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Kultur Alligatoah in Hannover: sanftes Reptil, tolle Show
Nachrichten Kultur Alligatoah in Hannover: sanftes Reptil, tolle Show
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14:15 25.01.2019
Hat seine Unterkunft gleich mitgebracht: Alligatoahs Bühne gleicht einem Hotel samt Bar und Pagen.
Hat seine Unterkunft gleich mitgebracht: Alligatoahs Bühne gleicht einem Hotel samt Bar und Pagen. Quelle: Franson
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Hannover

Lukas Strobel ist schon ein bisschen anders. Der 29-Jährige aus dem hessischen Örtchen Langen ist zwar offiziell Deutschrapper. Doch mit Genrekollegen wie Kollegah, Farid Bang oder auch Cro hat er wenig gemeinsam. Strobel, besser bekannt als Alligatoah, nennt sich Schauspielrapper. Rap und Schauspiel, das macht die Show des sanften Reptils aus.

In der ausverkauften Swiss-Life-Hall singt und rappt Alligatoah durchgehend ins Mikrofon, Bühne und Kostüme wechseln wie die Farben beim Chamäleon. Aus dem „Hotel Kalliforniah“ wird so mal eben ein Fitnessstudio – je nachdem, was da zum Song passt. „Wisst ihr wo Hannover liegt? Sehr gut, man muss das Publikum ja auf seine Intelligenz testen. Und ihr habt bestanden.“

Hier fährt einer nicht nur auf einer Spur, die Alligatoah-Straße hat viele Abzweigungen. Das wird spätestens klar nach dem sechsten Song des Abends, „I Need a Face“, Und das geht so: „Ich habe ein Gesicht für den Arbeitsplatz, eins für die Straßenschlacht. Ein Gesicht für ungewollte Vaterschaft, eins wie ein Poker-Spieler, eins wie ’ne Oper-Diva.“

Das mit der Opern-Diva würden wir gern mal sehen, denn Lukas Strobel hat tatsächlich viele Gesichter. Und irgendwann wird man das Gefühl nicht los, dass der Mann ein bisschen aufpassen muss, damit das Ganze nicht zur Comedy wird. Sidekick-Liftboy Basti droht ihm im Witz schon fast den Rang abzulaufen.

Was Alligatoah zu sagen hat, ist dabei fast durchweg kritisch und zeugt von einer feinen Beobachtungsgabe, In „Terrorangst“ behandelt er mögliche mediale Panikmache: „Und deshalb bin ich immer für ein Geiselvideo rausgeputzt. Doppelkinn als Enthauptungsschutz.“ Unter dem Titel „Meine Hoe“ könnte man einen sexistischen Text vermuten, wie ihn die Kollegen bereits in allen Variationen gedichtet haben. Doch bei Strobel ist alles anders: „Meine Hoe reinigt die Wohnung mit Schwamm und Seife, nicht weil sie eine Frau, sondern an der Reihe ist.“ Ein deutscher Rapper, der so über Gleichstellung reimt – das ist rar und gut.

Und manchmal ist alles Geschmackssache. Eine Zeile wie „Ich mag es, wenn du aus dem Mund nach fremden Sperma riechst“ im bitterbösen „Freie Liebe“ muss man mögen. Aber was soll’s, es ist halt Rap.
Musikalisch lässt sich Alligatoah auf keine Kompromisse ein: Ein Drummer, ein DJ, ein Gitarrist und sogar ein Klarinettenspieler begleiten ihn auf seiner musikalischen Expedition – ein ordentliches Aufgebot für einen Rapper. Ab und zu greift er selber zur Klampfe und erzeugt ein paar raue Riffs. Geht doch.

Die Fans in der Swiss-Life-Hall feiern ihren Rollenspieler jedenfalls ab. Erst zur Zugabe kommt der wohl größte Hit von Alligatoah bislang: „Willst Du“. „Komm wir gehen zusammen den Bach runter. Denn ein Wrack ist ein Ort, an dem ein Schatz schlummert.“ Ums Abwracken muss sich Strobel keine Sorgen mehr machen – seine Schatztruhe für diesen Abend hatte der Musiker  und Entertainer jedenfalls gut gefüllt und seine Schätze freigiebig verteilt. 

Von Janik Marx