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Kultur August Zirner trifft Frankenstein
Nachrichten Kultur August Zirner trifft Frankenstein
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23:42 29.11.2018
Liest im Schauspielhaus: Der Schauspieler August Zirner.
Liest im Schauspielhaus: Der Schauspieler August Zirner. Quelle: dpa
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Hannover

Vor 200 Jahren, am 1. Januar 1818, veröffentlichte Mary Shelley ihren Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Wie modern dieser Prometheus ist, möchte Schauspeiler August Zirner (62) im Schauspielhaus zeigen, erzählend, Querflöte spielend und in Begleitung des Spardosen-Terzetts. Ein Interview.

Sie kehren in eine Stadt zurück, in der Sie zu Beginn Ihrer Karriere engagiert waren. Was verbinden Sie alles mit Hannover?

Am Schauspiel Hannover hatte ich mein erstes festes Engagement, von 1976 bis 1979. Danach ging ich nach Wiesbaden und danach an die Münchner Kammerspiele. Und dann kam ich irgendwann wieder zurück, um „Don Carlos“ zu spielen, vor zehn Jahren ungefähr. Ich habe in Hannover – unter Alexander May und Herbert Kreppel – noch am Ballhof gespielt, ein wunderbarer Ort, und im Aegi die „Jungfrau von Orléans“. Dabei habe ich auch meine Frau kennengelernt.

Hannover hat Ihnen also Glück gebracht?

Hannover ist richtig schicksalhaft für mich. Ich habe auch meinen ältesten Sohn in Hannover gezeugt – zwischen den Proben. Ohne das vertiefen zu wollen: Bei der Premiere war die „Jungfrau von Orléans“ bereits eine Freifrau von Orléans. Aber das wussten wir noch nicht.

Nun der „Frankenstein“ ...

Ich freue mich wahnsinnig, den in Hannover zu machen, auch im Schauspielhaus. Das ist, als würde man eine alte Schule besuchen. Noch lieber wäre es mir nur im Ballhof. Auf der neuen Bühne habe ich nur den „Don Carlos“ gespielt.

Warum dieser Stoff? Weil er trotz seiner Alters wegen der heute um sich greifenden menschlichen Hybris wieder so aktuell geworden ist?

Sie haben es schon ausgesprochen. Um noch weiter auszuholen: Ich mache ja häufiger Abende mit Text und Musik, auch mit anderen Musikern wie jetzt eben auch mit dem Spardosen-Terzett. Die Idee hatte eigentlich der Kontrabassist, Kai Struwe. Der meinte, der Roman wäre doch interessant wegen des Themas künstliche Intelligenz. Also haben wir den Roman gelesen – und ihn aufgegeben, weil er zu umfangreich ist. Aber dann habe ich das Buch noch einmal auf Englisch gelesen und gemerkt, dort wird die Kritik am männlichen Forscherdrang viel deutlicher als in der Übersetzung. Es gibt dort dieses Gegensatz-Paar, den Wissenschaftler Victor Frankenstein und Elisabeth Lavenza, die Frau an seiner Seite, die die Natur liebt und die Künste. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Mann und Frau. Und das ist ein Thema, das sich durch alle meine Programme zieht.

Und damit war der „Frankenstein“ wieder auf dem Tisch?

Ja, ich habe dann noch eine sehr brauchbare Übersetzung gefunden, und dann war nur noch das Problem, den Stoff zu kürzen. Der Abend dauert jetzt 90 Minuten. Ich habe zum Beispiel die Rahmenhandlung herausgenommen: dass der Victor Frankenstein auf einem Schiff ist und einem Kapitän seine Geschichte erzählt. Wodurch der ganze Roman in Frage gestellt oder zumindest in Klammern gesetzt ist. Bei mir ist die Musik die Rahmengeschichte: Die Musik stellt dar, was der Frankenstein, also Victor, nicht das Monster, verdrängt. Sein Gewissen wird – flötentechnisch gesprochen – weggeblasen. Und die Musik ist unschuldig.

Und steht für das weibliche Prinzip?

Das ist schön angedacht, aber ich gebe ungern Interpretationsempfehlungen. Ich hoffe, dass der Abend genug Freiraum gibt, dass jeder sich seinen Teil denken kann.

Wer ist dieser Victor Frankenstein?

Das Erstaunliche ist: Wenn man Frankenstein sagt, denkt jeder erst einmal an Dracula, auch gebildete, literaturversierte Menschen. Oder an Boris Karloff.

Sie verwechseln Monster und Schöpfer.

Ja, genau. Victor Frankenstein – wie der Name schon sagt: der siegreiche Frankenstein – war ein junger Mann aus Genf mit sehr schöner Kindheit. Belastet nur damit, dass seine Eltern dieses Mädchen mit den wunderbaren Augen, Elisabeth Lavenza, adoptieren und seine Mutter ihm auf dem Sterbebett sagt: „Ich möchte, dass du dieses Mädchen heiratest.“ Er kriegt eine Braut in seiner Kindheit gesetzt und zerbricht darüber. Denn diese Elisabeth ist ein Musterbeispiel an Schöngeistigkeit. Sie ist eine Seele, und er – und das kann man gar nicht kritisieren, schließlich ist seine Mutter gestorben – will den Tod überwinden. Da beginnt das Drama. Er geht nach Ingolstadt und fasst den Entschluss: „Ich werde tote Materie beleben.“ Untertitel natürlich: „Ich werde wie Gott.“ Das ist ihm aber nicht klar in aller Konsequenz.

Er weiß es nicht?

Nein, das tut Donald Trump ja auch nicht. Der Fluch des Narzissmus. Die Rahmenhandlung ist also, dass er zu Beginn und zum Ende sagt: „Ich bin Victor Frankenstein. Der Geist, den ich in die Welt gesetzt habe, wütet immer noch.“

Macht man dem US-Präsidenten Trump nicht zu viel Ehre, wenn man ihn als modernen Frankenstein denkt?

Das tut man. Doch je weniger man einen Narzissten beim Namen nennt, umso besser.

Sie haben sich mit der Querflöte ein Instrument ausgesucht, das Ihnen das Reden verbietet. Fällt Ihnen das schwer als Schauspieler?

Das ist – vielleicht unbeabsichtigt – der Reiz dieser Doppelfunktion, die ich in inzwischen vier Programmen habe: Wenn ich Flöte spiele, kann ich nicht reden. Dann hört man nur noch die Seele.

Weil die Flöte die Seele ganz besonders nach außen kehrt?

Ich versuche es immer so zu erklären: Sprache hat auch unbedingt Seele, in Form des Atems, der aus Ihrem – und auch meinem – Körper heraus Konsonanten, Vokale und Wörter formt. Aber der gleiche Atem geht auch durch die Flöte, nur ohne Wörter. Ich bin grundsätzlich dagegen, zu sagen, eines ist besser als das andere. Auch Worte, zumindest gesprochene, sind nicht nur des Logos Kraft. Der Ton macht die Musik – das sagt man nicht umsonst auch über Gespräche.

Hat der Beruf des Schauspielers nicht eigentlich auch etwas Frankensteinisches – da Sie doch auch aus toter Materie, Druckerschwärze auf Papier – etwas Lebendes schaffen?

Das ist das wunderbare Geschenk dieses Berufs. Ich habe ja das große Glück gehabt, mit Peter Stein arbeiten zu dürfen, und der hat gesagt: „Ein Schauspieler ist dann gut, wenn er zum Autoren wird.“ Wenn er sich so sehr in die Sprache vertieft, dass er zum Schöpfer dieser Sprache wird. Den Sätzen Atem einhauchen kann nur der Interpret. Aber auch das gilt für Musik.

Dann ist die Hybris aber auch nicht fern, oder?

Natürlich nicht, wenn der Narziss zu weit im Vordergrund steht. Es gibt – das ist ja kein Geheimnis – ganz schreckliche Schauspieler. Es gibt auch ganz schreckliche Musiker. Es gibt aber eben auch ganz wunderbare Schauspieler und Musiker, und das Geheimnis ist die aufrichtige Urheberschaft und gleichzeitig Dienerschaft im Auftrag eines Textes. Das ist ein Paradoxon – und eine Metapher für das Leben überhaupt. Und kein Grund, größenwahnsinnig zu werden. Im Gegenteil: demütig.

Die Lesung „Frankenstein erwacht“ beginnt am 1. Dezember 2019 um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. Karten kosten 25 Euro.

Von Stefan Gohlisch