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Kultur „Das Doppelte Lottchen“ am Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur „Das Doppelte Lottchen“ am Schauspiel Hannover
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11:43 16.11.2010
Von Jutta Rinas
Wenn Mädchen sich freuen: Luise, Lotte und Freundin (Veronika Avraham, Elisabeth Hoppe, Camill Jammal, v. l.).
Wenn Mädchen sich freuen: Luise, Lotte und Freundin (Veronika Avraham, Elisabeth Hoppe, Camill Jammal, v. l.). Quelle: Ribbe
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Manchmal – gerade im Kinder- und Jugendtheater – muss man dem Publikum nur gut zuhören, um zu erfahren, warum eine Inszenierung nicht richtig funktioniert. In Erich Kästners „Das Doppelte Lottchen“ im hannoverschen Schauspiel unter der Regie von Florian Fiedler beispielsweise gibt es eine Stelle, in der der Musiker Ludwig Palfy seiner Tochter gesteht, dass er ein zweites Mal heiraten will.

In Kästners Roman von 1949 – einem für die damalige Zeit ungewöhnlich modernen Kinderbuch, weil es in der bürgerlich-spießigen Nachkriegszeit das Thema Scheidung aufgriff – ist dies eine Passage von geradezu beklemmender Stille. „Das Kind“, so wird Lotte dort nur genannt, sagt vor lauter Entsetzen kaum ein Wort. Kästner lässt seinen kleinen Lesern viel Raum, um die Ängste, die Verzweiflung, des sich verraten fühlenden Mädchens nachzuempfinden.

Im Schauspiel Hannover dagegen dreht Lotte (Elisabeth Hoppe) förmlich durch, als sie vom Vater vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Geradezu hysterisch schreit sie nach ihrem Papa, als der den Raum verlässt. „Papa“, sagt ein kleiner Junge im Publikum leise, als Lottes Auftritt vorüber ist, „Papa, die spinnt.“

Es ist eines der Probleme in dieser Inszenierung, dass der 1977 geborene Regisseur Kästners Figuren oft nicht ernst genug nimmt – und es damit gerade seinen jungen Zuschauern schwer macht, deren emotionale Entwicklung nachzuempfinden. Dabei geht es in Erich Kästners Roman um heute noch sehr aktuelle Themen: um Identitätsfindung in der Pubertät, um das Infragestellen von Autoritäten, um alleinerziehende Eltern.

Als Identifikationsfiguren für solche Probleme eignen sich die stark überzeichneten Figuren in Fiedlers Inszenierung nicht. Da wird aus dem ehrenwerten Kapellmeister Palfy (Thomas Mehlhorn) ein abgehalfterter Bandleader in Trainingshose und Tiger-T-Shirt. Luise-Lotte Körner in Faltenrock, Bluse und Hochsteckfrisur ist das Zerrbild einer alleinerziehenden, berufstätigen Frau: so klischeehaft gezeichnet, dass man ihr eine ernsthafte Mutter-Kind-Beziehung (trotz aller Bemühungen von Johanna Bantzer) kaum abnehmen kann. Klamauk steht auch im Vordergrund, wenn ausgerechnet aus Metzger Fritsch (Camill Jammal, der auch noch in weiteren Rollen zu sehen ist) ein deutsch radebrechender Türke wird. Und schlicht falsch ist es, wenn Doktor Strobel bei den Eltern Palfy für die Behandlung von Lottes Nervenfieber 10 Euro Praxisgebühr abkassieren will. „Praxisgebühr gibt es bei Kindern doch gar nicht“, protestiert eine Mutter im Publikum leise.

Das ist in dem neuen Familienstück aus dem hannoverschen Schauspiel die eine, eher die psychologische Binnenstruktur betreffende Seite. Die andere ist eine – beispielsweise in Bezug auf den Einsatz von Videotechnik – beeindruckende Modernität.

Bühnenbildnerin Maria-Alice Bahra hat eine zweite Ebene, eine Schräge, entwickelt, auf die der Videogestalter Bert Zander eindrucksvolle bewegte Bilder projiziert. Während Lotte und Luise im Ferienlager Seebühl nachts im Schein einer echten Kerze Probleme wälzen, flackert dazu im Hintergrund eine per Projektion auf die Schräge gezeichnete Kerze. Als die Zwillinge skypen statt zu telefonieren, um sich auf den Stand der Dinge in der jeweils anderen Familienhälfte zu bringen, erscheinen riesengroße Bilder der beiden auf der Schräge. Sie muten in ihrer Färbung altmodisch an – wie nostalgische Feriengrüße aus einer anderen Zeit. Die mehrdimensionalen Brechungen, die Bahra und Zander mit ihren Projektionen erreichen, wirken manchmal fast so, als hätten sie die Zwillingsproblematik bei Kästner in eine zeitliche Dimension verlegt. Nicht mehr Lottchen und Luise (Veronika Avraham) spiegeln sich ineinander, sondern die Vergangenheit und die Gegenwart eines Textes: Hinter dem postmodern gebrochenen und manchmal sehr erwachsenen Blick des Regisseurs lugt die alte, eher sentimentale, aber dafür kindgerechte Erzählung Kästners hervor.

Schade ist, dass die extra für das „Doppelte Lottchen“ komponierte Musik stark hinter die progressive Theatertechnik zurückfällt. Es sind merkwürdig ältliche Stücke, die Eva Brüggemann und Künstler des Theaters unter der musikalischen Leitung von Martin Engelbach komponiert haben: Rock- und Popsongs mit schnulzigen Einlagen, die zeitweilig klingen, als würden heute 50-Jährige sich an ihre Kindheit in den Siebzigern erinnern. Dass die Schauspieler den Stücken stimmlich oft nicht gerecht werden und dass die Musik an diesem Abend denkbar schlecht abgemischt ist, sind weitere Facetten in einer Inszenierung, über deren Gelingen sich trefflich streiten lässt. Dem Premierenpublikum gefiel’s. Applaus und Bravorufe.

Wieder am 17., 18., 24., 25. November um 11 Uhr, 28. November 14 und 18 Uhr. Karten unter (05 11) 99 99 11 11.