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Kultur 12.000 singen mit den Söhnen Mannheims - hier Bilder
Nachrichten Kultur 12.000 singen mit den Söhnen Mannheims - hier Bilder
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22:58 11.11.2011
Ein Sohn Mannheims: Xavier Naidoo.
Ein Sohn Mannheims: Xavier Naidoo. Quelle: Behrens
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Hannover

Keyboard-Fanfaren. EinJahr hätten sie auf diesen Moment gewartet, in Hannover auf der Bühne zu stehen, verrät Henning Wehland. „Hier kommen die Söhne Mannheims“, mit diesem Lied stellt sich die Großband erst spät am Abend offiziell vor. Sie geben da schon eine Weile Groove und Gas in der TUI-Arena, haben Spaß und ernste Absichten, haben mehr Glaube, Liebe, Hoffnung, Frieden, Amnesty-Werbung in ihrem Auftritt als die meisten im Pop. Sie sind Missionare des Guten, Mahner, Warner, Stifter der Nachdenklichkeit, dabei kompatibel für Rockfans (es gibt Gitarren) wie auch für Hip-Hopper (es wird viel gerappt).

Hannover liegt den Söhnen zu Füßen, Xavier Naidoo und seine Mannen werden weidlich begrüßt. 12 000 sind am Expo-Rand der Stadt, die TUI ist ausverkauft. Erstmal treten die Söhne als eigene Anheizer auf, als Casino Brothers und als Chain Gang. Im Smoking und mit Fliege unterm Kinn wirken sie allerdings erstmal wie aus dem falschen Kleiderschrank gezogen. Und das äußerst seltsame, gewaltige Noppenkreuz, das Gesinnung trägt, sich als Kulisse unter der Hallendecke krümmt und das je nach Blickwinkel wie Verpackungsmaterial oder eine Giga-Jesus-Waffel wirkt, verzerrt die meisten Projektionen ins Unkenntliche.

Die Songs freilich sind bewegend (Balladen) bis mitreißend (der Rest) und explosiv („Kill All Psychopaths“), die Energie der Mannheimer steckt schnell an. „Wir haben uns die größte Mühe gegeben …“, singen Naidoo, Henning Wehland, Michael Klimas und Tino Oac. Klingt doch zu bescheiden, wie die Karrierebilanz von Selbstzweiflern.

Zweites Konzert der „Casino BRD“-Tour. Die Band zieht heute durch ihre Jahre und Alben, wettert rhythmisch gegen das Babylon-System des Geldes und stellt besonders das jüngste, recht elegische Werk „Barrikaden von Eden“ aus. In den neuen Songs findet sich die gehabte Söhne-Position des „wir“ gegen „die“. Die Pop-Jedi gegen die Dunkle Seite der Macht. Den Politikern leuchten sie mit „Ist es wahr“ ins Gewissen, die Söhne sind dabei aber versöhnlich, ihr Christentum ist eins der Toleranz, sie reichen den Darth Vaders unserer Zeit die Hand zum moralischen Relaunch. Ihr Vorschlag „Werd frei ...“ strahlt in den Saal, herrlichster Rhein-Neckar-Gospel.
Wir leben in Zeiten, in denen das 1992 vom Politologen Francis Fukuyama verkündete „Ende der Geschichte“ vorbei ist, in der die Zeit wieder ins Rollen gekommen ist. Religion ist Weltkonfliktstoff Nummer eins, Volksselbstbefreiungen finden statt.

Sänger mit Liedern mit Botschaft haben da weltweit wieder Auftrieb, ob nun der Rapper Hamada Ben-Amor in Tunesien „Rais Lebled“ (,Der Chef meines Landes’) rappt (womit er das Lied für die arabischen Revolutionäre schuf) oder der Kölner Peter Licht mit fröhlichem „Vorbei! Vorbei!“ sein „Lied vom Ende des Kapitalismus“ singt.

Die Söhne Mannheims, anfangs von vielen als naive Betschwestern verspottet, gehören da mit rein. „Ich hoffe, Freiheit bleibt nicht weiterhin unbekannt“, singen sie in Guantánamo-Orange für alle bedrohten Weltveränderer ebenso wie für die im Wohlstand Konservierten. Klavier dazu, Schlagzeug dazu, die Söhne-„Freiheit“ kommt in der TUI als eine Art „Imagine“ mit Soul. Alles wird gut. Der Sound nicht.

Die TUI-Arena schwebt trotzdem gegen Ende mit „Neustart“, „Dein Leben“ und „Die betroffenen Gebiete“ davon in eine bessere Welt, „durch die Nacht und das dichteste Geäst“. Und jeder, der hier mitschwebt, kriegt umsonst eine Söhne-Live-DVD, die es in all den kapitalistischen Plattenläden nicht zu kaufen gibt. Ätsch, Babylon. Matthias Halbig