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Kultur Avantgarde in Wolfsburg – Kunstmuseum feiert
Nachrichten Kultur Avantgarde in Wolfsburg – Kunstmuseum feiert
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14:24 15.05.2009
Von Johanna Di Blasi
Thomas Schütte Gijs van Tuyl Andreas Gursky Verner Panton Wolfsburg Kunstmuseum
Glanzpunkte: „Große Geister“ von Thomas Schütte. Quelle: Handout
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Trotz gewachsener Konkurrenz ist das Haus in einem Punkt noch immer einzigartig: Kein deutsches Kunstmuseum wirkt in seinem Umfeld so fremd und alienhaft wie der luxuriöse Museumstempel des VW-Konzerns am unteren Ende der Porschestraße, Wolfsburgs von Billigketten dominierter Einkaufsmeile. Auch nach 15 Jahren wirkt die würfelige Stadtloggia mit ihrem fast schwebenden Glasdach, als hätte sie sich aus einem Simulationsprogramm in die Realität verirrt.

Von Anfang an war die Ausrichtung des Hauses mehr überregional als regional. Etwa eine Million Menschen haben das 1994 gegründete Kunstmuseum Wolfsburg inzwischen besucht. In die im Jahr 2000 eröffnete Autostadt kamen zum Vergleich bislang 18 Millionen Menschen. Doch um hohe Besucherzahlen ging es den VW-Managern nicht, sondern darum, dass der Name Wolfsburg in den Feuilletons der großen Zeitungen auftaucht – und das gelingt regelmäßig.

Zweifel, ob sich abseits der Metropolen ein avantgardistischer, international beachteter Kunstort etablieren lasse, wurden schon nach den ersten Ausstellungen unter dem charismatischen Gründungsdirektor, dem Holländer Gijs van Tuyl (heute Direktor des Stedelijk Museums in Amsterdam), zerstreut. Zur Eröffnung zeigte dieser eine große Retrospektive des französischen Künstlers Fernand Léger. In der Gruppenschau „German Open“ präsentierte er schon früh Künstler wie Jonathan Meese oder Daniel Richter. Inzwischen gab es im Kunstmuseum Wolfsburg mehr als 100 Ausstellungen.

Seit 2006 ist der sympathische Schweizer Kunsthistoriker Markus Brüderlin Leiter des Hauses. Er interessiert sich unter anderem für das Ornament in der modernen Kunst und Grenzgänge, etwa hin zum Design. Das kann man in der Jubiläumsschau „Gegen den Strich“ sehen, die heute eröffnet wird und Werke der hauseigenen Sammlung zeigt. In ihr findet sich etwa die berühmte psychedelische Sitzlandschaft des Designers Verner Panton.

Auch die früheste Erwerbung ist in der Ausstellung zu sehen: ein spiralförmiges Bankett des italienischen Meisters der Arte Povera, Mario Merz. Der Tisch soll Leben symbolisieren und wird laufend mit frischem Obst und Gemüse bestückt. Bei der Malerei fallen mehrere großformatige Werke des Leipzigers Neo Rauch ins Auge, darunter „See“. Wolfsburg hat als erstes Museum in den alten Bundesländern Rauchs Werke erworben.

Bei der Fotografie liegt ein Schwerpunkt beim Düsseldorfer Meister Andreas Gursky. Seine großformatigen Fotoabzüge ziehen sich leitmotivisch durch die ungewöhnliche Präsentation, bei der manche Werke mehrere Meter über dem Boden gehängt sind und anderes von der Decke baumelt. Erst jüngst in die Sammlung gekommen ist Gurskys Panoramabild „Pyongyang V“. Es ist ein Geschenk von VW. Gurskys können auf dem Auktionsmarkt mehrere Millionen Euro kosten, doch Wolfsburg habe das Bild „sehr, sehr viel günstiger“ bekommen, verrät Brüderlin. Gursky mag schnelle Autos und ist mit einer reichen Kunstsammlerin liiert, die einem Autozulieferkonzern entstammt.

Zu Wolfsburg hat der Fotograf offensichtlich einen guten Draht. Mit rund 200 Werken versammelt die Geburtstagsschau etwa zwei Drittel der Bestände des Hauses. Historisch setzt die Sammlung im geschichtsträchtigen Jahr 1968 ein, doch dezidiert gesellschaftskritische Kunst bleibt ausgespart.