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Kultur Albert Ostermaier über sein hannoversches „Ruhrepos“
Nachrichten Kultur Albert Ostermaier über sein hannoversches „Ruhrepos“
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16:00 28.01.2019
Hintersinnig: Szene aus „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ von Thorleifur Örn Arnarsson und Albert Ostermaier.
Hintersinnig: Szene aus „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ von Thorleifur Örn Arnarsson und Albert Ostermaier. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Erhofft war so etwas wie die Rekonstruktion von Bertolt Brechts und Kurt Weills nie realisierte Ruhroper. Heraus kam eine Dekonstruktion des Theaterschaffens: Übermorgen hat „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ von Regisseur Thorleifur Örn Arnasson („Die Edda“) und Dramatiker Albert Ostermaier Hannover-Premiere. Wir sprachen mit Ostermaier (51).

Wie oft haben Sie sich die Frage gestellt, worauf Sie sich da eingelassen haben?

Es war auch für mich eine ganz neue Erfahrung, manchmal auch eine Grenzerfahrung, aber zurückblickend auch eine der schönsten Erfahrungen meines Theaterlebens: diese Begegnung und dann auch Freundschaft mit Thor, weil es für mich eine ganz andere Art zu arbeiten bedeutete. Es begann mit meinem Missverständnis, dass ich – in Anführungsstrichen – eine „klassische Stück-Vorlage“ schreibe ...

...die Sie auch geschrieben haben? Aus dem Programmheft geht hervor, dass ein große Menge an Material entstanden ist.

Es gibt ein Konvolut von fast 300 Seiten. Ich habe wirklich mit einem klassischen Stück begonnen. Da ging es um ganz neuralgische Punkte, gerade für mich als Brecht-Fanatiker: Wie bringe ich Brecht auf die Bühne? Thor hat mich immer befeuert, aber es ging ihm nie um ein fertiges Stück. Mir schon. Ich dachte, es muss fertig sein, dann kann man es immer noch in Frage stellen und zertrümmern. Das war eine Phase, die immer wieder geprägt war von Verzweiflung, Euphorie, Neuanfang ... Und Thor war immer ganz begeistert über die Menge an Material – und ich immer verzweifelter (lacht).

Wann wurde es besser?

„Die Edda“ zu sehen, war der erste Befreiungsprozess. Und als ich dann bei den Proben war, habe ich wirklich kapiert, wie er arbeitet. Von dem Zeitpunkt an hat mir diese Art zu arbeiten wahnsinnig viel Spaß gemacht. Trotz des Drucks; wir hatten sehr wenig Zeit. Ich habe auch Mikael Torfason getroffen, den Autoren, mit dem er sonst arbeitet, und der ist fast vom Stuhl gefallen, als ich erzählte, weil es ihm natürlich immer genauso ging.

Ich hatte bei der Uraufführung irgendwann den Eindruck, dass es Teil der Inszenierung ist, dass ein Stück, das eine verlorene Oper rekonstruieren soll, sich ebenfalls verliert ...

Das war genau der Prozess. Uns war klar, wir müssen in diese Radikalität und Offenheit hineingehen. Es ist eben nicht nur ein Stück über das Ruhrgebiet, sondern auch über die Kunst: Wie entsteht Kunst? Wie erschaffen wir politische Kunst? Welche Prozesse laufen da? Eine Tour de Force, bei der einem klar werden muss, wie wir Theater machen und warum. Was ist der Anteil des Schauspielers, des Regisseurs, des Autors? Das war wahnsinnig toll, auch wahnsinnig anstrengend. Ich liebe diese Arbeit sehr, auch wenn sie mich fast in den Nervenzusammenbruch getrieben hätte.

Wie viel ist denn noch original Ostermaier?

Noch sehr vieles. Ich habe allein unendlich viel Material recherchiert und eingebracht, mit dem gearbeitet wird. Die ganzen Monologtexte sind von mir – ich hätte sogar noch ein paar Sachen herausgenommen. Für uns hat es irgendwann keine Rolle mehr gespielt, was von wem kam. Wir suchen gemeinsam, und wir finden gemeinsam; darum ging’s. Das Herausragende an Thor ist, dass er alle zu dieser künstlerischen Freiheit und der eigenen Kreativität ermutigt. Er schafft ein ganz besonderes Klima, in dem die Schauspieler zu allem bereit sind.

Bei vielen Kritiken aus dem Ruhrgebiet entsteht der Eindruck, man vermisst bei Ihnen die klassische Pottromantik, die Sie überhaupt nicht bedienen.

Ich habe schon oft im Ruhrgebiet gearbeitet und kenne die Mentalität. Aber dieses Pathos und diese Romantik hat überhaupt nichts mehr mit dem Ruhrgebiet zu tun. Daraus spricht eine Idealisierung, ein Leben in der Geschichte, was komplett die Gegenwart verneint und auch die Probleme, die das Ruhrgebiet schon immer hatte. Das führt politisch zu einer Lähmung und einer Unfähigkeit zur Veränderung. Als Brecht damals dorthin kam, war die Theaterszene absolut provinziell. Mag sein, mancher wollte auch bei uns etwas Schönes zum Abschied. Aber das kann es nicht sein.

Sondern?

Es gibt ja auch bei uns dieses Filmmaterial mit dem Bergarbeiter, der erzählt, dass sein Sohn Politik studiert, der sagt, sein Sohn hätte doch auch Bergbau studieren können ... Das ist genau diese Romantik. Aber es ist ja auch ganz viel passiert, auch viel Tolles: zum Beispiel, dass die Kinder der Bergarbeiter jetzt studieren können.

Was meinen Sie: Wäre Brecht seine Ruhroper gelungen, oder hätte auch er zwangsläufig scheitern müssen?

Ich glaube, Brecht mit seinem großen Gespür wäre sicherlich auch an einige schwierige Punkte gekommen. Er wollte auch diesen Spagat schaffen: politisch und modern zu sein, aber zugleich das Publikum – und das war kein Großstadt-Publikum – zu gewinnen und zu begeistern. Deswegen haben die auch alle kalte Füße bekommen. Und diese widerliche antisemitische Hetze, die dann begann, war für das Theater auch der ideale Zeitpunkt, um es scheitern zu lassen. Er hätte eine Industrieoper machen können, die kalt, die sachlich ist, aber diesen Weg hätte er dort, in diesem Kontext nicht nehmen können. Als Theatermann ist man da in der Falle. Die Vorliebe der Arbeiterschaft waren und sind nun einmal nicht moderne Stücke.

Ihr Auftraggeber Frank Hoffmann, damals gerade noch Intendant der Ruhrfestspiele, hat nach der Premiere zu Thorleifur Örn Arnarsson gesagt, er habe ein Stück über das Scheitern versprochen und er sei auch gescheitert. Inwieweit ist Scheitern eine künstlerische Qualität?

Thor hat es ganz am Anfang mal gesagt: „Die Probleme, die wir haben, kommen daher, dass wir über ein gescheitertes Stück schreiben.“ Darum müssen wir uns auch das Scheitern zubilligen. Aber in diesem Scheitern schimmern so viele Dinge, da liegt ganz viel verborgen. „Fail better“, hat Beckett gesagt. Wenn wir ein in sich geschlossenes Stück gemacht hätten, wenn wir alles zurecht- und feingebogen hätten, dann wären wir wirklich gescheitert. Aber es war genau unsere Absicht, all diese Schnittstellen, diese Unvereinbarkeiten zu lassen. Man kann, glaube ich, unglaublich viel daraus gewinnen, aber da ist jeder Zuschauer gefordert. Wir haben bestimmt viele Erwartungshaltungen enttäuscht.

Haben Sie es in Hannover vielleicht sogar einfacher, so ohne Ruhrpott-Sentimentalitäten?

Es gibt in Hannover die Chance, einfach nur auf einen Abend zu schauen, der fragt: Wie machen wir Theater? Und mit der Distanz, die man in Hannover hat, auch den Humor dahinter sehen. Wir machen uns ja auch ganz doll über uns selbst lustig.

Das Stück

Es sollte ein avantgardistisches Theaterprojekt „episch-dokumentarischen Charakters“ werden: 1927 erhielten Bertolt Brecht und sein Komponist Kurt Weill den Auftrag eine „Ruhroper“ zu schreiben. Dazu kam es – vordergründig wegen antisemitischer Anfeindungen – nie; das Material ist verschollen. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson und der Schriftsteller Albert Ostermaier liefern nun „Die verlorene Oper. Ruhrepos“, eine Koproduktion des Schauspiel Hannover und der Ruhrfestspiele und ein Stück über das Scheitern. Die Uraufführung war 2018 in Recklinghausen. Die Hannover-Premiere ist am 31. Januar, 18.30 Uhr.

Von Stefan Gohlisch