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Kultur Cannes 2019: Quentin Tarantinos „Once Upon A Time... In Hollywood“ sorgt für Hysterie
Nachrichten Kultur Cannes 2019: Quentin Tarantinos „Once Upon A Time... In Hollywood“ sorgt für Hysterie
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09:09 23.05.2019
Auf dem Roten Teppich in Cannes. US-Regisseur Quentin Tarantino. Quelle: imago
Cannes

Vor 25 Jahren tauchte ein Schlaks auf der Croisette in Cannes auf. Der Typ lachte wie irre, hatte eine blutjunge Uma Thurman im Arm und John Travolta an seiner Seite. Sein Name: Quentin Tarantino. Dann gewann er mit „Pulp Fiction“ die Goldene Palme.

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Der damalige Jury-Präsident hieß Clint Eastwood, und der bemerkte trocken: Die Entscheidung sei demokratisch gefallen. Man habe sich darauf geeinigt, dass dieser Film etwas Originelles sei.

Quentin Tarantino lässt dringende Bitte verlesen

Die Bilder von einst werden schon seit Tagen in Cannes herumgezeigt wie ein altes Fotoalbum bei runden Familiengeburtstagen. 1994 begann Tarantinos Weg zum Ruhm. Seitdem liebt Cannes den US-Regisseur, und der US-Regisseur liebt Cannes.

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Immer wieder kehrte Tarantino hierher zurück. Zu rechnen war dann mit allem: Welcher Filmemacher sonst wäre auf die Idee gekommen, mal eben Adolf Hitler von einer Truppe jüdisch-amerikanischer Soldaten erschießen zu lassen („Inglourious Basterds“)? Trieb jemals zuvor im Wilden Westen ein Zahnarzt aus Düsseldorf sein Unwesen („Django Unchained“)? Würde sonst jemand Agatha Christie in einem Western zitieren („The Hateful 8“)?

Nun hat Tarantino vor der ersten Vorführung von „Once Upon A Time... In Hollywood“ am Dienstagabend in Cannes eine Bitte verlesen lassen. Ein Festivalabgesandter verkündete auf der Bühne: Man solle nicht zu viel von der Handlung ausplaudern. Die Zuschauer rund um den Globus sollen den Film frisch genießen können.

Also: Keine Spoiler! Okay, aber ganz leicht ist das nicht, weil die einzige überraschende Wendung nun jene ist, die man nicht verraten darf.

„Once Upon A Time... In Hollywood“: Darum geht es

Wir lernen kennen: Serienstar Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und dessen langjähriges Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff ist zugleich Ricks Mädchen für alles und darüber hinaus sein bester Freund. Cliff ist so cool, wie wir uns einen echten Hollywoodstar auch nach Drehschluss gern vorstellen würden.

Mit den beiden cruisen wir im sanft blubbernden Cadillac und mit Simon & Garfunkel im Autoradio durch die Welt des alten, schon ein wenig heruntergekommenen Hollywood. Wir feiern eine Party in der Playboy-Villa und lernen Sharon Tate (Margot Robbie), Steve McQueen und Bruce Lee kennen – allesamt ziemlich komische Typen. An den Straßenecken stehen erstaunlich viele Hippies herum.

Zwischendurch tauchen wir immer wieder in Serien ab, die Rick gerade dreht oder die über irgendeinen Bildschirm laufen. Fernsehen wird hier dauernd geschaut. Also erleben wir DiCaprio respektive Rick als Cowboy oder auch als Spion in irgendeinem NS-Hauptquartier. Die Nazis werden mal eben abgefackelt - eine kleine Reminiszenz an die „Basterds“. Den Flammenwerfer sollten wir in Erinnerung behalten.

Serienstar Rick Dalton ist serienmüde, ein Mann in der Midlife-Crises. DiCaprio spielt das mit schöner Selbstironie. Einer der witzigsten von einigen witzigen Dialogen ist der mit einer achtjährigen Anhängerin des Method Acting, die Rick mit den richtigen Worten wieder aufrichtet.

Einen Abstecher zum italienischen Spaghetti-Western haben wir ebenfalls im Programm. Und mit Sharon Tate gehen wir ins Kino und vergnügen uns in der Agentenkomödie „Rollkommando“, in der Tate 1968 zusammen mit Dean Martin und Elke Sommer spielte. Als Filmstar muss sie nicht mal Eintritt zahlen!

Tarantino schafft sein persönliches Sehnsuchtsland

Kurz, wir mäandern durch all die Träume im Kopf von Quentin Tarantino, die ihn seit „Pulp Fiction“ umtreiben. Seine cineastische Grundausbildung bezog der Schulabbrecher in schäbigen Grindhouse-Kinos, wo Kung-Fu-, Horror- und Blaxploitationfilme über die Leinwand flimmerten. Nun hat er sein persönliches Sehnsuchtsland erschaffen.

Aber so friedlich-nostalgisch bleibt es nicht. Serien-Cowboy Rick hat sein Anwesen am Cielo Drive. Sein Nachbar ist der Regisseur Roman Polanski, der gerade mit „Rosemary`s Baby“ berühmt geworden ist. Am 9. August 1969 wurden Polanskis hochschwangere Frau Sharon Tate und deren Gäste bestialisch von der sogenannten Manson Family ermordet.

Die Manson-Sekte lernen wir historisch präzise kennen: Stuntdouble Cliff ist so nett und fährt ein Hippie-Mädchen zurück auf die Film-Ranch des halbblinden Cowboys George Spahn, wo sich die Bande damals wirklich verschanzt hatte.

Die Nacht, in der Sharon Tate durch 23 Messerstiche starb

Und dann nähern wir uns mit exakten Stunden- und Minutenangaben der Nacht, in der Sharon Tate durch 23 Messerstiche starb. Die Täter sind im Anmarsch und philosophieren über den Zusammenhang von Gewalt im Kino und im wirklichen Leben. Die Zeit der Strafe sei gekommen. Solche Verbindungen wurden tatsächlich damals schon hergestellt.

Tarantino aber läuft in diesem Moment in Gefahr, die Grenzen des guten Geschmacks zu unterschreiten. Ursprünglich sollte sein Film in den USA just am Todestag von Sharon Tate in die Kinos kommen. Davon ist der Verleih inzwischen abgerückt (deutscher Kinostart: 15. August). Die exzessive Gewalt am Ende verdirbt einem ein wenig die Freude an diesem entspannten Kinospaß. Ach so, und ohne zu viel zu verraten: Es handelt sich hier um ein Märchen.

„Once Upon A Time... In Hollywood“ ist Tarantinos neunter Film. Nach dem zehnten wolle er als Regisseur aufhören, hat er gesagt. Zumindest einmal dürfte er Cannes noch beglücken.

Von Stefan Stosch / RND

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