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Kultur 12.000 feiern Depeche Mode in Hannover
Nachrichten Kultur 12.000 feiern Depeche Mode in Hannover
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13:21 04.11.2009
Und Action! Depeche Mode am Dienstag in der TUI-Arena Hannover. Quelle: Wilde
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VON MATTHIAS HALBIG

Sirene! Weißes Licht! Ein Wesen steht in einem fremdweltig glitzernden Klaatu-Sakko auf der Bühne. Deckung! Und: Entwarnung! Kein Alien-Schiff will uns TUI-Arena-Erdlinge da für eine Runde Experimente gefangen nehmen, es ist heute nicht der Tag, an dem die Erde stillstand. Es ist vielmehr der Tag, an dem Hannover abging, und der Depeche-Mode-Gitarrist (und nur noch gelegentliche Keyboarder) Martin Gore ist halt etwas exzentrisch gewandet. Mit einem Gefangennahmesong legen die Briten allerdings los: „In Chains“.

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„Ketten“ freilich, die im Pop schon seit den „Chains of Love“ von den Cookies die der Zweisamkeit sind. Der Sänger trägt Kohleschwarz und singt davon, dass ihn die Art, wie sich seine Schöne bewegt, „brennen“ lasse. Wie Dave Gahan sich bewegt, lässt dann auch die 12.000 in der TUI-Arena „brennen“, geschmeidig ist das, der alte König der Hüfte wiegt sich, wirbelt, ein schwerer Beat schleppt sich hinter ihm dahin, ein Update der uralten „chaingang“-Songs. „Wrong“ danach, das Lamento eines an allen Verzweigungen des Lebenswegs Gescheiterten. Tanz der Massen. Wir sind jetzt alle total in die „chains“ von Depeche Mode geschlagen.

Zwei Stunden Elektro-Hitze: Depeche Mode schlugen am Dienstagabend ihre Fans in der TUI-Arena in Hannover in ihren Bann.

Einer Band, die längst allen gehört – nicht mehr nur der Generation Elektro, sondern auch den Rockern. Ob man Gores Sternengitarre nun als cool oder des Coolen empfindlichst zu viel empfindet – sie klingt rau, kantig, Riffs à la Garage reißt er. Und Christian Eigners Schlagzeug macht bei „Hole to Feed“ seinen Knicks vor Bo Diddley, dem ersten Voodoo-Meister des Rock-’n’-Roll. Gahan kündet dazu von der Ohnmacht des Individuums in einer bösen Welt, „die dich innerlich zerbrochen zurücklässt, ohne einen Ort der Zuflucht“. Ernste Sache, Depressionslyrik geradezu, aber wenn Derwisch Dave seinen Mikroständer zum Tanz bittet, erzeugt das im Volk natürlich null Seelenfrost. Und als mit „Walking in my Shoes“ der erste Klassiker in die Hallennacht geworfen wird, fühlen sich alle endgültig zu Hause und aufgehoben, die gewohnte DM-Party bricht sich jetzt Bahn. In deren Verlauf sich die Evergreens häufen und Gahan obenherum nackter wird.

Die_Tour war hart, es gab Muskelriss und Stimmbandnot, und ein bösartiger Tumor in Gahans Blase hätte den Tross im Frühjahr fast zum Stillstand gebracht. Davon ist nichts mehr zu merken, eher hats die Band enger aneinandergeschmiedet. Standen Depeche Mode früher schon mal recht gemütsverschränkt auf der Bühne, sind auf dem „Sounds-of-the-Universe“-Trip alle locker: Gahan dankt Songmeister Gore, der ihn bei „Dressed in Black“ und „Home“ als Frontmann ablöst. Und der seit je bis an den Rand des Unbemerktbleibens hintergründige Andrew Fletcher scheint sich hinter seiner Tastatur still zu freuen, was für einer tollen Truppe er da angehört.

Die Kracher wie „Policy of Truth“ und „I Feel you“ sind heute schlank, stramm, „stripped down“ auf die Essenz. Und dann wieder neckisch discohaft verfremdet, wie das (in der Hauptsache von den Fans erbrachte) „Enjoy the Silence“. Zu dem die Modes dann als Astronauten über die Leinwand moonwalken.

Auf dem Schweiß ihrer Fans könnten sie danach noch schlittern, als die Show mit „Personal Jesus“ zur Neige geht. Nach zwei grandiosen Stunden wird das Publikum mit der Warnung vor – schon wieder gehts um Ketten – falschen Heilsversprechen entlassen: „Reach out and touch faith!“ geht da der Chor.

Apropos versprechen: Mögen sie sich im peruanischen Lima auch von Chile verabschiedet haben, in Hannover sind Depeche Mode korrekt orientiert.

Der NP-Musikexperte gibt fünf Sterne (Höchstwertung)