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Mensch-Hannover Farhad Qudrati ist „ein Brückenbauer“
Menschen Mensch-Hannover Farhad Qudrati ist „ein Brückenbauer“
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12:27 06.06.2019
gutes Team: Zusammen mit Nelly Hagen,der Gründerin der Paten-Initiative, hilft Farhad Qudrati geflohenen Jugendlichen in Hannover. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Gerade 14 Jahre war Farhad Qudrati (47) alt, als ihn seine Eltern aus Afghanistan wegschickten, damit er eine Überlebenschance bekam. In Kabul, zur Zeit der russischen Invasion, waren Angriffe gegenüber Zivilisten keine Seltenheit, besonders junge Männer wurden gezielt ermordet. Die Eltern hatten Angst um ihren jüngsten Sohn.

Qudrati schlug sich bis Russland durch, ging dort weiter zur Schule und studierte Informatik. Doch Ruhe sollte er auch in dem neuen Land nicht finden. Immer wieder wurde er mit dem Afghanistan-Krieg in Verbindung gebracht, die Wut der Bevölkerung entlud sich an ihm und seinen Landsleuten: „Du hast unseren Sohn umgebracht – das war ein Vorwurf, den wir Afghanen häufig zu hören bekamen“, erzählt Qudrati. „Wir befanden uns in einem rechtlosen Raum, die Polizei nahm bei Kontrollen willkürlich unsere Pässe und zerriss sie einfach.“ Nachdem er auch körperlich angegriffen wurde, floh er nach Deutschland. Damals war er Anfang 20.

Auffanglager, drohende Abschiebung

Doch seine Odyssee war noch nicht zu Ende. Diverse Auffanglager, das Arbeitsverbot, dazu die drohende Abschiebung – Qudrati litt als junger Mensch, der sich sein Leben aufbauen wollte, sehr unter der Unsicherheit, ob, wo und wie seine Zukunft aussehen würde. Er saß in einem Lager in Leisnig fest, einem kleinen Ort in Ostdeutschland, 50 Kilometer südöstlich von Leipzig. Es war die Zeit, als Flüchtlingsheime brannten und Migranten auf offener Straße angegriffen wurden. Auch Qudrati hat solche Erfahrungen machen müssen.

Mit Sportangeboten, gemeinsamen Workshops und Unternehmungen bringt Farad Qudrati Struktur und Abwechslung in den Alltag der Jugendlichen. Quelle: privat

Aber wer Farhad Qudrati kennenlernt, wird kaum glauben, welche Traumata der Hannoveraner erlebt hat. Mit klaren Worten in ruhiger Sprache erzählt er über das Leid, dass ihn geprägt hat, welches er verarbeiten musste, um zu der Stärke zu gelangen, die er heute hat.

Im Jahr 2000 hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und gleichzeitig die afghanische abgelegt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist Übersetzer und Dolmetscher, Mediator für Gewaltprävention und engagiert sich bei der „Paten-Initiative zur Integration von unbegleiteten geflüchteten Jugendlichen“ vom hannoverschen Verein „Internationaler Kultureller Jugend Austausch“ (IKJA). Denn auf seinem Lebensweg ist Qudrati auch vielen Menschen begegnet, die ihm zur Seite gestanden haben, wenn er aus eigenen Kräften nicht mehr weiter wusste. Wie damals, als ihm in Leisnig die Decke auf den Kopf fällt. „Ich konnte nicht nur herumsitzen, ich wollte mich in die Gesellschaft einbringen.“ Da sein Informatik-Studium nicht anerkannt wird, sucht er sich heimlich einen Job. In Heidelberg findet er eine Anstellung als Küchenhilfe. „Ich bin jeden Tag gependelt und schlief einen Monat lang jede Nacht im Zug, um mich morgens in der Flüchtlingsunterkunft zu melden – mein ganzer Verdienst floss ins Fahrgeld. Aber ich wollte unbedingt arbeiten“

„Wichtig war, Ihnen ein Ziel zu geben“

Der Chef ist zufrieden mit ihm, bietet eine Ausbildung an. Doch die Ausländerbehörde stellt sich quer, als Asylbewerber dürfe er nicht arbeiten, schon gar nicht außerhalb von Leisnig. Schließlich bürgt der Restaurantbesitzer für den jungen Afghanen, unterstützt ihn, wo er kann. Er hilft ihm auch, als dieser nach dem Tod seines Vaters (ein einziges Mal) in seine Heimat fährt und traumatisiert zurückkehrt. „Das war meine Patenfamilie“, sagt Qudrati heute. „Ohne sie würde ich heute hier nicht stehen!“

Dieses Gefühl will er weitergeben – an geflüchtete Jugendliche. Die allein sind, traumatisiert, orientierungslos, die sich mit Gesetzen nicht auskennen, die die Kultur und das soziale Miteinander nicht verstehen. „2008 habe ich für zwei Jugendliche aus Afghanistan die Vormundschaft übernommen. 2013 noch mal für vier Jugendliche.“ Heute sind alle volljährig, haben Arbeit, eine eigene Familie und sind integriert. „Ich war für sie wie ein Onkel. Wichtig war, ihnen ein Ziel zu geben, das sie nicht aus den Augen verlieren“, sagt Qudrati. „Es sind Kinder, man muss ihnen ihre Grenzen zeigen, aber auch das Gefühl vermitteln, dass man an sie glaubt.“

So werden Sie Pate

Die Paten-Initiative, die unter dem Dach des Vereins IKJA arbeitet, sucht Paten und Lernpaten für unbegleitete geflüchtete Kinder und Jugendliche. Ziel ist es, Alltag mit dem Patenkind zu teilen, es bei seiner Integration und beim Lernen zu unterstützen. Viele Jugendliche leben in einer betreuten Wohngruppe, bei Verwandten oder als junge Volljährige in einer Flüchtlingsunterkunft oder eigenem Wohnraum. Mehr Infos gibt Nelly Hagen, Telefon 0152/ 24392890 oder www.ikja.eu

Als 2015 die Flüchtlingswelle auch nach Hannover schwappt, wird Qudrati vom Sarstedter Bürgeramt um Hilfe gebeten. „Ich habe ehrenamtlich als Dolmetscher gearbeitet, war Betreuer für die minderjährigen Flüchtlinge.“ Schließlich kündigt er seinen Job als Koch, um sich als Dolmetscher und Sozialarbeiter für geflüchtete Jugendliche einzusetzen.

Brückenbauer zwischen Heimat und Deutschland

Seit einem Jahr arbeitet er in der hannoverschen Paten-Initiative mit. „Ich bin Brückenbauer zwischen ihrer Heimat und Deutschland. Ich erkläre hiesige Gewohnheiten, helfe beim Asylverfahren, Schulproblemen, wenn es in der Jugendhilfeeinrichtung Schwierigkeiten gibt, ich gehe mit zum Arzt, unterstütze sie bei der Praktikums- und Ausbildungsplatzsuche.“

Sie verbringen Freizeit miteinander, kochen, spielen Fußball oder Volleyball. Er sei für sie ein männliches Leitbild, als Moslem, als moderner, toleranter Mann, als Deutscher – so gäbe er ihnen eine Perspektive: „Wir sind alle Menschen“, betont Qudrati. „Und ich erwarte von den Jugendlichen, die ich betreue, dass sie die Unterstützung, die sie heute erfahren, später auch an andere weitergeben.“

Von Maike Jacobs

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