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Nachrichten Kultur Das ist Hannovers doppelte „Iphigenie“
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13:44 04.12.2019
Auf stiller See: Sabine Orléans (links) und Seyneb Saleh sind Hannovers „Iphigenie“. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Eine Frau zwischen Neigung und Pflicht – davon erzählt der griechische Mythos der Iphigenie. Regisseurin Anne Lenk verwendet für ihre Hannover-Premiere am Schauspielhaus die Texte von Euripides und Goethe. Wir sprachen mit ihren beiden Hauptdarstellerinnen Seyneb Saleh (33) und Sabine Orléans (59), die in der Inszenierung beide die Titelrolle übernehmen werden.

Sie spielen die Iphigenie von Euripides und von Goethe. Wie verquicken Sie das?

Seyneb Saleh: Es gibt keine Verquickung, sondern zwei Teile: erst Euripides in der Schiller’schen Übersetzung, dann Goethe, also ein Teil bis zu ihrer Opferung und einer danach.

Und Sie, Frau Saleh, spielen die junge Iphigenie und Sie, Frau Orléans, die etwas ältere?

Orléans: Das ist jetzt sehr charmant (lacht). Aber es stimmt.

„Eigentlich zu jung zum Heiraten“

Und was unterscheidet die beiden?

Orléans: Erst einmal das Alter; das sind 20 Jahre Unterschied.

Saleh: Wir legen die Euripides-Iphigenie sehr jung an, was sie auch im Text ist, irgendetwas zwischen zwölf und 16, also eigentlich zu jung zum Heiraten. Wir fokussieren uns darauf, wie man als Kind geprägt ist von seinen Eltern und der Gesellschaft und den Rollenbildern, in die man hineingeboren wird.

Orléans: Und bei meiner Iphigenie spürt man eine Form des Erwachsenwerdens auf dieser Insel, auf der sie nun lebt. Sie hat dort 20 Jahre einen Dienst als Priesterin geleistet, dabei auch einen Mann kennengelernt, König Thoas, mit dem sie eine sehr innige Beziehung aufbaut, die sie aber nicht richtig leben kann, weil sie verhaftet ist in ihrer Familiengeschichte. Sie verharrt in einer Situation, aus der sie nicht herauskommt. Andererseits hat sie auch viel verändert auf dieser Insel: indem sie mit diesem Mann geredet hat.

Lesen Sie hier: Sabine Orléans liest Plaths „Glasglocke“

„Für uns hat das Wort keinen Wert mehr“

Ist dieses Reden und die Emanzipation durch das gesprochene Wort der Schlüssel?

Orléans: Ja: das Wort zu schätzen als das, was es wirklich bedeutet und das in Handlung übergehen kann. Für uns heute hat das Wort keinen Wert mehr; dort ist das anders. Und trotzdem ist diese Frau verletzt und trägt ein Trauma mit sich. Am Ende kostet sie das etwas.

Was denn?

Orléans: Sie rettet ihren Bruder, und sie können nach Griechenland zurückkehren, aber sie verliert ihr privates Glück.

Verliert sie damit auch ihre Eigenständigkeit?

Orléans: Die Frage haben wir uns auch gestellt. Als Priesterin konnte sie etwas bewegen, und jetzt geht sie zurück. Und während ihr Bruder König wird, kehrt sie in ihre alte Rolle zurück und muss heiraten und Kinder kriegen.

Was ist denn ihre Rolle?

Saleh: Ich glaube, dass sie bis zu dem Moment, in dem sie sagt: „Ich mach’s, ich lasse mich opfern!“, ganz viel nachredet, was der Vater sagt, was die Umgebung ihr eingeprägt hat.

Lesen Sie hier: So ist „Platonowa“ mit Seyneb Saleh

„Der Mensch zwischen Neigung und Pflicht“

Tun wir das nicht alle?

Saleh: Ja. Und da stellt sich die Frage, inwiefern sie wirklich eigenständig handelt. Das kann man ja auch nur, wenn man einmal etwas anderes kennengelernt hat. Letztlich handeln hier alle Figuren nur aus Angst, auch ihr Vater Agamemnon. Das Kind wird vorgeschoben, und alle sind erleichtert, als Iphigenie hervortritt.

Orléans: Der Punkt bei der älteren Iphigenie ist, dass sie, um ihren Bruder zu befreien, König Thoas betrügen muss. Und dann legt sie alles auf die Waagschale und gesteht. Es gibt halt nichts Wahres im Falschen. Natürlich sind die Figuren bei Goethe sehr stark Ideengeber: das Menschenbild der Weimarer Klassik zwischen Neigung und Pflicht. Dieser Zwiespalt ist ein kosmisches Thema. Heute, in der westlichen Welt, habe ich den Eindruck, wir neigen uns der Neigung zu. Bei Iphigenie geht es um die Frage: Was kostet es mich, wenn ich Verantwortung für mein Handeln übernehme?

„Utopien sind immer nur Möglichkeiten“

Welche Rolle spielt bei Ihnen die kriegerische Logik, die der ganzen Geschichte überhaupt zugrunde liegt? Dass ein Mann seine Tochter zu opfern bereit ist, weil er unbedingt in einen angeblich gerechten Krieg ziehen will?

Saleh: Diese Welt nehmen wir für diese Inszenierung als gegeben an. Aber natürlich wird sie durch die Handlungen der Personen in Frage gestellt. Es ist eine strikt patriarchale Struktur, in der Frauen keine andere Rolle zusteht als die des Opfers. Als Iphigenie sich zum Opfer erklärt und quasi zur Heiligen wird, ist das mehr, als sie erreichen könnte, wenn sie am Leben bliebe, heiratete und Kinder kriegte.

Orléans: Im zweiten Teil versuchen wir das aufzubrechen. Es klingt immer wieder an, dass es eine Alternative geben könnte.

Saleh: Das haben Utopien leider an sich: Es sind immer Möglichkeiten und Entwürfe, die man mutig entwerfen muss.

Und dann kommt dieser elende Realitätsabgleich ...

Saleh: Genau, da kann man auch scheitern. Trotzdem ist es wichtig, diese Utopien zu entwerfen.

„Es ist ein Kampf, aber es macht Spaß“

Wie ist es, diese Sätze zu sprechen?

Saleh: Mir fielen vor allem die Sätze schwer, die fast faschistisch sind, nach dem Motto: „Wir sind die Griechen, wir sind die besten ...“ Da muss ganz genau gucken: Wie steht die Figur zu dem Gesagten? Spricht sie aus der Angst heraus? Sind es überhaupt ihre eigenen Worte?

Orléans: Und die Goethe-Sprache ist einfach sehr schwer. Neulich habe ich gedacht, ich kann überhaupt keine Grammatik mehr (lacht). Aber diese Sprache hat eben auch eine große Schönheit. Es ist ein Kampf, aber es macht auch Spaß.

Warum lohnt es sich, diese Geschichte heute noch zu erzählen?

Orléans: Das ist die Frage. Kann man heute – Stichwort alternative Fakten – noch so naiv sagen: „Ich sage die Wahrheit!“? Ja, man muss es sogar. Und man muss – auch wenn die Zusammenhänge komplex sind – zu einer Form von Naivität zurückkommen. Geht es nämlich darum, ob ich einem Menschen helfe oder nicht, muss ich mich ganz klar entscheiden: Gehe ich einer Ethik nach oder nicht? Und natürlich muss man zu seiner Ethik stehen und Verantwortung übernehmen.

Darum geht es

König Agamemnon will endlich in den Trojanischen Krieg segeln. Doch die See ruht still, ein Racheakt der Göttin Artemis, die er verärgert hat. Sie fordert ein Menschenopfer: Königstochter Iphigenie. Die willigt auch ein – und wird in letzter Minute von Artemis gerettet. So erzählte es der alte Grieche Euripides in seiner 405 v.Chr. uraufgeführten Tragödie „Iphigenie in Aulis“.

Goethes „Iphigenie auf Tauris“ setzt 20 Jahre später ein: Die Dame führt bei den Taurern ein angesehenes Leben als Priesterin. Doch als ihr Bruder Orest anlandet, wird ihre Loyalität auf die Probe gestellt: Rettet sie ihn, und gibt damit das Leben auf, das sie sich aufgebaut hat?

Die Hannover-„Iphigenie“ feiert am 8. Dezember 2019 ab 19 Uhr im Schauspielhaus Premiere. Mehr Informationenfinden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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