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Kultur Da steht ein Pferd auf der Bühne
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16:06 30.06.2019
Die mit dem Pferd flirtet: Laetitia Dosch in „Hate“. Quelle: © Dorothée Thébert Filliger
Hannover

Da steht ein Pferd auf der Bühne, ein echtes Pferd auf der Bühne, das guckt so – nein, nicht niedlich – neugierig vielleicht, wahrscheinlicher irritiert. Corazon heißt das Tier, und es blickt aufs Publikum im Schauspielhaus und auf die Frau, die sich ihm nackt und tänzelnd nähert: Latetita Dosch, Schauspielerin und Autorin des Stücks „Hate“.

Sie will über Augenhöhe erzählen und deren Mangel. Dosch spricht über menschliche Beziehungen, über ihr Ungleichgewicht, über Mann und Frau und, da um Relevanz besorgt, auch die zwischen Europäerin und Migranten. So ist sie aufs Pferd gekommen. Man beschnuppert sich, am Hintern und auch sonst.

Und Corazon? Ist Tier. Frisst und säuft, strullt und kackt. Und bekommt eine Erektion. Eine Off-Stimme setzt ein, Corazons Stimme angeblich. Sie klingt wie die alte Fernsehzosse Mr. Ed; wirklich lustig wird es aber nicht. Sie wollen sich lieben, erzählen Weib und Wallach, und ein Kind zeugen. Wie das denn gehen soll? Naja, man müsse schon weiten.

Warum das Stück denn „Hate“ heiße, fragt der Pferdesprecher aus dem Off: Es ginge doch um „Gleichschritt“, um Liebe. Das aber kann in dieser verstörenden Zurschaustellung nur Behauptung bleiben. Vielleicht ist diese Unmöglichkeit von Gleichberechtigung die Moral der Geschichte. Vielleicht manifestiert sich aber auch bloß ein völliger Mangel des Gefühls für Fallhöhe.

Dosch resümiert, es sei doch alles nur „eine Fantasie, die es uns ermöglicht, für eine Stunde frei zu sein“. Zweifelhaft, dass Corazon das ähnlich bewerten würde.

Bewegende „Odisseia“

Zur Begrüßung gibt es Schnaps, zwischendurch Tanz und am Ende Karaoke. „Eine kollektive Irrfahrt“, so global wie persönlich, ist diese „Odisseia“ in Cumberland: ein viereinhalbstündiges Kreisen um das, was Menschen menschlich macht.

„Untold Stories disappear“ – Geschichten, die nicht erzählt werden, verschwinden: Dieser Satz, der inoffizielles Motto der Theaterformen 2019 war – in diesem Stück fällt er. Und so erzählen die Spielenden der brasilianischen Gruppe Cia Hiato, erzählen mit ihnen die Nebenfiguren aus Homers Odyssee von den ganz großen Themen.

Einladung zum Tanz: Das Stück „Odisseia“. Quelle: Ligia Jardim

Da bündelt sich im Sohn Telemach das Drama des verlassenen Kindes. Da wird Calypso zum Inbegriff der vergeblichen Liebe, Athene zu dem der privilegierten Kriegstreiberei und Circe zu dem des dunklen Triebs. Und Penelope, die Wartende, forder schließlich ihr persönliches Happy End ein: endlich ein Beziehungsgespräch.

Mythos und Gegenwart, Irrungen und Wirrungen, Trennungen und Verbrennungen, Lust und Leid liegen so unmittelbar und empathisch beieinander, dass zwangsläufig das Lagerfeuer der Gemeinschaft lodert.

Der Mensch sei geboren, um zu enden, heißt es as Schluss; das wolle er nicht: „Das macht uns lächerlich. Das macht uns heldenhaft.“ Und das eint uns. Über alle Zeiten.

„Adoption“: Eine Frage der Familie

Scottee ist schwul, verheiratet, Künstler, in dieser Funktion ohne vollen Namen, Brite - und Adoptivvater. Es war nicht einfach dahinzukommen. Jetzt wäre er so weit. Fehlt nur noch das Kind. Und die Antwort auf die Frage, die ihn weiter umtreiben: Was ist Familie?

In einem Residenzprogramm der Theaterformen durfte er ihr weiter nachgehen. Er und die Regisseurin Selina Thompson, ihrerseits ein Adoptivkind, haben sich zwei Wochen lang auf der Probenbühne des Schauspielhauses mit Hannoveranern über das Thema unterhalten und „Adoption“ entwickelt.

Ein Sitzkreis aus Sesseln und Säcken in der Mitte, Stuhlreihen außen herum. „Dieser Raum ist unser“, liest Scottee ab, ein Raum „of caring and sharing“: der Fürsorge und des Teilens. Familiär, darum geht es ja. Scottee erzählt und spielt und bittet Besucher und seine Mitspieler zum Gespräch: „Are you okay?“, fragt er immer wieder.

Eine Einladung zum Gespräch, intim und persönlich, nicht mehr, nicht weniger, Station einer persönlichen Forschungsreise. Und okay.

„The Collectors“: Jäger und Sammler

„Ich arrangiere die Dinge, und ich arrangiere mich dabei selbst“, sagt Lex Rützkendorf. Dabei sortiert sie Papier, mit dem mal Obst umwickelt war. Das sammelt sie und einiges mehr.

Sammlerin: Minna November Braun zeigt bei „The Collectors“ ihre Postkarten. Quelle: Handout

Wie Erinnerungen bewahrt werden, war ein großes Thema bei den Theaterformen 2019. Die US-Gruppe 600 Highwaymen fügt dem eine neue Ebene zu. „The Collectors“, das sie nun im Ballhof zwei vorzeigten, ist noch ein Work in Progress; das vollständige Stück wird erst bei der Festival-Ausgabe nächstes Jahr in Braunschweig zu sehen sein. Und doch wirkt es schon sehr fertig, zeigt, wie Gegenstände Träger von Emotionen werden können, Erfüller des oft so unerfüllbaren Wunsches, Dinge wirklich abzuschließen.

Vier Jäger und Sammler zeigen in stiller Choreografie und erzählend ihre Schätze: die Kinder Marek Rode und Minna November Braun Fußball- und Postkarten, der erwachsene David-Bowie-Fan Olaf Dose seine Devotionalien und Zeitschriften. „Nun bin ich nackt“, sagt er dann: „Ich habe Ihnen alles gezeigt.“ Es war viel.

Viel Tanz, viel Hannover – die Bilanz

200 Veranstaltungen an elf Tagen, 14 Stücke aus zwölf Ländern, darunter drei Uraufführungen, zwei europäische und vier deutsche Erstaufführungen und das bei einer Auslastung von 83 Prozent. Mit positiver Bilanz schlossen am Sonntag die Theaterformen 2019.

Es war eine ungewöhnliche Festival-Ausgabe: Die Hälfte der Produktionen setzte schon in der Inszenierungsphase auf Teilhabe: Etwa 200 Hannoveraner, informierte Laien, waren in diesen Stücken zu erleben, allein die Hälfte davon in der Produktion „Die Geschwindigkeit des Lichts“, in der der argentinische Regisseur Mario Canale eine Art kollektive deutsche Biografie nachzeichnete.

Gute Stimmung: Der Theaterhof wurde erneut zum Festivalzentrum Quelle: Lukas Kreibig

„Sie haben in Theaterstücken, Installationen und Gesprächen einem begeisterten Publikum die Vielfalt der Geschichten und Identitäten vorgestellt, aus denen sich diese Stadt zusammensetzt“, so die künstlerische Leiterin Martine Dennewald: „Sie haben uns daran teilhaben lassen, womit sie hadern, was ihnen fehlt, wo sie sich wohl fühlen, und wie sie hier eine Heimat gefunden haben.“ Mitmachen war auch sonst angesagt: In fast jedem Stück war das Publikum gehalten, selber zu erzählen, zu tanzen oder zu singen – manchem Besucher deutlich zu oft.

Die nächsten Theaterformen finden im Juli 2020 in Braunschweig statt.

Ein Interview mit Martine Dennewald lesen Sie hier.

So ging es los: der Festival-Auftakt.

Von Stefan Gohlisch

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