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Kultur Das Melodram „A single Man“ mit Colin Firth startet
Nachrichten Kultur Das Melodram „A single Man“ mit Colin Firth startet
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20:02 07.04.2010
Von Stefan Stosch
Zu zweit einsam: Colin Firth und Julianne Moore sehnen sich nach vergangenen Zeiten. Quelle: Senator
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Alles ist bereitet. Der Abschiedsbrief an die alte Freundin Charley ist geschrieben, eine großzügige Summe für die Haushälterin deponiert. Den Ehering der Mutter hat er sich auf den Finger gestreift, Schuhe, Anzug, Hemd und Schlips auf dem Schreibtisch fein säuberlich sortiert. Und die Pistole ist in der Aktentasche verstaut.

Jetzt muss George Falconer (Colin Firth) nur noch diesen „gottverdammten Tag“ rumbringen. Es soll der letzte sein im Leben des britischen Literaturprofessors in Los Angeles.

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Falconer hat mit seinem Leben abgeschlossen, als ihn die Nachricht vom Tod seines Geliebten Jim erreichte. 16 Jahre lang hatten die beiden zusammengelebt, dann verunglückte Jim bei einem Autounfall. Am Telefon nahm Falconer die Todesnachricht noch mit eiserner Disziplin auf – inklusive der Demütigung, dass er nicht bei der Beerdigung im Familienkreis erwünscht sei. Erst als er den Hörer wieder aufgelegt hatte, brach er zusammen.

Und jetzt hat er genug vom bereits Monate währenden Schmerz über den Verlust. Falconer will nicht mehr der Vergangenheit mit Jim nachtrauern. Er erträgt es nicht mehr, jeden Morgen gegen die seelische Erschöpfung anzukämpfen, bis ihm wieder der „perfekte Mr. Falconer“ aus dem Badezimmerspiegel entgegenschaut, den er mit seiner inneren Leere längst nicht mehr zur Deckung bringen kann.

So beginnt „A single Man“. Und ebenso perfekt, wie sich der Professor auf sein Ende vorbereitet, so perfekt ist auch dieses Regiedebüt des Modedesigners Tom Ford. Das elegante Dekor, der formstrenge Bungalow des Professors, sein schwarzer Mercedes: Alles ist vom Feinsten. Natürlich hat der Modemann Ford auch den edlen Anzug seiner Hauptfigur geschneidert. Selten zeugt ein Film so sehr vom Stilwillen seines Machers.

Vorlage ist der gleichnamige Roman des Briten Christopher Isherwood aus dem Jahr 1964, ein literarischer Markstein der Schwulenbewegung (auf Deutsch: „Der Einzelgänger“). Ford schrieb auch das Drehbuch, steckte sein eigenes Geld in das Projekt, ein halbes Jahr hat er nach eigenen Angaben im Schneideraum zugebracht. Bislang hatte Ford, der viel für Gucci und Yves Saint Laurent arbeitete, mit dem Kino nur wenig Berührung – sieht man einmal davon ab, dass er für James Bond die Berufskleidung in „Ein Quantum Trost“ anfertigte.

Es geht in diesem Melodram um mehr als um schöne Bilder. Schon diese gehorchen einer ausgeklügelten Dramaturgie: Bewegt sich der trauernde Falconer wie in Trance durch seinen „gottverdammten Tag“, spielt der Regisseur mit blassen Farbtönen. Hängt Falconer seinen Erinnerungen mit Jim (Matthew Goode, bekannt aus Woody Allens „Match Point“) nach, dann in dekorativem Schwarz-Weiß – und nur in diesen Momenten ergibt sich Ford in ein oder zwei Szenen der Werbeästhetik seines Hauptberufs.

Umwerfend, wenn das Leben zu Falconer durchdringt: Reizen die muskulösen Oberkörper der Tennisspieler auf dem Universitätsgelände seine erotische Phantasie, breitet sich strahlendes Technicolor auf der Leinwand aus – erst recht dann, wenn der Student Kenny (Nicholas Hoult) Falconers Weg kreuzt. Wohl nicht zufällig: Fühlt sich der junge Mann im Angorapulli von seinem mehr als doppelt so alten Professor angezogen, oder handelt es sich hier um eine Art persönlichen Schutzengel?

So leicht wird es für Falconer jedenfalls nicht, Abschied vom Leben zu nehmen. Jetzt, da alles vorbei sein soll, dringt die Welt plötzlich wieder zu ihm durch. Er riecht und schaut und ist gerührt. Der sonst so beherrschte Professor gibt sogar etwas von sich preis. Seinen Studenten erzählt er am Beispiel von Aldous Huxley von den Ängsten der Mehrheit vor „unsichtbaren Minderheiten“, und in seine Stimme hat sich eine ganz ungewohnte Wut eingenistet.

Falconer spricht nicht ausdrücklich von Homosexuellen. Der gesellschaftliche Aufbruch steht dem Land noch bevor, momentan steckt Amerika in der Kubakrise und ist in der Furcht vor einem möglichen Atomkrieg erstarrt. Und doch ist unverkennbar: Falconer meint sich selbst mit der „unsichtbaren Minderheit“ – ein bis zur Selbstaufgabe Angepasster, der unter größter Anstrengung die bürgerlich-brave Fassade aufrechterhält.

Manche Kritiker haben Ford vorgeworfen, er verfange sich mit seinem Film im Oberflächlichen. Der Einwand trifft nicht, denn einerseits ist das Kino doch stets Oberflächen-Kunst – und andererseits ist dieser Film alles andere als flach.

Schon gar nicht in diesem Fall: Colin Firth liefert den wohl besten Auftritt seiner Karriere ab. Er war Fords Wunschbesetzung. Im Nachhinein scheint es, als sei gar keine andere möglich gewesen. Firth wurde für diese Rolle mit dem Darstellerpreis in Venedig und mit einer Oscar-­Nominierung gewürdigt.

Hinter der untadeligen Fassade verbirgt sein Professor nur mühsam die Verzweiflung, ganz besonders an dem Abend mit Charley (Julianne Moore). Zwei Leidende begegnen sich: Sie will die lange zurückliegende Beziehung mit ihm wiederbeleben, er will nur seine Ruhe und ganz gewiss keine Frau. Man kann auch zu zweit sehr einsam sein.

Störend in diesem sensationellen Kinodebüt sind nur die erläuternden Sätze der Hauptfigur aus dem Off. Die Erklärungen sind gänzlich überflüssig. Dieser todtraurige „Single Man“ erklärt sich mit jeder Geste und mit jedem Gesichtsausdruck selbst. Und er berührt.

Porträt eines Einsamen: So elegant wie berührend. Hochhaus.