildschirme ein blendendes „Geeeelb!!!“ in die Arena, das Volk lässt riesige Dotterballons über den Köpfen tanzen.

„Schau die Sterne an, wie sie für dich scheinen“, singt Martin dazu, und „Für dich würde ich mich leerbluten.“ Kaum etwas ist so wunderbar wie ein „silly lovesong“. Das wusste schon der Beatle Paul. Und dessen 60er Jahre schimmern in den „Cemeteries of London“, einem Song, der gleich zwei Klassiker birgt, das „House of the Rising Sun“ der Animals und die „Scarborough Fair“ von Simon & Garfunkel.

Klingt, als wäre hier das Pathosbrötchen beim Tunken in den Kitschkakao abgebrochen, aber die Melancholie dieser Songs erfährt live einen enormen Kraftzuwachs. Coldplay wechselt die Bühnen und spielt auch auf den kleinen Spots mitten unter den Fans, als gälte dieser Tag alles. Das Schlagzeug von Will Champion und der Bass von Guy Berryman geben Groove bei, und in der Stimme Martins ist guter alter Rock ’n’ Roll auszumachen, wo Konzertnovizen affektierten Pop erwartet hatten. Martin ist auch keiner von den scheuen Schuhbetrachtern, er tänzelt, befeuert die Massen, ist immer unterwegs. Seinem Grinsen nach hat er eine mindestens so große Zeit wie der revolutionsbedrohte Weltenherrscher aus „Viva la Vida“ in seinen besten Tagen. Die „Oooooh“-Chöre, die Hannover zu Majestäts Untergang liefert, sind wuchtig. Der, sagen wir, drittberührendste Moment des Abends.

Mehr als nur Effekt

Der zweitberührendste ist, wenn zu „Lovers in Japan“ Trillionen Papierschmetterlinge in den Bühnenlichtern kreiseln, die antiken Symboltiere der Seele. Geschmackvoll ist diese Show, kein vordergründiges Effektarium, sondern dazu erdacht, Dienerin der Musik zu sein und deren Innerstes zu illustrieren.

Der berührendste Moment? Zum Ende des Unplugged-Sets hebt „Billie Jean“ an, Coldplay verzaubern Michael Jacksons Tanzbodenbrett in ein Folkstück. Martin kiekst wie Jacko, der in einem ihm besser gesinnten Universum als diesem derzeit mitten in seinen Comeback-Konzerten steckt. Die Version ist dabei – drei Gitarren plus Mandoline – eigentlich bescheiden, die Magie des Augenblicks aber ist mit Händen zu greifen.

So nehmen Könige von Königen Abschied. *****