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Kultur Swiss und die Andern im Capitol
Nachrichten Kultur Swiss und die Andern im Capitol
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17:05 28.10.2018
Sie haben nur noch Hosen an: Swiss und die Anderen im Capitol. Für die Fans heißt es hopsen und purzeln.
Sie haben nur noch Hosen an: Swiss und die Anderen im Capitol. Für die Fans heißt es hopsen und purzeln. Quelle: Franson
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Hannover

Antifa-Fahnen werden im Publikum geschwenkt, T-Shirts mit politischen Sprüchen getragen, „Randalieren für die Liebe!“ heißt das Versprechen der Punk-Rap-Rock-Band Swiss und die Andern. 1400 Fans tragen diese Botschaft in ihren Herzen, das Konzert wurde ins Capitol hochverlegt, es ist bislang ihre größte Headliner-Show, freut sich die Band.

Im Parkett geht es wild zu, ab dem dritten Stück sind alle sechs Musiker halbnackt – Oberkörper frei, der Testosteron-Dampf wird abgelassen. Die Fans purzeln über die Menge, drehen sich heftig im Kreis, das sieht selbst aus sicherer Entfernung noch gefährlich aus. Slips fliegen auf die Bühne, Schuhe auch – was für eine Moshpit.

Swiss und die Andern haben ihren musikalischen und politischen Rahmen abgesteckt: Ihre Vision ist die „Missglückte Welt“, eine Bewegung, „deren Anhänger die Ideologie verbindet, dass die Welt und die Menschen nicht perfekt sind“. Als „Sekte“ wird die Gemeinde gerne getadelt, die Fans reagierten, sie gründeten die „Missglückte Welt Sippschaft“.

Von der Bühne aus wird die Show gefilmt, denn die Netzwerke wollen und sollen aktuell versorgt werden. In ihrem Song „Konzerttouristen“ wird kein gutes Haar am Mainstream gelassen, die sehr jungen Besucher, überwiegend Anfang zwanzig Jahre alt, beten die Texte mit. Und auch wenn die Konzertbeschreibung „Abriss“ inflationär benutzt wird, jetzt ist es kurz davor.

Doch so hart die Kerle auch erscheinen, die Musik ihrer Eltern spielen auch sie, und nicht nur einmal: „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens, „Er gehört zu mir“ und „Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Wahnsinn“ von Wolfgang Petry. Vielleicht ist es ironisch gemeint, doch auch ihre eigenen Texte sind von Kindheitserinnerungen geprägt.

Aus Berlin und aus Hamburg stammt die Truppe, vom Rap kommend sind sie inzwischen beim Punk gelandet, die Formation ist alte Schule: Schlagzeug, Gitarre, Bass, DJ. „Alerta, Alerta, Antifascista“ grölen die Fans, der Mittelfinger ist ihr Gruß: „Und du stehst vor mir und sagst mir wie scheiße du mich findest… Fick dich!“ ist ihre Antwort auf Ignoranz. Swiss kann singen, er ist ein imposanter Frontmann, durchtrainiert.

Auch wenn der Präsentkorb, den man ihm überreicht, vielleicht das Gegenteil enthüllt. Ihm zur Seite steht Shocky, ein gesichtstätowierter Rapper, schlaksig anzuschauen und gruselig wie eine Tim-Burton-Puppe.

Die Riff-Gitarre pumpt, ihr Lied „Antarktis“ ist so sentimental wie ernüchtert. Swiss und die Andern haben Songs, die Fans singen mit zu „Die Sonne scheint“ und „Asche zu Staub“, nach zwei guten Stunden rotziger Straßen-Hymnen ist Schluss. „Randalieren für die Liebe“ – das hat gepasst.

Von Kai Schiering