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Menschen „War Requiem“ im Kuppelsaal
Menschen „War Requiem“ im Kuppelsaal
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00:18 07.11.2018
Riesenaufwand: Das „War Requiem“ im Kuppelsaal mit voller Chorpracht. Quelle: Krückberg
Hannover

Langes Schweigen nach dem sanften Verklingen, viele Köpfe im Publikum geneigt wie bei einem Gebet, dann Riesenapplaus – das monumentale „War Requiem“ von Benjamin Britten erschüttert immer noch und jeden.

Wie bei diesem denkwürdigen Konzert im ausverkauften Kuppelsaal. Die NDR Radiophilharmonie spielte das oratorische Großwerk in einer grenzübergreifenden Parallelaktion: Einmal in Hannover und am kommenden Samstag in Liverpool – in der dortigen Kathedrale.

Draußen vor dem Kuppelsaal waren Trucks aus Liverpool aufgefahren mit dem Instrumentarium aus Großbritannien.

Dass das alles mehr als ein normales Konzert war, zeigte schon der Anfang – als Dirigent Andrew Manze darum bat, dass bitte einmal die Mitglieder des Royal Liverpool Orchestra sich erheben möchten – und die Hälfte der Spielvereinigung stand. Dann liefen über eine LED-Wand Statements von Angehörigen der Musiker – was sie denken, wenn sie das Wort „Krieg“ hören: Der wäre wie eine Erfahrung von schmerzhaftester Sinnlosigkeit, für die es keinen Trost gibt.

Trost, den Benjamin Britten mit seinem Opus Maximum zu geben versucht. Und ja, es gelingt ihm. Dieses „War Requiem“ ist eines der Werke, mit dem nicht nur dem Ende des Ersten Weltkriegs gedacht werden kann – mit einer Musik, die ebenso human wie verständlich ist.

Die Aufwand mit seinen versammelten Chören (Mädchenchor, Bachchor, Knabenchor, Royal Liverpool Philharmonic Choir) ist ebenso gigantisch wie diskret und an keiner Stelle übertreibend eingesetzt. Die Forderung nach Erlösung wird dann angemessen mit voller Orchesterwucht und Chorpracht formuliert – bleibt aber natürlich auch musikalisch unerfüllt.

Das klangliche Konstrukt war aus einem Guss, Andrew Manze hatte den deutsch-britischen Klangkörper nahtlos zusammengeführt. Die Strenge der Liturgie und der Wohlklang der Poesie wurden dabei gut ausbalanciert, die lyrischen Passagen mit Dezenz ausgekostet.

Das war dann schon beeindruckend, wie Tenor Ed Lyon und Bariton Benjamin Appl im „Libera me“ als Kriegsgegner auf dem Schlachtfeld final aufeinandertreffen: „Ich bin der Feind, den du getötet hast, mein Freund“ – und beide gemeinsam nur noch einem Wunsch haben: „Lass uns nun schlafen.“

Die Akustik des Kuppelsaal bewährte sich großartig, gab den versammelten Chören mit seinen Fernwirkungen und über die gesamte Breite genügend Raum zur Entfaltung.

Das Ganze war auch eine Absage an den Brexit. „Der wird uns nicht trennen“, sagte Andrew Manze. Es würde ganz starke Verbindungen geben. Eben die Kultur. Und jetzt würde gemeinsam musiziert in „perfect Harmony“.

Oberbürgermeister Stefan Schostok begrüßte seine Kollegin The Lord Mayor of Liverpool Christine Banks – und erinnerte an die besondere Bedeutung solcher Aufführungen: Sie würden „die Zukunft erden durch das Bewahren des Vergangenen“.

Das Konzert aus dem Kuppelsaal ist bei „Arte Concert“ noch bis 2. Februar in der Mediathek zu sehen

Von Henning Queren