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Kultur Alle Aliens haben Heimweh
Nachrichten Kultur Alle Aliens haben Heimweh
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15:30 01.08.2011
Von Matthias Halbig
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Vier Freunde (v. l. Gabriel Basso, Ryan Lee, Joel Courtney, Riley Griffiths) treffen auf einen Außerirdischen.
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Der Song schnauft und prustet. „Don‘t bring me down ... grussss!“ singt Jeff Lynne von ELO und verrät (neben „My Sharona“ von The Knack) dass es 1979 ist. Fahrräder werden aus dem Schulhofständer gerissen. Ferienbeginn. Also genauer: Sommer 1979. Es ist erst vier Monate her, dass Joes Mutter bei einem Unfall starb. Mit seinem Vater, dem Sheriff der kleinen Provinzstadt, ist es seither schwierig. Aber Joe hat seine fünf Freunde, voran den filmbesessenen Charles, mit dem er einen Zombiefilm fürs Cleveland-Festival drehen will. Joe ist im Teenie-Team nicht von ungefähr die Abteilung „Maske“, verbirgt er doch seine Gefühle hinter einem blassen, unbewegten Gesicht. Er trauert. Er rebelliert. Und er ist zum ersten Mal verliebt. In Alice, deren Vater ihn zu hassen scheint.

Und dann entgleist bei einem heimlichen Nachtdreh am Bahnhof ein Güterzug, weil ausgerechnet der Biolehrer der Kinder mit seinem Pickup auf die Gleise fuhr. Und ein schattenhaftes Ding kämpft sich aus einem der verunglückten Waggons und verschwindet in die Nacht, aus der heraus es fortan Motoren und Geräte stibitzt, jede Menge Hunde sowie gelegentlich Menschen entführt. Ein Außerirdischer, der Jahrzehnte gefangen gehalten und von Wissenschaftlern in Labors gequält wurde. Den jetzt (natürlich) die Air Force jagt und der weiß, dass er nur diese eine Chance hat. Alle Aliens wollen nach Hause, das Telefonieren hat man diesem Extraterrestrier nicht erlaubt, also verlegt er sich auf die harte Tour. Wie das in anderen SF-Filmen irdische Sternenfahrer in der Fremde auch tun. Es ist nur stärker als Neil Armstrong. Viel stärker.

Regisseur J. J. Abrams („Lost“) und Produzent Steven Spielberg („Unheimliche Begegnung“, „E.T.“) werden mit „Super 8“ wieder zu Kindern. Sie erzählen in diesem Film-im-Film auch von sich, als sie noch kamerabesessene junge Kino-Nerds waren. Und sie träumen auf der Leinwand den Traum aller Kinder, doch bitte die erste Begegnung mit Außerirdischen miterleben zu dürfen. Das Hollywoodeske an „Super 8“ ist, dass die Heldenschar Unüberlebbarstes überlebt und nicht einmal irre daran wird. In ihren Beziehungen untereinander sind Joe, Charles und Alice allerdings weniger lärmend-klamaukige „Goonie“-Figuren als echte, nachvollziehbare Charaktere wie in Rob Reiners „Stand by me“.

„Super 8“ ist Science-Fiction alter Schule. Die Geschichte geht nicht im verstandbetäubenden Ratatazong von Action und Spezialeffekten unter, wie das etwa in Michael Bays drei „Transformers“-Filmen geschah. Und weil die Ahnung des Horrors immer schlimmer ist als der Anblick, hält Abrams die Spannung lange, hört man das Ding aus einer anderen Welt anfangs nur brüllen, sieht dann sein rabiates Wirken, erst danach Teile seiner Gestalt. Insektenhaft? Krebsartig? Tentakelbewehrt? In jedem Fall ist der Fremdling ein Monster nach menschlichem Hässlichkeitsideal.

Aber kein planloser Killer. Sein Schnattern klingt zwar wie ein Lachen, wenn es dem Befehlshaber seiner Peiniger endlich zu Leibe rücken darf, jedoch weiß es auch (via Telepathie), wann man ihm Gutes will. Und versteht zu verschonen.

Der Streifen verläuft nach Schema F, es sterben nur Randfiguren und durch manches Logikloch könnte man glatt Jabba, den dicken Hutt, werfen. Aber Abrams hält die Spannung über die volle Distanz und hält eine universelle Lehre parat. Es ist die vieler SF-Streifen seit Klaatu in Howard Hawks‘ „Tag, an dem die Erde stillstand“ auf die Erde kam. Dass man nicht ablehnen/hassen/umbringen soll, wen/was man nicht versteht. Was sich immer auch aufs irdische Miteinander anwenden lässt. In Sachen Humanismus hat der Mensch schließlich noch einen langen Weg vor sich.

Bewertung: 4/5

„Super 8“, USA 2011, 10. Min. Regie. J. J. Abrams.

ab Donnerstag im Kino