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Kultur Claudia Bauer: „Kafka ist stärker als Trump“
Nachrichten Kultur Claudia Bauer: „Kafka ist stärker als Trump“
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14:32 13.01.2017
Von Stefan Gohlisch
ANLAUF: BU BUBU BU.Foto: Xxxxx
Claudia Bauer Quelle: Dröse
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Wir haben Sie gerade neben einem Riesenkopf, einer Maske aus „Amerika“, fotografiert. Was hat es damit auf sich?
Das ist ja schon fast ein Markenzeichen von mir.

Ja, bei ihrem hannoverschen „Törleß“ trugen die Schauspieler zum Beispiel Kindermasken. Da ging es um Gleichschaltung. Welchen Zweck hat es hier?
Das ist hier durchaus ähnlich. Es gibt zwei Gerichtsszenen bei „Amerika“. Da sind die Verurteilenden schwer greifbar, übermenschlich, monströs. Da kommen die großen Masken zum Einsatz und werden mit den entsprechenden Insignien der Macht geschmückt. Es gibt auch noch andere Masken, die sogenannten „Liftboymasken“ für die gesammelten Dienstleister in dem Hotel, in dem Karl Roßmann landet - das Dienstgesicht des kleinen Mannes. Es geht um die Entpersönlichung. Aber es wird nicht so raumgreifend wie beim „Törleß“.

Welche Geschichte erzählen Sie? Die der Begegnung des Individuums mit einem unpersönlichen System?
Das ist ja in „Amerika“ auch weniger ein Schwerpunkt als bei anderen Stoffen Kafkas. Es gilt ja als sein heiterster Roman; stimmt irgendwie auch. Aber natürlich kommt Kafka nicht ohne Gerichtsszene aus. Hier geht es ihm eher um die grausame Kehrseite des Amerikanischen Traums.

Erzählt als - untypisch genug - eine Art Roadmovie ...
Ja. Ich würde eher Stationendrama sagen. Aber „Roadmovie“ ist natürlich dessen amerikanische Version. Hier gibt es sogar Landschaftsbeschreibungen. Die bei mir kaum eine Rolle spielen - Landschaftsbeschreibungen haben, finde ich, im Theater nichts zu suchen. Wir versuchen auch, so wenig Prosa wie möglich zu machen und die dramatischen Situationen herauszuarbeiten.

Es ist eine eigene Fassung von Ihnen und Jan Friedrich. Was ist alles drin?
Alles. Eigentlich sind wir ganz brav im Erzählen der Geschichte. Ich habe bloß kein Interesse an einem Fünf-Stunden-Abend. Ich finde, der Abend muss wie ein Trip sein, bewusstseinsverändernd und halluzinogen. Ich möchte, dass man einmal hineingezogen wird in den Strudel dieses kafkaesken Amerikas und da auch zwei Stunden lang nicht rauskommt. Und danach sollen die Leute rausgehen und sagen: „Was war das denn?“ Hoffentlich im positiven Sinn.

Sie werden wieder Video einsetzen?
Ja. Live-Videos. Und als ein kleines Bonbon etwas Vorbereitetes.

In dem ein gewisser US-Präsident auftaucht?
Nein, auch keine Donald-Trump-Frisur.

Hat die Bühne einen doppelten Boden wie der „Törleß“?
Nein, aber es gibt eine Menge geheimnisvolle Vorhänge, aus denen geheimnisvolle Gerätschaften geschoben werden. Weil bei uns ja der Einzelne auf der Stelle steht und die einzelnen Stationen, die zu ihm kommen.

Und Sie haben mit Smoking Joe einen Musiker dabei, den man in Hannover vor allem aus Rainald Grebes „Anadigiding“ kennt.
Der baut die Atmosphäre.

Wie zeitgemäß, wie unzeitgemäß wird es? Ich nehme an, Sie zeigen nicht das Amerika von Donald Trump?
Naja, wenn man jetzt ein Stück macht, das „Amerika“ heißt, kommt man nicht umhin, sich mit ihm zu beschäftigen. Wir haben ihn auch versteckt in der Inszenierung. Es geht immerhin - bei Kafka und in der Realität - um den amerikanischen Traum, der nicht funktioniert. Deswegen muss man etwas machen. Sagt Trump ja auch: Wenn der Traum nicht mehr funktioniert, muss man Amerika XXL again machen. Und darum geht es letztlich auch am Ende beim Naturtheater von Oklahoma, beziehungsweise Oklahama, wie Kafka immer schreibt, das die verlorenen, letztlich den White Trash wieder einsammelt. Die sogenannte „Lösung“ für alle Probleme.

Für mich war es immer das Jenseits.
Absolut. Aber das ist natürlich nur eine Interpretation. Ganz viele Leute halten es für eine Anheuerung von Soldaten für den Ersten Weltkrieg. Andere halten es für die Fahrt zum KZ. Für wieder andere ist es der Kommunismus ... Jeder, je nachdem, aus welcher Zeit er kommt und aus welchen Umständen, interpretiert es anders.

Und für Sie?
Für mich ist es eine populistische Veranstaltung, die Leute einfängt, die sonst keine Hoffnung, keinen Traum mehr haben. Vielleicht klappt es sogar. Wir wissen ja alle nicht, was ab dem 20. Januar passiert. Wir haben am 19. Januar Premiere; am Tag darauf wird Donald Chef. Wir wissen alle nicht, wohin dieses Naturtheater führt. Aber man muss im Assoziativen bleiben. Man macht „Amerika“ ja auch nicht wegen Donald Trump, sondern wegen Kafka - man kommt aus seiner Hoffnungslosigkeit nicht heraus.

Man könnte auch ein Migrationsdrama daraus machen, über Menschen, die in ein System kommen, das sie nicht verstehen ...
Auch das steckt darin. Das Fremdsein in einer fremden Welt ist bei Kafka immer dabei. Wir verstehen die Welt ja nie. Dieser Deutsche in Amerika ebenso wenig wie zu Beginn ein Syrer in Deutschland. Aber ich will den Leuten nicht ans Knie nageln, was sie dazu zu denken haben.

Ist es reizvoller für Sie, das Stück jetzt zu machen als vor dem Hintergrund einer Präsidentschaft Hillary Clintons?
Ich glaube natürlich wie viele andere auch, dass unter Donald Trump die Kunst aufblühen wird. Weil ein bekennendes Arschloch an der Macht ist. Und nicht jemand, der alles totstreichelt und im Hintergrund seine miesen Geschäfte macht. Das ist jemand, der sehr offen sagt, was er auch an fragwürdigen Dingen möchte. Das ist ein toller Feind. Und die Kunst braucht tolle Feinde. Jetzt hat die Linke wieder eine Chance. Als Mensch, als real existierende Frau finde ich das strange. Aber als Künstler finde ich das toll.

Unter Clinton wäre dieser Subtext von „Amerika“ aber doch nicht so stark, oder?
Hätte, hätte. Ich glaube sowieso, dass Kafka stärker ist als Trump und auch als Frau Clinton. Er wäre auch der bessere US-Präsident (lacht). Das Stück hätte sich aber nur in einem Akzent geändert. Denn die Verzweiflung, die Regeln der Welt nicht gut genug zu kennen, wäre geblieben. Dazu muss ein Stück auch nicht „Amerika“ heißen - es heißt ja eigentlich auch „Der Verschollene“. Und um verschollen zu sein, um abzurutschen braucht man auch nicht nach Amerika auszuwandern.

Zumal das Heilsversprechen des Amerikanischen Traums längst globalisiert ist.
Genau: Wenn du es willst, kannst du es schaffen. Und wenn du es nicht schaffst, dann liegt es nur an dir. Das ist der Kapitalismus, die Grundfeste der ganzen Welt.

Preview am Dienstag (Karten: 15 Euro). Premiere am Donnerstag (Karten: 21,50 bis 43,50 Euro).