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Kultur Boss Bruce rockt Berlin
Nachrichten Kultur Boss Bruce rockt Berlin
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06:16 04.06.2012
Von Matthias Halbig
HEMDSÄRMELIG: Der Boss und sein Schlagzeuger Max Weinberg.
HEMDSÄRMELIG: Der Boss und sein Schlagzeuger Max Weinberg. Quelle: Britta Pedersen
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Berlin

Am Ende hielt der Boss eine schlabbrige Hose als Beweis hoch: „We’ve rocked you out of your panties.“ Das ausverkaufte Olympiastadion zum kleinen Rock-’n‘-Roll-Schuppen zu schrumpfen, schafft nur Bruce Springsteen.

VON MATTHIAS HALBIG

BERLIN. Der Himmel überm Rock ’n‘ Roll ist halb zugezogen, grau-lila ziehts übers Lichtoval des alten, schönen Nazi-Stadions, mit kitschigem Pfirsichgold an den Wolkenrändern. Der liebe Gott lässt zuletzt halt doch noch ein wenig Gemäldesonne durchblicken, schließlich rockt da unten sein Bester, einer, der versprochen hat, die Gitarre nicht eher ruhen zu lassen, bis er seinem Publikum die „panties off“ gerockt hat. Außerdem ist Bruce Spring-steen ja auch bibelfest und singt vom Gottvertrauen des kleinen Mannes und von Jesus, der die Geldwechsler aus dem Tempel geworfen hat. Pro Occupy!

Bevor die schlechten Nachrichten kommen, ein Song für die Stadt: „When I Leave Berlin“ - Springsteen singt von Mauer und Mauerfall und dass ihm in Berlin wie nirgends sonst dämmere, dass er ein „free man“ ist. Das Ding aus der Feder des britischen Gitarristen Wizz Jones kommt mit Pauken, Trompeten und Fiedel, es rumpelt gut, und das Olympiastadion wird zum schaukelnden Folk-Schiff.

Mit dem Wildwest-Thema der „glorreichen Sieben“ war die Band zuvor eingezogen, gezählt werden auf der Bühne aber 17 Glorreiche. Hier rocktein E-Street-Orchester mit Backgroundchor und fünf (!) Bläsern. Die Posaune schmatzt, die Trompete strahlt, und Jake Clemons lässt sein Sax so lustvoll röhren wie sein Onkel Clarence - Gott, der Sonnenbringer, hab ihn selig. Berlin ist jetzt Bosstown. Und der Boss ist auch weiterhin der Ben Hur des Rock ’n‘ Roll, seine Konzerte haben dick Pathos, sind spannend wie ein Wagenrennen und dauern ewig.

Dunkle Dinge

Dabei singt Springsteen in Berlin meist von dunklen Dingen. Vom „Wrecking Ball“, der die alten Werte zertrümmert hat, von den Bankern, die Amerika abgezockt haben, von denen, die erst ihr Häuschen, dann ihr Glück verloren. Und vom Zorn derer, die „die Bastarde glatt abknallen würden“ („Jack of All Trades“). Es geht um die Straßen, die locken („Thunder Road“), und die Ketten, die binden, verkorkste Leben und vergebene Chancen. Da ist der Typ in der Kneipe, der sich am tollen Gestern besäuft („Glory Days“), und der Typ, den der Schichtbetrieb erledigt hat („Dancing in the Dark“). Und da ist noch der Vietnamveteran, der nunmehr 40 Jahre friedlos durchs Land zieht: „Born in the USA“ kehrt als Stadionhymne zurück. Berlin reckt die Faust, Berlin singt mit, Berlin versteht: Schließlich ist Berlin ja auch in Amerika geboren, irgendwie ...

All die Bitternisse ohne Falsch in ein Fest zu verwandeln, das kann keiner wie Bruce. Ein Vollsympath, der die abgeschrabbte Stratocaster immer wieder wie eine Gefährtin an sich reißt und der die feiert, die ihn feiern, der Kinder schultert und schon mal eine Security-Frau zum Tanz bittet. Die Stimme ist kraftvoller denn je, sie kratzt wie rostiger Draht, sie croont soulig und ist bei „The River“ klar und anrührend im Falsett. Im E-Street-Repertoire finden sich längst alle US-Sounds: Rock ’n‘ Roll, Folk, Country, Gospel, Soul.

Mit Soul gehts auch zu Ende: Der 62-jährige Spring-steen hält kurz vor elf eine Hose hoch. „Wir habens geschafft“, sagt er und lacht. Und dann stürzt sich die Großkapelle in „10th Avenue Freeze-out“, einen für Clarence. Ein Banker auf der VIP-Tribüne hat derweil nicht Hose, aber Sakko abgeworfen und tanzt so weltvergessen, dass man glaubt, Zeuge eines Seelenwandels zu sein. Morgen, so weiß man, wird er sein Vermögenden Armen vermachen und mit der Harley seinen Horizont erweitern. Gut so. Gott gebe ihm Sonne.

Bewertung: 5/5