Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Bruno aus der Schublade
Nachrichten Kultur Bruno aus der Schublade
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 28.10.2009
Anzeige

VON STEFAN GOHLISCH
Ein schönes Buch haben Sie geschrieben. Als ich es mit meiner Tochter gelesen habe, konnte ich anschließend mit ihr über Themen wie Konformität und Anderssein reden. War das Ihre Absicht?
Nein, grundsätzlich wollte ich einfach nur diese Geschichte aufschreiben, die mir meine Mama immer erzählt hat, die von dem Jungen mit den grünen Haaren. Die andere Geschichte, die sie mir erzählt hat, war übrigens die von meiner chinesischen Großmutter, die immer am Fenster vorbeifliegt – aber nur, wenn man nicht guckt. Das fand ich total spannend.
Und wie oft haben Sie heimlich geguckt?
Naja, es funktionierte ja nur, wenn man nicht guckte…
Aber davon lässt man sich als Kind doch nicht abhalten…
Das stimmt natürlich (lacht).
Was war der Anlass, diese Geschichte jetzt niederzuschreiben?
Ach, ich habe die bestimmt schon vor zwölf Jahren aufgeschrieben und in die Schublade gelegt. Da habe ich sowieso viel herumliegen. Ich bekomme immer wieder einen Rappel und fange an zu schreiben. Ich habe nur noch nicht so viel veröffentlicht. Meine Songtexte allerdings verstehe ich auch als Geschichten. Auf jeden Fall habe ich irgendwann mal mit ein paar Leuten zusammengesessen, habe die „Bruno“-Geschichte herausgeholt und gezeigt. Und da hat einer gesagt: „Spinnst du? Das muss veröffentlicht werden.“
Mein erster Gedanke war: Ben Becker auf dem Weg zum Universalkünstler – jetzt schreibt er auch noch ein Kinderbuch…
Ich bin einfach ein Mensch, der ganz viele Sachen ausprobiert. Ich habe allerdings noch keinen wirklich eigenen Film gemacht – wobei ich mit einer Idee schon lange schwanger gehe. Viele verwirft man ja wieder, aber an dieser Idee werde ich dranbleiben. Da bin ich immer für eine Überraschung gut.
Wenn Ihnen Ihre Mutter von Bruno erzählt hat, dem Jungen, der sich nicht die Haare waschen will, klingt das ein bisschen nach erhobenem Zeigefinger. Anders gefragt: Wie viel Ben Becker steckt in „Bruno“?
Ein mahnender Zeigefinger war nicht dabei; so war meine Mutter nicht. Aber der „Bruno“ ist natürlich autobiografisch, dahingehend, dass ich mich von meinen Klassenkameraden schon unterschieden habe: Ich war als Kind klein schmächtig, rothaarig und weißhäutig. Die anderen Kinder haben mich „Feuermelder“ oder „Albino“ gerufen. Den Bruno beschimpfen die Kinder mit „Schimmelpilz“ oder „Klobürste“. Aber er nimmt das einfach hin, bleibt ganz gelassen. Angst macht es ihm hingegen, als – in einem Traum – alle Kinder so sein möchten wie er…
Jedes Kapitel endet mit den Worten „… bis Gras über die Sache gewachsen ist“. Daraus spricht eine gewisse Gelassenheit. Ist das Ihr Credo?
Eher ein Wunschdenken. Ich bin natürlich kein gelassener Mensch. Manchmal wäre ich es gerne. Aber Bruno lebt eben auch in einer sehr heilen Welt.
Auch die Eltern entsprechen eher einem sehr konventionellen Rollenbild…
Ein Papa taucht ja gar nicht auf; der ist arbeiten. Aber so war das bei mir auch. Ich bin mit Mama und Oma aufgewachsen, einer Oma, die Senfeier kochte wie Brunos Oma auch.
Gibt es eine Moral?
Es ist zumindest mein Wunsch, dass die Kinder darüber nachdenken, dass sie toleranter gegenüber anderen sein sollten.
Ist das noch notwendig?I
Auf jeden Fall: So lange irgendwelche 14-Jährigen mal eben einen 40-Jährigen totschlagen, kann man das gar nicht oft genug sagen.
Sie sind Vater einer neunjährigen Tochter. Wie hat ihr das Buch gefallen?
Sie ist ganz stolz; es ist ein bisschen ihr Baby. Schon bei der ganzen Entwicklungsgeschichte ging mit ihr immer wieder ihre Fantasie durch. Da musste ich schon ab und zu sagen: „Halt! Stopp! Das ist Papas Geschichte.“
Ich kann mir auch vorstellen, dass sie mit einem Kinderbuch mehr anfangen kann als mit anderen Ihrer Arbeiten…
Sie ist natürlich viel näher dran. Den einen oder anderen Film von mir würde ich ihr nicht zeigen, und auch in jedes Theaterstück würde ich sie nicht lassen. Bei „Bruno“ gibt es schon einen ganz regen Austausch.
Wie geht es mit ihm weiter?
Die ersten zwei Geschichten sind jetzt erschienen; sechs weitere sind fertig. Die nächsten werden in etwa einem Jahr veröffentlicht. Darin fährt Bruno unter anderem nach Paris, um seiner Mutter ein Weihnachtsgeschenk zu besorgen. Und entdeckt bei der Mona Lisa im Louvre, dass die auch einen ganz leichten Grünstich hat. Aber wohin er auch kommt, sind alle ganz glücklich.
Und wie viel Ben Becker steckt darin?
Das ist schon sehr autobiografisch (lacht).
DAS BUCH
Bruno ist ein feiner Kerl, er geht zur Schule, isst gerne die Senfeier seiner Großmutter und ist nicht aus der Ruhe zu bringen - auch nicht von seinen Mitschülern, die ihn „Klobürste“ nennen. Denn Bruno mag sich die Haare nicht waschen, schon seit einem Jahr nicht. Bis der Achtjährige eines Tages ein wunderbares Stück grüne Seife findet, sie benutzt und er zum Jungen mit de grünen Haaren wird. Ein erstaunlich gemütliches und gelassenes Buch über das Anderssein und das Anderssein-Wollen hat Ben Becker mit seinem ersten Kinderbuch geschrieben, sehr humorvoll illustriert von Annette Swoboda.
Ben Becker: „Bruno. Der Junge mit den grünen Haaren“. rororo Rotfuchs, 56 Seiten, 9,95 Euro.
Becker gastiert am 22. Januar mit seiner „Bibel“-Lesung in der AWD-Hall. Karten (46 bis 69 Euro) an den bekannten Stellen.

Kultur Knabenchor-Requiem - "Man schunkelt in den Tod"
Stefan Arndt 28.10.2009
28.10.2009
Johanna Di Blasi 28.10.2009