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Kultur Abschied nehmen mit dem „Rotkäppchen“
Nachrichten Kultur Abschied nehmen mit dem „Rotkäppchen“
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14:53 21.05.2019
Lust aufs Erzählen: Beatrice Frey (links) und Johanna Bantzer im Hof des Schauspielhauses. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Im Schauspielhaus endet die Ära von Intendant Lars-Ole Walburg. Als letzte Premiere wird Martin Mosebachs opulente Neudichtung von „Rotkäppchen und der Wolf“ gezeigt. das gesamte Ensemble spielt mit, darunter auch Johanna Bantzer (41) und Beatrice Frey (67), die seit Beginn der Intendanz dabei sind und nun Abschied nehmen. Wir trafen sie zum Doppelinterview.

Sie wollen uns also zum Abschied in einen Märchenwald entführen?

Johanna Bantzer: Naja, die Bühne ist eher gradlinig und abstrakt gehalten. Sie ist wie ein Spiegelkasten.

Beatrice Frey: Alles ist verspiegelt, auch die Decke und der Boden. Dadurch kann mal alles verdoppeln, verdreifachen, verhundertfachen ...

Daher kommen also die Chöre des Stücks?

Frey: Die Chöre, plus Spiegelungen, plus Projektionen. Es wird schon spektakulär.

Das Stück selbst ist durchaus irrsinnig. Wie bekommt man das hin in einer solchen Kulisse?

Bantzer: Es gibt ja noch die Kostüme. Der Sessel sieht aus wie ein Sessel, die Wölfin wie eine Wölfin.

Frey: Es ist fast kontrapunktisch. Alles spricht, von den Bäumen bis zum Mobiliar. Fast wie Naturgeister.

„Alles ist opulent“

Wie üppig wird es denn? Allein die Lesefassung des Stücks dauert fünf Stunden ...

Frey: Wir haben schon gestrichen, auch jeder in seinen eigenen Texten.

Bantzer: Die Hoffnung ist eine Dauer von drei Stunden. Bei der Konzeptionsprobe saß – was es so noch nicht gegeben hat – das gesamte Ensemble zusammen. Und dann hat Tom (Kühnel, d.Red.), der ja auch schon seit zehn Jahren Hausregisseur ist, gesagt: „Wir hätten ja auch einfach irgendeinen bunten Abend machen können ...“ Was üblich wäre, weil im Moment natürlich alle an Umzugskisten denken. Ich war richtig gerührt davon, dass nun alle über so ein krudes Werk gebeugt saßen und alle Motoren noch einmal angeworfen werden: Die Bühne, die Kostüme, alles ist opulent.

Frey: Es ist auch die Sprache, die uns gereizt hat, die uns noch einmal richtig quält, die aber auch ein richtiger Genuss ist. Es ist überhaupt kein Idyll.

Bantzer: Das passt halt auch zu uns, dass man hier nicht irgendein Nümmerchen nimmt. Wir lieben auch die Probenpläne, wenn da steht: 12 Uhr Butterblumen, 13 Uhr Pilze, 14 Uhr der Schlaf ...

Frey: Es steckt voller literarischer Bezüge. Die Großmutter zum Beispiel, die ich spiele, erinnert an die Pfandleiherin aus „Schuld und Sühne“ ...

Wobei die Frauenfiguren durch die Reihe besser wegkommen als die Männer.

Frey: Ja, die haben zumindest ein Potenzial.

Bantzer: Ich finde diese Großmutter großartig, wenn sie dann sagt: „Und dann bringen die mir diesen blöden Kuchen, immer diese Verwandtschaft ... Da ziehe ich schon extra an das Ende vom Wald.“

„ich finde es trotzdem geil“

Und die Mutter erweckt den Eindruck, als schicke sie das Rotkäppchen los, um es loszuwerden.

Bantzer: Ja und nein. Es sind immer beide Seiten. Ich kann all das im Moment gar nicht von unserer jetzigen Situation trennen. Wir reden von diesem seltsamen Wald, von Fressen und Gefressen-Werden, und ich habe das Gefühl, wir reden auch über uns: diese komische Theaterwelt, dieses: „Es sagen dir doch alle, dass das ein Scheißberuf ist, aber ich finde es trotzdem geil.“

Frey: Und trotzdem ist da auch ganz viel Archaisches dabei, die Wildheit des Wolfes zum Beispiel. Es sind auch die großen Themen der Weltliteratur drin: die Feigheit, der Verrat, die Erotik, die verkappten Leidenschaften, der Machtanspruch. Dabei ist es auch sehr humorvoll.

Und mittendrin Sie, Frau Bantzer, als Wölfin, die überlegt, ob sie sich jetzt für ihren Gatten rasieren muss ...

Bantzer: ... und der gefährliche Wolf, gespielt von Hagen Oechel, der sagt, wie er sich danach sehnt, einmal unschuldig zu sein. Und ich als seine Frau werfe ihm vor, dass er sich ins Nackte verguckt und den Pelz nicht mehr schön findet.

„Der Abschied fällt schwer“

Wie sehen Sie denn der letzten Vorstellung entgegen?

Bantzer: Es fängt ja jetzt schon an mit den ganzen kleinen Abschieden. Ich habe schon vier Stücke abgespielt, und dann sagt der Maskenbildner: „Jetzt habe ich dich das letzte Mal geschminkt ...“ Und der Abschied von den Räumen. Bei den Kollegen weiß man, mit wem man den Kontakt halten kann und will; das sind wir gewohnt. Aber ich merke auch, wie schwer es mir fällt, die Stadt zu verlassen, die einen sehr gut behandelt hat. Oder die Freunde außerhalb des Theaters.

Frey: Ich habe das Gefühl, ich werde das erst noch begreifen. Dass man dann nicht mehr einfach hierherkommt und jemanden trifft, dieses tolle Ensemble, so wunderbare Leute. Es hat eine Selbstverständlichkeit, wie man sie früher in guten Kneipen hatte. Das ist der Geist dieser Zeit, ein riesiges Potenzial, das einfach verloren geht.

Bantzer: Auf der anderen Seite macht das auch diesen Beruf aus: dass man das Ende sieht und das neue Energie freisetzt. Das ist anders, als würde man hier 30 Jahre aufeinanderhocken. Ich glaube, dass wir die letzten Jahre noch einmal genießen konnten.

Frey: Wir wurden hier auch immer wieder gefordert, zum Beispiel dadurch, dass selbst in der letzten Spielzeit noch einmal komplett neue Regisseure kamen. Ich hatte das Glück, bei allen dabei zu sein. Andere Häuser nehmen in so einer Situation lieber die, die schon einmal da waren.

Bantzer: Wir merken alle, dass es Kraft kostet, Abschied zu nehmen. Aber es tut gut, zu wissen, dass das hier in gute Hände kommt.

Das Stück

Rotkäppchen, warum hast du so viele Rollen? In Martin Mosebachs Neuerzählung des Grimmschen Märchens kommen Tannenchöre ebenso zu Wort wie der Schlaf und eine Quelle, streiten sich Leb- und Napfkuchen, wer wohl leckerer ist, und springt eine singende Weinflasche aus dem Korb. Dieses „Rotkäppchen und der Wolf“ ist ein so irrsinniges wie poetisches Fest des Erzählens – und gilt als unaufführbar. Ein Grund mehr, es zum Abschluss der Intendanz von Lars-Ole Walburg im Schauspielhaus aufzuführen, mit dem ganzen Ensemble. Die Premiere startet 23. Mai um 19 Uhr. Hausregisseur Tom Kühnel („Medea“) inszeniert.

Mehr Informationen und weitere Termine finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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