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Mensch-Hannover Politische Spitzen von Florian Schroeder und Peer Steinbrück
Menschen Mensch-Hannover Politische Spitzen von Florian Schroeder und Peer Steinbrück
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00:18 14.06.2019
INTERESSANTE MISCHUNG: Politiker Peer Steinbrück (links) und Kabarettist Florian Schroeder treten in Hannover gemeinsam auf. Quelle: Frank Eidel
Hannover

Die Tagespolitik liefert die Steilvorlagen, die dieses Duo am 13. Juni verwandeln will: „Satireshow Spezial: Florian Schroeder wählt Peer Steinbrück“ wird ein brisant-amüsanter Abend im Theater am Aegi. Die NP sprach mit dem Kabarettisten Florian Schröder.

Premiere war am 6. Juni in Düsseldorf. Wie war der erste Auftritt nach zwei Jahren Pause mit Peer Steinbrück?

Eine Premiere ist immer etwas Besonderes. Umso mehr, da wir ja kein fertiges Drehbuch haben. Es ist spannend, zu erleben, was der andere für Thesen und Pointen mitgebracht hat. Unser „Trainingslager“ besteht nur darin, dass wir bei zwei, drei Treffen grobe Themenblöcke absprechen.

Jetzt haben Sie die Groko-Halbzeitbilanz angekündigt...

Das ist das Problem, wenn man die Pressetexte Monate vorher schreiben muss. Ist das jetzt schon die Vorbilanz des Endes? Man muss immer damit rechnen, dass einen die Aktualität überholt. Dass die Tour nach diesem spektakulären Rücktritt von Andrea Nahles stattfindet, ist ein Geschenk, mit dem niemand rechnen konnte.

Aber es geht doch nicht nur um den Absturz der SPD?

Es ist eine aufregende Zeit! Der neue Jugendprotest von „Fridays for Future“ bis zum trockenen Thema Urheberrecht. Wir erleben Disruptionen, Kulturen prallen aufeinander: Das analoge 20. Jahrhundert mit den Parteien, die nicht in der Lage sind auf das Video von Rezo auch nur halbwegs angemessen zu reagieren. Und auf der anderen Seite eine junge, offenbar hochpolitische  Generation, die das Internet nicht nur für Schminktipps nutzt, sondern für Engagement und eine neue Form der Mobilisierung. Da hatte man die nächste Generation braves Stimmvieh bestellt – und dann bekommt man sowas!

Schnuppern Sie als politischer Kabarettist da gerade Morgenluft? Kann sich etwas ändern?

Das klingt jetzt zynischer als es ist, aber wir Kabarettisten  leben natürlich von schlechten Verhältnissen. Wir sehen dauernd  Dinge, die anders, besser sein könnten. Eine Zeit, in der sich viel bewegt, ist toll für uns. Vor über zehn Jahren hat es vielleicht noch genügt, sich über das Aussehen der Kanzlerin lustig zu machen. Unvorstellbar, dass man damals darüber gelacht hat. Das Publikum hat heute einen viel größeren Anspruch.

Wie ist Ihr Eindruck von Peer Steinbrück? Hat er noch eine politische Mission?

Klar, er ist ein weiser Mann, der komplex und vor allem ironisch denkt. Er ist zwar Parteipolitiker, aber die Art, wie er die Welt wahrnimmt,  ist größer. Natürlich ist er befreiter denn je, weil er nicht mehr in diesem System steckt und Rücksicht nehmen muss auf die Parteiräson. Ich finde: Diese Denkweise tut der Politik heute gut.

Wie haben Sie ihn denn damals als Finanzminister und Kanzlerkandidat wahrgenommen?

Ich mochte immer, dass er anders war, dass er sich nicht hat kleinmachen lassen. Steinbrück war immer originell, lustig, er hatte Pointen in all seinen Reden. Bei seiner Kanzlerkandidatur 2013 kippte das ein wenig,  irgendwann war er auf dem Loser-Ticket und kam da auch nicht mehr runter. Da bekam ich fast ein wenig Mitgefühl. In der ihm eigenen Schnoddrigkeit hat er aber auch viele Vorlagen geliefert.

Der Stinkefinger im „SZ“-Magazin, Pinot Grigio für fünf Euro und die üppigen Nebeneinkünfte.

Ich hab mich auch über ihn lustig gemacht. Zum Beispiel über den Vergleich des Kanzlerinnengehalts mit einem Sparkassendirektor: Schon damals hab ich mich gefragt, warum ein kluger, reflektierter Mensch wie er, solche Sätze sagt, ohne sich der Wirkung bewusst zu sein.

Hat er Ihnen die Witze im TV nachgetragen?

Ach, er hat das damals im Wahlkampf wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen, was so ein Spaßmacher wie ich sagt. Außerdem ist er ein Freund der Meinungs- und Satirefreiheit. Er hätte niemals die Kleingeistigkeit, sich aufzuregen.

Wie kam es denn überhaupt zur Bühnen-Zusammenarbeit?

Mein Buch „Hätte, hätte, Fahrradkette“ war seiner Tochter aufgefallen. Er hat mich dann angeschrieben und hat diese Redewendung für sich reklamiert und gesagt, dass ich ihm eine Flasche Wein schulden würde. Ich hab ihn dann in meine Show eingeladen.

Und wie lief es?

Es war seine letzte Woche im Bundestag, er war voll im Stress und wir hatten nicht mal Zeit für ein Vorgespräch. Wir mussten uns in diesen 15 Minuten also voll aufeinander verlassen. Es wurde so lustig, dass ich dem „talentierten Nachwuchskabarettisten“ angeboten habe, mit ihm auf Tour zu gehen. Ich hab sein Potenzial sofort erkannt (lacht). Denn dieser Typ ist einfach lustig, die Bälle sind wunderbar zwischen uns hin und her geflogen.

Aber Steinbrück ist doch auch ein Alphatier. Funktioniert das auf der Bühne?

Ja, weil wir uns nichts wegnehmen. Die Aufgaben sind klar aufgeteilt: Die Dramaturgie des Abends überlässt er mir, ich weiß wiederum, welche Themen und inhaltlichen Schwerpunkt ihm wichtig sind. Und wir haben eine gute Schnittmenge in Sachen Humor.

Wie ist der Parteienproporz im Publikum?

Es sind schon tendenziell der Sozialdemokratie mit mehr oder weniger Abstand zugeneigte Menschen. Wären es aktuelle SPD-Wähler, würden die Häuser nicht voll werden...

Hannover ist die Heimat von Altkanzler Gerhard Schröder. Spielt das beim Auftritt am 13. Juni eine Rolle?

Natürlich! Schröder wird ja unterstellt, er hätte seine Altenpflegerin geheiratet. Er verweist dann gerne auf Oskar Lafontaine. Der Unterschied: Die von Lafontaine stammt aus dem nahen Osten, seine aus dem fernen. Außerdem ist Niedersachsen eines der letzten Bundesländer, das noch von einem Sozialdemokraten regiert wird – quasi das Fossil unter den Bundesländern.

Ihr erster Auftritt war mit 14 Jahren im TV?

Ich wollte unbedingt ins Fernsehen und hab eine Kassette mit Stimmparodien von Udo Lindenberg an den WDR geschickt – die haben mich dann zu Harald Schmidts „Schmidteinander“ eingeladen.

Warum sind Sie ausgerechnet politischer Kabarettist geworden? Comedy ist doch lukrativer?

 Ich bringe zwar auch mal Quatsch in die Show, aber ich bin kein Comedian. Ich interessiere mich für zu viele Themen, die politisch und gesellschaftlich relevant sind und das enge Korsett der Comedy sprengen würden. Ich wäre permanent unzufrieden, wenn ich Dinge, die mich bewegen, nicht sagen könnte aus Rücksicht auf irgendwelche Zuschauer, denen man unterstellt, unter ihrem eigenen Niveau bleiben zu wollen. Manchmal entscheidet man das ja auch nicht –  Dinge fügen sich, Wege zeigen sich auf.

Ist das Politikeroutfit mit Anzug und Krawatte...

... eine bewusste Entscheidung. Ich will im „on“ anders aussehen als im „off“, der Mann im Anzug ist eine Kunstfigur. im Privatleben trage ich andere Sachen.

Oder ist das Outfit die Startrampe für eine politische Karriere? Beppe Grillo in Italien oder Wolodymyr Selenskyj in der Ukraine haben diesen Sprung ja auch geschafft.

Sind Komiker gute Politiker? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, diese Sehnsucht speist sich aus dem Wunsch, dass jemand ein Land führt, der nichts mit dem etablierten Politik-System zu tun hat. Ich lese daraus leider eine große Demokratiemüdigkeit. Ich bin dafür, dass man das macht, was man kann. Ich bin auf der unseriösen Seite der Macht. Und halte es mit Gottfried Benn: „Kunst ist der Schmerz – nicht die Therapie.“ 

Florian Schroeder und Peer Steinbrück treten Donnerstag, 13. Juni, ab 20 Uhr im Theater am Aegi auf. Einlass ist ab 19 Uhr. Karten kosten 24,35 bis 39,65 Euro. Es gibt sie unter anderem im NP-Ticketshop im Internet oder in der Geschäftsstelle in der Langen Laube 10. Einen Vorgeschmack zeigt dieses Youtube-Video von der Premierenshow:

Von Andrea Tratner

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