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Kultur Jonathan Lethems wilder Detektiv
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13:33 25.04.2019
Der wilde Detektiv: Der neue Roman von Jonathan Lethem spielt zu einem großen Teil in der Mojave-Wüste im Westen der USA.
Der wilde Detektiv: Der neue Roman von Jonathan Lethem spielt zu einem großen Teil in der Mojave-Wüste im Westen der USA. Quelle: dpa/handout
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Phoebe Siegler ist die Erzählerin. Phoebe ist neurotisch, sie ist eine Journalistin aus Manhattan, die arbeitslos ist und ihre Überempfindlichkeit einer Welt verdankt, die aus Leitartikeln, Konzeptkunstinstallationen und Sektempfängen besteht. Und doch ist sie in größten Teilen nicht der Hauptcharakter in Jonathan Lethems neuestem Roman „Der wilde Detektiv“ – einer der ersten, die sich mit den USA in Zeiten des Donald Trump beschäftigen.

Ein Spezialist darin, Ausreißer zu finden

Phoebe trifft Charles Heist, den wilden Detektiv (warum der so heißt, wird im Laufe der Geschichte klar), als sie, aus New York kommend, in Kalifornien Arabella sucht, die Tochter ihrer Freundin Roslyn. Vielleicht nicht vom ersten Moment, spätestens aber vom zweiten an fühlt Phoebe sich zu Charles hingezogen. Der Mann ist Spezialist darin, Ausreißer zu finden.

Jonathan Lethem führt die Leser in das Städtchen Claremont in der Nähe von Los Angeles. Das alles in Zeiten, in denen die Macht im Weißen Haus von Barack Obama auf Donald Trump übergeht. Der kommt in dem Buch überhaupt nicht gut weg, die Demokraten im Grunde aber auch nicht.

Zwischen Zivilisation und archaischen Ritualen

Die Geschichte spielt in einem Spannungsfeld zwischen hochgezüchteter Zivilisation, aus der Phoebe kommt, und einer Welt von Hippie-Aussteigern, die in der Mojave-Wüste von quasi-archaischen Ritualen geleitet leben. Sie meinen, die Zukunft inklusive Weltuntergang aus Kondensstreifen herauslesen zu können. Die „Bären“ (alles Männer) sind die Bösen, die „Kaninchen“ (größtenteils Frauen und Kinder) die eher Gemäßigten. Irgendwo dort vermutet Heist die junge Ausreißerin.

Wer sucht was oder wen?

Was Phoebe und Heist während der Suche erleben, und was Lethem über den Detektiv dabei zu Tage fördert, mutet dann schon alles sehr sonderbar an. Aber nach und nach offenbart sich, dass der Autor möglicherweise mit dem Detektiv eine Welt zwischen primitiv und zivilisiert anbietet, die gar nicht so schlecht ist. Dazu passt Lethems Spiel mit der nahe liegenden Idee, dass Phoebe nur vordergründig Arabella sucht – eher aber doch ein Leben für sich, das ihr lebenswert erscheint. Die Frage danach, wer wen oder was in dieser Erzählung findet, ist einer der Gründe, warum die Geschichte so fesselnd ist.

Beeindruckend ist die dichte Sprache mit tollen Bildern (Beispiel Phoebe: „Der Kaffee war ein Scheibenwischerblatt am Fenster meines Gehirns“), Übersetzer Ulrich Blumenbach verdient ein dickes Lob dafür, ebenso der Autor für ein sehr unterhaltsames Buch, das man dann aber auch nachdenklich aus der Hand legt. 

Jonathan Lethem, „Der wilde Detektiv“, Tropen, 335 Seiten, 22 Euro

Von Sönke Lill