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Kultur Campino und der Geist der Hippies
Nachrichten Kultur Campino und der Geist der Hippies
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00:23 18.05.2018
Beim letzten Mal: Campino beim Konzert der Toten Hosen in der Tui-Arena im November Quelle: Florian Petrow
Hannover

In dieser toten Hose steckt noch viel Leben: Bei der Echo-Verleihung zeigte Campino (55) Haltung gegen Antisemitismus, Homophobie und Gewaltverherrlichung. Im Anschluss spielte er in China. Nun steht die Deutschland-Tour an. Ein Interview mit dem Sänger der Toten Hosen.

Wie war’s in China?

Es war eine sehr beeindruckende schöne Reise, die mir Lust auf mehr gemacht hat. Nach diesen 14 Tagen würde ich gerne noch mal zurückkehren und mehr über Kultur und Menschen erfahren. Wenn man als Europäer nach Shanghai kommt, ist das, als wenn man auf dem Mars landet. Die Menschen dort sind uns in technischen Dingen oft überlegen. Man kann sich gut vorstellen, dass China bald der Taktgeber sein wird in der Welt.

Wie geht es Ihnen mit der Aussicht? Bereitet Ihnen das Sorgen?

Nicht wirklich. Sorgen muss man sich eher machen, wenn Europa die Nase zu hoch hält und sich für das Maß aller Dinge hält. Beeindruckend in China ist zum Beispiel, dass sich die Menschen sehr stark zurücknehmen können. Shanghai hat 24 Millionen Einwohner; es herrscht überall Trubel, und trotzdem können sich die Leute so unauffällig machen, dass jeder dem Anderen wichtigen Raum lässt. Wenn ich durch Berlin-Mitte laufe, bin ich gestresster.

Wie ist das chinesische Konzertpublikum – so zurückhaltend, wie man es von den Japanern sagt?

Bei uns war eine schöne Party im Gange. Das war sehr sorglos. Die Hauptveranstaltung, ein Festival in Peking, wurde vor den Toren der Stadt in den Bergen durchgeführt. Da hat man offenbar den Veranstalter gewähren und die Leute jubeln und tanzen lassen, wie sie wollten.

Sie haben einige Stücke nicht spielen dürfen ...

... und die Auswahlkriterien erschließen sich mir jetzt noch nicht so ganz. Vielleicht muss so eine staatliche Zensurstelle einfach einen Beweis erbringen, dass sie nötig ist. Wir haben aber ohnehin so viele Lieder eingereicht, dass es unser Programm nicht wirklich beschnitten hat. Später haben wir noch ein Spontankonzert in einem Pekinger Punkclub gegeben und die Lieder dort so rausgehauen, wie sie uns in den Sinn kamen, ohne dass irgendjemand noch einen Überblick hatte, was wir hätten spielen dürfen oder nicht. Wir als Musiker stehen in solchen Momenten in einem Gewissenskonflikt. Uns wurde zum Beispiel nahegelegt, die Situation in Tibet auf der Bühne nicht zu thematisieren. Da kann man ganz lehrerhaft sagen: „Nee, das muss jetzt angesprochen werden.“ Man weiß aber auch, wenn man das tut, wird dort ein Jahr lang überhaupt kein Rock- oder Popkonzert mehr stattfinden. Da verrät man die Jugendlichen vor Ort, während man selber bequem in den Flieger steigt und aus der Sache raus ist.

Zumal Punkrock als solches schon ein Statement ist ...

Eben. Uns ist es auch wichtig, dass wir dort nicht für Parteimitglieder spielen oder Mitarbeiter deutscher Firmen, sondern für alle, die dort leben. Das war gewährleistet.

Gäbe es ein Ranking der ungewöhnlichsten Konzerte oder Konzertorte der Toten Hosen, wo stünde das Peking-Konzert?

Das kann ich ganz schwer sagen. Es ist auf jeden Fall eine Reise, die ich nicht vergessen werde, aber was Exotik angeht, war das Ost-Berlin der frühen 80er Jahre heftiger. Das war auch vom Druck her eine deutlich andere Nummer. Auch Länder wie Usbekistan und Tadschikistan. Südamerika ist generell viel, viel härter: In Guatemala oder Venezuela zum Beispiel gab es eine deutlich sichtbarere Polizeipräsenz bei unseren Konzerten. Diese Art täglicher Gewalt dort wäre in China völlig undenkbar. Das Leben in China, unter diesen Autoritäten, ist zweifellos schwierig, aber andere Sachen sind dort überhaupt kein Problem, Dinge, die einem woanders das Leben wirklich schwer machen. Nehmen wir Brasilien oder Mexiko, da muss man sich genau informieren, welche Straßen sicher sind oder nicht. So etwas gibt es in China nicht.

Jetzt geht es erst einmal durch Deutschland. Sie haben sich schöne Mini-Festivals zusammengestellt, mit wechselnden Vorgruppen wie den Broilers, The Adicts und Donots. Wie haben Sie die ausgewählt?

Bei den großen Events geht es ja auch darum, dem Publikum eine Freude zu machen. Dazu gehört auch, immer mal wieder die Vorgruppen zu wechseln, damit diejenigen, die uns ständig hinterher reisen, auch noch Spaß haben. Außerdem wir sind gerne mit Leuten unterwegs, die wir mögen – und deren Musik wir gut finden.

Sie sind selber noch Fans?

Auf jeden Fall. Diese Gruppen sind persönlich von uns ausgewählt; über jede einzelne wird gesprochen.

Welche aktuellen deutschen Künstler schätzen Sie, außer den genannten?

Da gibt es sehr viele. Feine Sahne Fischfilet würde ich auf jeden Fall nennen; die machen uns gerade besonders viel Spaß ...

Sie sind auch der eindrucksvolle Beweis dafür, was Musik heute noch bewirken kann.

Auf jeden Fall. Das freut mich ganz besonders. Man fragt sich ja oft: Wo sind heute noch Bands mit Haltung? Wo zieht man die Linie? Und dann sieht man Feine Sahne Fischfilet, und es geht einem das Herz auf. Die sind klasse. Aber ich verstehe auch die Position, dass Musik einfach nur mal Spaß macht; da fallen mir zum Beispiel Seeed, die Beatsteaks oder die Rogers aus Düsseldorf ein.

Eine solche Linie haben Sie vor kurzem bei der Echo-Verleihung gezogen ...

Ich habe an diesem Abend einfach gesagt, was meiner Meinung nach zu dem Thema einmal gesagt werden musste. Es freut mich natürlich, dass viele Menschen meine Gedanken geteilt haben. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen: Es war nichts Herausragendes, es musste sein, es musste raus. Aber es ist natürlich ein unglaublich wichtiger Diskurs, was an künstlerischer Freiheit erlaubt, was an Texten moralisch vertretbar ist und was nicht. Dieser Diskurs darf auch nicht zu Ende gehen, weil sich die gesellschaftlichen Komponenten ständig ändern. Da müssen wir uns immer wieder neu hinterfragen und neu justieren. Bei all dem Ärger, den es um den Echo gegeben hat, ist das vielleicht der positive Punkt: dass es nun eine Auseinandersetzung mit diesem Thema gibt.

Die Toten Hosen sind auch Zeitzeugen. Was hat sich besonders markant geändert in Deutschland, seit Sie angefangen haben?

Nimmt man einen Zusammenschnitt der vergangenen 35 Jahre, ist es unglaublich, was alles geschehen ist. Die klaren Fronten – Ost-West, CDU-SPD, jung-alt –, wie es sie, ich sage das in Anführungszeichen, in den „glücklichen 80ern“ gegeben hat, die gibt es nicht mehr. Die Welt hat sich völlig geändert und wir uns natürlich auch. Es ist fast unmöglich, die Zeiten zu vergleichen. Die Frage, was eine Musikgruppe heutzutage sein kann für die Gesellschaft – Geht es um reines Entertainment? Oder kann eine Band auch den Anspruch haben, sich politisch einzubringen? –, muss jeder für sich selbst beantworten. Ich aber komme aus einer Generation, bei der es um ein Lebensgefühl ging. Nimm zum Beispiel jemanden wie Jim Morrison von den Doors: Wie der sich mit der Polizei auseinandergesetzt hat, das war doch nichts Anderes als Punkrock in anderem Gewand. Vielleicht waren Punks auch in gewisser Weise Hippies. Es herrschte bei alle diesen Gruppen der selbe Geist: Musik für die Unterdrückten, Bewegungen gegen das Establishment, auch beim Rock’n’Roll war das schon so. Von diesem Geiste habe ich gelöffelt.

Wie sieht es mit Ihrem Sendungsbewusstsein aus?

Ich möchte den jungen Leuten nicht vorschreiben, so zu ticken wie wir. Sie haben ihre eigenen Helden. Wenn Sie mich fragen, finden die größten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen heute im HipHop statt, das ist die Popmusik von heute. Wenn man wissen möchte, worüber aktuell diskutiert wird, muss man sich nur deren Lieder anhören. Da spielt die Musik.

„Unter den Wolken“ von Ihrem letzten Album klingt wie eine Antwort auf Reinhard Meys „Über den Wolken“ und der dort beschriebenen Sehnsucht nach Freiheit. Ihr Lied wird die Frage auf: Wo sind die Utopien? Gibt es noch Hoffnung?

Natürlich gibt es noch Hoffnung. Darum geht es doch: dass man sich bei all den Sorgen, die man hat, in dieser Situation den Schneid nicht abkaufen, die Lebensfreude nicht nehmen lässt. In diesen Zeiten tun sich viele Krisen auf, die beängstigend sind, die beängstigend sind, weil Menschen vom Typus Donald Trump, Erdogan oder Kim Jong-un so viel Kontrolle haben. Diese Ängste sollten wir nicht ignorieren, aber wir sollten uns von ihnen auch nicht die positiven Aspekte des Lebens verderben lassen.

Und so lange das so ist, halten Sie die Fahne hoch, und die Frage, die Sie auf dem Album aufwerfen, „Wie viele Jahre soll es noch weitergehen?“, stellt sich nicht?

Eigentlich nicht. Die Antwort werden wir so oder so bekommen, ob es uns passt oder nicht. Zurzeit sind wir gesund. Wir sind – hoffentlich – noch keine Persiflage von uns selber, und so lange das so ist, wollen wir das noch durchziehen. Aber wenn wir die Leute mit unseren aktuellen Liedern nicht mehr berühren könnten, wäre es Zeit „Auf Wiedersehen“ zu sagen.

Und das zur Not auch mit dem Bundesverdienstkreuz?

Ach, das weiß ich nicht. Bislang bin ich darauf von niemandem offiziell angesprochen worden. Ich kann mir auch nicht erklären, wofür ich das verdient hätte, muss mich zum Glück aber auch nicht damit auseinandersetzen. So ist das halt mit den Medien. Da ist man irgendwann mal der August, auf den sich alle stürzen, und nächste Woche ist ein anderer dran. Am besten man versucht, sich diesem Geschrei so gut wie möglich zu entziehen.

Indem man zum Beispiel live spielt?

Ja, genau. Da wissen wir, was wir machen und was wir zu tun haben. Da sind wir zuhause.

Das Hannover-Konzert der Toten Hosen am 1. Juni auf der Expo-Plaza ist ausverkauft. Karten gibt es allerdings noch für den Auftritt in Braunschweigs Volkswagenhalle am 20. Mai – für 51 Euro in den NP-Ticketshops.

Von Stefan Gohlisch

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