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Kultur Berührendes Drama eines Retters
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13:12 24.02.2019
Berührend: Will Schlüter in „Das Boot ist voll!“. Quelle: Sabina Bredemeier
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Hannover

Am Ende stehen Mitleid und Ohnmacht, Trauer und Zorn, Sprachlosigkeit und tiefe Betroffenheit auf der Bühne und im Publikum. Dieser Theaterabend berührt. „Das Boot ist voll!“ ist die Geschichte des Eisdielenbesitzers Vito Fiorino aus Lampedusa, der am 3. Oktober 2013 mit einer Gruppe Freunde unfreiwillig zum Retter von 47 gekenterten Flüchtlingen aus Eritrea wurde.

Das Stück von Antonio Umberto Ricco wurde nun in Kooperation mit dem Friedensbüro Hannover erneut im Theater am Aegi aufgeführt. In einem 70-minütigen Monolog erzählt Schauspieler Willi Schlüter von dem hochemotionalen Vorfall auf See und dem Alltag nach der lebensverändernden Aktion.

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Schlüter macht einen Menschen greifbar, der sich vor vielen Jahren in die steinige und schroffe Landschaft der Mittelmeerinsel zwischen Sizilien und Tunesien verliebte und zu bleiben beschloss. Dessen Leben als Eisdielenbetreiber abseits von Flüchtlingshilfe und aktivem Kampf um Menschenrechte stattfand, auch als schon tausende Tunesier über das Meer kamen. Am Abend des 2. Oktobers 2013 jedoch fuhr er mit seinen sieben Freunden zum Fischen und Baden aufs Meer hinaus.

„Irgendwas war anders an diesem Abend“, erzählt Darsteller Willi Schlüter mit ruhiger und besorgter Stimme. Die Bühne wird in einen tiefen Blauton getaucht. Schlüter beschreibt die Rettungsaktion von 47 Flüchtlingen am frühen Morgen des nächsten Tages: beinahe unerträglich eindringlich. Foto- und Videoprojektionen untermalen das gesprochene Wort.

Schlüter stellt auch die Zeit nach der Rettung dar und versucht demütig, einen Sinn in dem Ereignis und im Leben selbst zu finden. Er berichtet von Vertuschungsversuchen der italienischen Behörden, von fehlender Unterstützung der traumatisierten Rettern und von der Flut nervige Reporter, die immer dieselben Fragen stellten. „Was wir erzählten, enthielt auch für uns Rätsel.“

Nach und nach wird Fiorino, wird auch dem Publikum bewusst, dass sich sein Leben und seine Ansichten nach dem verhängnisvollen Morgen im Oktober radikal geändert haben: „Ich sehe keine Schwarzen mehr – ich sehe Menschen mit Geschichten.“ Einige der Geretteten zählen inzwischen zu seinen engen Freunden, mit denen er an jedem Jahrestag ihre Wiedergeburt feiert. Doch die „schwarzen Raben“, wie er seine Ängste, seine Erinnerungen rund um die Rettungsaktion nennt, werde er wohl nie los.

Schlüters Interpretation von Vito Fiorinos Erlebnissen ist durchweg authentisch und glaubwürdig. Seine Stimme fesselt und nimmt die ehrfürchtigen Zuschauer behutsam an die Hand. Als er zum Ende hinter dem Vorhang verschwindet, setzt der Applaus erst nach einer gefühlten Ewigkeit ein, so ergriffen ist das Publikum. „Das Boot ist voll!“ ist eine Geschichte über Hoffnung, soziale Verantwortung und Menschlichkeit. Jede Träne sei echt, versichert Schlüter nachher dem Publikum. Und das hat daran nicht den geringsten Zweifel.

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Von Aline Westphal