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Kultur Das Phänomen Rammstein
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14:43 26.06.2019
Martialisch: Till Lindemann, Frontmann von Rammstein, Mitte Juni beim Konzert der Band im Berliner Olympiastadion. Quelle: Foto: dpa
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Hannover

„Was war das denn?“ Der Musikwissenschaftler Peter Wicke war genauso irritiert wie die Handvoll Leute im Publikum neben ihm. Unverhofft wurde er im April 1994 in Leipzig teil der modernen Popgeschichte, aber das wusste er damals noch nicht: Er war Besucher des ersten Konzerts der Band Rammstein.

Seine Faszination hält an, auch 25 Jahre später. Wicke, Professor für Theorie und Geschichte der Populären Musik an der Berliner Humboldt-Universität, hat – passend zur aktuellen Tour – für die Reclam-Reihe „100 Seiten“ ein Buch geschrieben, in dem er sich des Phänomens dieser Band annimmt.

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Was Sie über das Hannover-Konzert wissen müssen, lesen Sie hier.

Er beschreibt die Entstehung Rammsteins aus dem Punk der DDR, sinniert über archaische Bildstereotype und atavistische Klangmuster und auch über das provokante Deutschsein der Band, das er als Suche nach der verlorenen Identität interpretiert: „Rammsteins permanente Provokationen zielen auf die obszöne Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die sich zum Sieger der Geschichte erklärt hat, aber selbst voller erschreckend tiefer Abgründe ist.“

Rammstein allein musikalisch zu bewerten, greife zu kurz: „Rammstein ist viel mehr, ist eine Einheit aus Sound, Licht und Performance.“ Das Spiel mit dem Feuer – buchstäblich und im übertragenen Sinn – sei nicht nur Staffage, sondern gerade in seiner Vieldeutigkeit künstlerisches Konzept.

Eine Kritik zum neuen Rammstein-Album lesen Sie hier.

Rammstein lässt mit dem Gesamtensemble aus Text, Musik und Show bestimmte Bilder an die Oberfläche des Bewusstseins aufsteigen, die ihren Ursprung in der mit Medienbildern überfüllten Phantasie des Publikums haben“, schreibt Wicke,. Und weiter: „Nicht Rammstein inszeniert diese Bilder, die Band liefert nur die Trigger“. Er zitiert Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz „Sonst will ja keiner mehr böse sein. Also übernehmen wir das.“

Dieser Überwältigungsstrategie könne man sich kaum entziehen; die Inszenierung ziehe jeden, der einem Rammstein-Konzert ausgesetzt ist, „widerstandlos in sich hinein“, schreibt Wicke: „Aber vielleicht ist es genau das, was in Zeiten wie diesen Not tut – dass wir gelegentlich über uns selbst erschrecken.“

Peter Wicke:Rammstein. 100 Seiten“. Reclam, 100 Seiten, zehn Euro.

Von Stefan Gohlisch