Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Carlos Aguilera im hannoverschen Künstlerhaus
Nachrichten Kultur Carlos Aguilera im hannoverschen Künstlerhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:06 17.03.2010
Von Stefan Stosch
„Aus Kuba kommen immer nur schlechte Nachrichten“: Carlos Aguilera.
„Aus Kuba kommen immer nur schlechte Nachrichten“: Carlos Aguilera. Quelle: Martin Steiner
Anzeige

Türkisblaues Meer mit endlosen Sandstränden, bunte Oldtimer, Rumba und Cuba Libre bis zum Abwinken: Dieses Kuba verheißen uns Touristiker, und tatsächlich zitiert es der hannoversche Schauspieler Moritz Dürr an diesem Abend zu Beginn aus einem Urlaubskatalog herbei. Aber nur, um das Bild sogleich zu korrigieren: „Ich garantiere Ihnen, mit dieser Exotik hat die Literatur heute Abend nichts zu tun“, sagt die Moderatorin und frühere NDR-Redakteurin Gabriela Jaskulla im hannoverschen Künstlerhaus.

Und so ist es dann auch: Der kubanische Autor Carlos Aguilera, Hannah-Arendt-Stipendiat in Hannover, stellt neue Texte vor – oder lässt sie vorstellen, eben von Dürr. Erst liest Aguilera sie in seinem melodiösen Spanisch an, dann trägt Dürr in kompromisslosem Deutsch den ganzen Abschnitt vor.

Seit September lebt der 1970 in Havanna geborene Aguilera in Hannover, als sechster Gastautor, dem innerhalb des internationalen Städtenetzwerkes „Icorn“ hier Zuflucht geboten wird. In Kuba hat Aguilera Einreiseverbot, seit er 2003 aus dem Ausland die damalige Verhaftungswelle auf der Karibikinsel kritisierte. Die kubanische Führung hatte insgesamt 75 Dissidenten festnehmen und zu langen Gefängnisstrafen verurteilen lassen.

In seinem neuen Roman „Theorie der chinesischen Seele“ erzählt Aguilera von einem kafkaesken China – das er allerdings nie selbst bereist hat. Das ist aber auch nicht nötig: Das Land ist Chiffre für ein totalitäres Regime, wie es überall auf diesem Globus existieren könnte.

Immer wieder scheint hinter den sarkastischen, „leicht fiebrigen Texten“ (Jaskulla) eine Konfrontation zwischen Individuum und Gesellschaft, Freiheit und Überwachung, Vernunft und Wahnsinn auf. Selbstmord heißt im Roman „Bewegungsverrenkung zum Schlaf“, eine bestimmte Polizeifolter „Möbelrücken, ohne Staub aufzuwirbeln“. Zuletzt hat Aguilera ein Theaterstück über die „Rede der toten Mutter“ geschrieben, die sich in einem irren Monolog in Paranoia und Hysterie hineinsteigert.

„Meine Texte haben alle nicht direkt mit Kuba zu tun, aber irgendwie doch“, sagt Aguilera, der zwar ziemlich gut Deutsch spricht, sich aber an diesem Abend lieber von der Moderatorin übersetzen lässt.

Am liebsten würde er gar nichts mehr aus seiner Heimat hören. „Von dort kommen nur schlechte Nachrichten“, sagt er. Vor Kurzem erst ist der kubanische Dissident Orlando Zapata in der Haft nach 80 Tagen einen Hungerstreiktod gestorben, schon hungern die nächsten politischen Gefangenen, darunter der Internetblogger Guillermo Fariñas. Anfang dieser Woche, so war aus Kuba zu hören, sind die „Damas de Blanco“ (Frauen in Weiß), die gegen die Verhaftung ihrer Männer und Söhne vor sieben Jahren demonstrierten, von Regierungsanhängern umringt und niedergeschrien worden.

Seine Mutter in Havanna hat ihrem Sohn in Hannover beim letzten Telefonat gesagt: „Es ist alles wie damals, als du gegangen bist, nur schlimmer.“ Die Castro-Brüder hätten die Zivilgesellschaft zerstört, so Aguilera, um ihre Macht zu erhalten. Wenn sie irgendwann abgetreten seien, dann müssten politische Parteien, die Wirtschaft, die Meinungsfreiheit erst einmal wiederbelebt werden.

Bis dahin wird er weiterschreiben, gerade arbeitet er an einem Roman, der in Osteuropa spielt. Mit diesen Ländern hätte Kuba stets ein gemeinsames Lebensgefühl verbunden: „Hier wie dort hatten die sowjetischen Kolonisatoren das Sagen.“ Irgendwann wird Aguilera vielleicht auch über Hannover schreiben, das dürfte dann aber ein ganz anderer Text werden. Der Kubaner schwärmt von der „phantastischen Aufnahme“ in der Stadt. Hier hätte man ihm nicht nur einen Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt und den Kühlschrank aufgefüllt, wie er es anderswo erlebt habe, hier werde er von der literarischen Szene „rückhaltlos unterstützt“. Mehr, sagt Aguilera, könne ein Autor wirklich nicht verlangen.

Kultur 
„Lumix“-Fotofestival
 - Von Suchern und Findern
Uwe Janssen 29.03.2010