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Kultur Apocalypse wow!
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22:00 30.10.2009
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VON MATTHIAS HALBIG
Alles beginnt mit einem Rülpser. Die Sonne hustet etwas mehr Feuerschleim aus als sonst. Goldene Quallen steigen aus ihrer Oberfläche, tanzen, kämpfen miteinander. Bildschön. Auf Erden bewirkt dieser Tanz, dass Neutronen „erstmals eine physikalische Reaktion zeitigen“. Sie machen einen auf Mikrowelle, erhitzen den Erdkern. 2009 findet das ein Inder heraus, und schon 2012 ist Weltuntergang. An exakt dem Datum, an dem der Kalender der Maya endet.
Daran glauben viele, obwohl die Kalendermacher der indianischen Hochkultur sich damals wahrscheinlich nur sagten: „Schau mer mal. Wenn es bis dahin gut geht mit uns alten Maya, können wir ja immer noch weiter an unsrem Kalender tüfteln.“ Das wäre freilich kein Filmstoff, Roland Emmerich verlegt sich da lieber auf das Schlimmste, verwandelt die akute Zukunftsangst in den ultimativen Katastrophenfilm, einen, gegen den sich sein eigener „Day after Tomorrow“ so gestrig ausnimmt wie die „Trickfilmzeit mit Adelheid“. Die Ökobotschaft fällt weg, dafür appelliert der Schwabe diesmal ans Menschliche. Klar, Staatsoberhäupter sollen in Archen überleben, die die Chinesen binnen Dreijahresfrist in verborgenen Himalaya-Stollen bauen. Der Tierbestand wird gerettet, Milliardäre können sich bei den Noahs 2012 einkaufen, die Müllers und Meiers aber – und das erinnert entfernt an Zweiklassenschweinegrippenimpfstoffdiskussionen – sind von vornherein abgeschrieben, ein Fressen für Tsunamis, Erdbeben, den fiesen Neo-Swing der Kontinentalplatten.
John Cusack ist so ein Müller, geschieden, gescheitert, ein Schriftsteller als Chauffeur eines Russenmobsters. Er will seine Ex und seine Kinder retten, notgedrungen auch deren neuen Lover. Der hat stets sein Chirurgenkostüm an und erweist sich als nützlich, weil er, trotz nur einer Handvoll Flugstunden, eine dicke Antonow durch absackende Landschaften steuern kann. Emmerich inszeniert mit Sinn fürs Märchenhafte, Karikatureske, mit Witz und Wahnwitz. Apokomödie now? Nicht ganz, Emmerichs Humor tunkt den Ernst der Lage nie ins Lächerliche. Zwar ist das auch einer jener Filme, in denen Väter ihren Töchtern Emotionsplattitüden aufsagen wie „Du erinnerst mich an deine Mutter, wenn du aufgebracht bist“. Aber das sagt eben Danny Glover, und da ist doch noch einige Darstellungskunst drin. Wie auch bei Cusack, Chiwetel Eijofor, Amanda Peet und dem feisten Oliver Platt. Am besten ist aber der hier früh verscheidende Woody Harrelson als Beinahe-Grizzly im kollabierenden Yellowstone-Nationalpark: ein fröhlicher Trapper-Prophet mit Piratenstation in der Wildnis, der so irre ist, wie man eben wird, wenn man zu lang am Busen der Natur gelutscht hat.
Der Rest: ein Festival der Hammerszenen. Gigantische Augenfresser mit versinkenden Städten und Gebirgen, mit Wolkenkratzern, die plötzlich den Asphalt kratzen. Wenn es bei Rocking Roland Deadline für die Skyline ist, ist das auch ein Plädoyer fürs Kino: Vor solchen Superbildern muss die mächtigste Mattscheibe kapitulieren. Für Zuschauers Tränendrüse reichts indes nicht, außer man ist so nah am Wasser gebaut wie das Weiße Haus, das in diesem Emmerich samt Präsi von einem per Tsunami angeschwemmten Flugzeugträger platt gemacht wird – ironischerweise der „John F. Kennedy“.
Emmerich hälts bei seiner Kinokalypse am Ende mit Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter. Nur der Südpol befindet sich jetzt in Wisconsin, und es gibt auch ein neues Dach der Welt. Das liegt im Süden Afrikas, und die Zulu werden sich warm anziehen müssen. „2012“, USA 2009, 150 Min. Regie: Roland Emmerich. Darsteller: John Cusack, Chiwetel Ejiofor, Amanda Peet, Oliver Platt, Woody Harrelson.
Ab 12. November im Kino.

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