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Kultur Christian Krachts Heil der Kokosnuss
Nachrichten Kultur Christian Krachts Heil der Kokosnuss
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13:27 14.02.2012
PROVOZIERT GERN: Christian Kracht, 45, begreift seine Romane als, wie er sagt, „humoristisch“.
PROVOZIERT GERN: Christian Kracht, 45, begreift seine Romane als, wie er sagt, „humoristisch“. Quelle: Frauke Finsterwalder
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VON EVELYN BEYER
Der Vorwurf wiegt schwer. Christian Krachts neuer Roman „Imperium“ zeige „die Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut“, schreibt „Der Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe. Der Autor sei Beispiel dafür, „wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitätes Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream“. Das ist sozusagen die verbale Todesstrafe für ein Buch.
Worum geht es? „Imperium“ erzählt mit süffisantem Unterton die Geschichte des skurrilen Aussteigers August Engelhardt, „Bartträger, Vegetarier, Nudist“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der in der Kokosnuss die göttliche Nahrung sieht und in Deutsch-Neuguinea ein glückliches Reich nackter Kokovoren errichten will. Die Sache geht, historisch verbürgt, schief, Kracht erzählt sie genussvoll mit einer Gegenwartsstimme, die den Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts eines Mark Twain und Jack London spielerisch adaptiert, und fährt als Figur auch mal Thomas Mann auf, der den am Ostseestrand die „Deutsche Seele“ Suchenden ob seiner Nacktheit anzeigt.
Es geht, wie gern bei Kracht, um Untergang, Endzeit. Das kann man parabelhaft lesen, Kracht selbst zieht die Parallele von Engelhard zu einem „späteren deutschen Romantiker und Vegetarier, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre“.
Das ist etwas bemüht witzig, doch weit bemühter und gar nicht witzig ist der Antisemitismus-Vorwurf, den der „Spiegel“ strickt: An einen Juden als „behaarter,
bleicher, ungewaschener levantinischer Sendbote des Undeutschen“, so das Zitat, denkt im Buch nur ein verquerer Kerl, der damit klar negativ gekennzeichnet wird. Engelhard selbst packt erst im Wahn der Antisemitismus. Daraus eine rechte Gesinnung zu konstruieren, ist schon mehr als eine einseitige Deutung. Von „Unterstellungen“ und „journalistischem Rufmord“ spricht der Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Überwiegend stützt sich der „Spiegel“-Vorwurf auch nicht auf den Roman, sondern auf „Five Years“, ein Bändchen des hannoverschen Wehrhahn-Verlags mit Briefwechseln zwischen Kracht und dem Rundumkünstler David Woodward. Schwärmereien für Nueva Germania, eine obskure Deutsch-Kolonie in Paraguay, findet man in diesen laut „Spiegel“ „dunklen Seiten“. Liebäugeleien mit Diktatoren und schillernden, auch rechten Gestalten, aber auch einem Aleister Crowley. Das kennt man von Kracht, man kann ihm einen vorgeblich freien, oft aber nur sinnfreien Flirt mit dem Provokanten vorwerfen; den gibts auch in „Imperium“. Doch das Buch enthält viele große Szenen und wohlplatzierte Ironie. Am Schluss wird „unser Freund“, der Kokovare, anders als in der Historie, nach dem Zweiten Weltkrieg von Amerikanern mit Cola und Hotdogs gepäppelt, Hollywood verfilmt seine Story. Das ist großes Kino, meilenweit weg von rechtem Gedankengut.
4 von 5 Sternen
Christian Kracht: „Imperium“. KiWi, 256 Seiten, 18,99 Euro, erscheint am 16. Februar.