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Kultur Bosse: Das war die schönste Zeit
Nachrichten Kultur Bosse: Das war die schönste Zeit
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15:25 04.12.2016
Von Stefan Gohlisch
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Hannover

Ja, 5000 Menschen können froh sein, dass sie da sind an diesem Abend.

Ein liebenswerter Entertainer. Tanzen kann er nicht. Früher hat er darüber gespottet; jetzt macht er es einfach, mit wedelnden Armen und viel Sprungkraft. Ausdauernd und ansteckend. Das T-Shirt wechselt im Verlauf des Konzerts den Aggregatzustand von fest zu flüssig. Zum Schluss besteht es aus deutlich mehr Schweiß als Stoff. Knuffig ist er, ein knuffiger, recht kompakter Storch im Salat, freut sich über die „bummsausverkaufte Halle“ und verspricht „ein monstergroßes Feuerwerk“. Und er liefert, Deutschpop mit Indie-Sensibilitäten.

Foto: Wallmüller

36 ist er. Man nimmt ihm ab, dass er das Leben, über das er singt, auch wirklich gelebt hat. Die Liebe geliebt, die erst „eine Neue-Liga-Liebe“ erreicht, wenn man sie auch mal in den schlechten Zeiten erträgt. „Yipi“ ist das Lied dazu. Dazu erstrahlt ein Sternenhimmel. Kitschig? Ja, total. Und schön. „Schönste Zeit“, diese Hymne ans verklärenswerte Damals kommt mit fiesem Coldplay-Arrangement und übereifrigem Backgroundgesang daher und ist doch unkaputtbar. Zu „Millionen“ läuft er durchs Publikum zum Mischpult und singt dabei weiter.

Und „Istanbul“ nutzt der Braunschweiger für eine Absage an „dieses ganze Braunschweig-Hannover-Gefissele - wir sind doch Menschen mit IQ“. Man möge sich doch vereinigen und ganz viele Bosse-Kinder zeugen. Und überhaupt: Seine erste Freundin habe in Linden gelebt. Schön sei das gewesen. Und der geliebten Türkei, Heimat der Familie seiner Frau Ayse, wünscht er „ganz viel Freiheit, ganz viel Ruhe, ganz viel Gerechtigkeit“. Reflektiert und leidenschaftlich. Ein Vereiner ist dieser Axel Bosse: „Küss mich, bis der halbe Mond aufgeht.“ Keine falsche Gefühligkeit wie sonst so oft im deutschen Pop, nur echte Gefühle, keine Phrasen, sondern prosaische Poesie.

Das Konzert beginnt stark, mit „Außerhalb der Zeit“ und dem unvermeidlichen „Oh, ho, ho“ schon im zweiten Song „So oder so“, und es steigert sich ständig, auch was die Bühne angeht. Anfangs ist sie nahezu leer, bis auf ein paar Traversen mit Strahlern und der siebenköpfigen Band samt Cello und Trompete. Später kommen Leinwände hinzu („Familienfest“ singt er hinter der Projektion von Schauspielerin Fritzi Haberlandt schönem Gesicht), Bubble-Buchstaben, immer wieder Lichtfinger ins Publikum und ganz am Ende, zu „Kraniche“, ein Glitterregen. „Ich such’ nicht mehr und finde nur“, singen sie, während die Band einander ergriffen umarmt. Gefunden. Glück kann so einfach sein.HHHHH