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Kultur Cannes 2019: Diese drei Festivalfilme sind extrem persönlich
Nachrichten Kultur Cannes 2019: Diese drei Festivalfilme sind extrem persönlich
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21:31 17.05.2019
This image released by Paramount Pictures shows Taron Egerton as Elton John in a scene from "Rocketman." (David Appleby/ Paramount Pictures via AP) Quelle: AP
Cannes

Elton John und sein Hauptdarsteller Taron Egerton sind bei der Premiere in Cannes von „Rocketman“ in ihren passenden Anzügen wie ein Herz und eine Seele. Sogar den Titelsong des Biopics singen sie gemeinsam:Rocketman“.

Auf der Leinwand beginnt diese Quasi-Heilsgeschichte von Elton John mit dem Auftritt einer Art Faschingsgestalt mit Teufelshörnern und Engelsflügeln. Sie hat sich direkt vom Konzert in eine Selbsthilfegruppe geflüchtet. Da ist Elton John am Tiefpunkt. Er sei drogen-, alkohol- und sexabhängig, sagt er. Und dann geht Regisseur Dexter Fletcher daran, Johns Weg zu einem der extravagantesten Popstars unserer Zeit nachzuzeichnen.

Nach dieser Lesart hat im Künstler lange Jahre eine einsame Seele gebibbert. Die Musik ersetzte dem kleinen Londoner Jungen Reginald Dwight die fehlende Liebe des Vaters, und der Erfolg stürzte den erwachsenen Elton John später beinahe in den Abgrund. Sein einziger Freund über all die Jahre ist Songschreiber Bernie Taupin (Jamie Bell).

Taron Egerton singt Elton Johns Lieder in „Rocketman“ selbst – und überzeugt

Dexter Fletcher ist der Regisseur, der auch den Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ fertiggestellt hat. Nun gibt er Elton-John-Fans, wonach sie verlangen: Bling-Bling vom Feinsten, allein die dauernden Brillenwechsel geraten zur Orgie. Wann immer sich von Elton Johns Gefühlen auf dessen Hits (kurz)schließen lässt, stimmen die Kinofiguren diese an, allen voran Egerton, der selbst singt – anders als Rami Malik in seiner Rolle als Freddie Mercury.

Egerton bekommt diese stimmliche Herausforderung überzeugend hin. „I`m Still Standing“ heißt einer der letzten Songs im Film. Endlich hat Elton John gelernt, sich selbst zu lieben.

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Rocketman“ ist eine konventionelle, aber energiegeladene Hommage. Elton John hat sie selbst mitproduziert. Im Abspann sehen wir den leibhaftigen Sir Elton John mit Ehemann und den beiden Kindern. Er sei seit 28 Jahren „sauber“ heißt es da, süchtig nur noch nach Shoppen. Künftig wolle er sich mehr um den Nachwuchs kümmern. Der Mann hat seine Prioritäten wirklich umgestellt.

Regisseur Pedro Almodóvar erzählt in „Leid und Herrlichkeit“ von sich – und wieder nicht

Ein anderer Stammgast in Cannes hat einen ebenso persönlichen Film mitgebracht. Und doch rätselt man im Drama „Leid und Herrlichkeit“ von Pedro Almodóvar, wie viel der spanische Regisseur wirklich von sich preisgibt.

Almodóvar leidet unter Migräne; sein fiktiver Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) auch. Almodóvar wurde von seiner Mutter großgezogen; bei Mallo verhält es sich ebenso. Almodóvars wildeste Zeit war die Bewegung „Movida Madrilena“, die Spanien nach dem Tod des Diktators Franco durchschüttelte; das war bei Mallo ähnlich. Das Schlimmste, was sich Almodóvar vorstellen kann, ist es, nicht mehr filmen zu können. Für Mallo scheint dieser Horror wahr geworden zu sein.

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Man könnte endlos so weitermachen. Sogar das Haus des echten Regisseurs diente als Filmset. Almodóvar erzählt von Panikattacken und Krankheiten, aber auch von der langsam wieder erwachenden Lebenslust seines Protagonisten. Ist „Leid und Herrlichkeit“ ein Versuch, die eigenen Ängste mit Kinomitteln auszutreiben?

Oder ist vor einer allzu simplen Gleichsetzung zu warnen? Und doch: Wenn Salvador Mallo vom Schmerz an den unbewältigten Tod seiner Mutter überwältigt wird oder wenn ihn die Angst vor dem künstlerischen Verstummen packt – dann kann man kaum anders, als in dem ergrauten Banderas den Regisseur Almodóvar zu sehen.

In Ken Loachs „Sorry, We Missed You“ wirkt der Brexit wie Science-Fiction

Der mittlerweile 82-jährige Ken Loach würde wohl nie einen Film über sich selbst drehen, aber er nimmt das Filmen immer noch persönlich: Das Entsetzen über den enthemmten Kapitalismus treibt ihn um. Da will einer die Welt gut haben und sieht, dass sie schlecht ist. Und so dreht der Menschenfreund und zweifache Palmen-Sieger Loach weiter Filme, obwohl er doch schon längst damit aufhören wollte.

Mit „Sorry, We Missed You“ ist ihm wieder ein zu Herzen gehendes Werk gelungen: Was die vierköpfige Familie um Ricky (Kris Hitchen) und Abby (Debbie Honeywood) einer durchökonomisierten Gesellschaft entgegenzusetzen hat, ist Solidarität – und gerade diese droht zu zerbrechen, weil ihre unterbezahlten Jobs alle Kraftreserven aufzerren. Im Brexit-England wirkt der Zusammenhalt der Familie beinahe wie ein Science-Fiction.

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Ricky ist Paketbote (also auch für die Große Koalition ein sehenswerter Film!), Abby in der mobilen Krankenpflege tätig. Ricky ist Sklave des piependen Minicomputers, der ihn zum Kunden dirigiert, Abby kann Nächstenliebe und Zeitbudget nicht unter einen Hut bringen. Zu Hause bräuchten der Teenagersohn und die kleine Tochter die Eltern, aber die sind immer unterwegs.

Das Bestürzende an diesem Film ist: Loach und seinem Drehbuchautor Paul Laverty ist der so typische Humor abhanden gekommen, der noch „I, Daniel Blake“ auszeichnete. In keinem einzigen Moment würde man darauf wetten, dass die Familie die anwachsenden Konflikte aus dem Weg räumen kann. Einmal fragt Ricky ungläubig seine Frau: „Abby, was tun wir uns an?“

Von Stefan Stosch / RND

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