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Mensch-Hannover Diese Soldatin aus Hannover duckt sich nicht weg
Menschen Mensch-Hannover Diese Soldatin aus Hannover duckt sich nicht weg
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18:09 05.02.2019
Nariman Hammouti- Reinke lebt in der List. Quelle: Franson
Hannover

Im Mittelpunkt zu stehen, das ich nicht so das Ding von Nariman Hammouti-Reinke (39). Die Realität sieht in diesen Tagen aber anders aus. Ihr Telefon steht nicht still, sie ist in Fernsehshows zu sehen, sie wird um Interviews gebeten, Menschen schreiben ihr und über sie in den sozialen Medien. „Es geht jetzt einfach nicht anders.“ Nariman Hammouti-Reinke ist Bundeswehrsoldatin und hat mit „Ich diene Deutschland“ (Rowohlt, 256 Seiten, 14,99 Euro) ein Buch geschrieben, das – so steht es im Untertitel – ein Plädoyer für die Bundeswehr sein und auch aufzeigen soll, was sich ändern muss.

Und da hat die 39-Jährige so einiges verfasst, was ihr gehörig gegen den Strich geht. Die Offizierin kritisiert etwa die Mangelwirtschaft bei ihrem Arbeitgeber: „Wir mussten häufiger ohne oder ohne ausreichenden Schutz auf Patrouille fahren, weil wir zu wenig Geräte hatten, die einwandfrei funktionierten“, schreibt sie und erzählt auch im Gespräch mit der NP davon. „Wir sind das Sparschwein der Nation“, moniert sie bei einem Kaffee in ihrer Altbauwohnung in der List, in der sie seit zehn Jahren lebt. „Dabei geht es knallhart um unser Leben. Ein Leben, das wir für die Bundesrepublik Deutschland bereit sind zu geben.“

mitten im nichts: Nariman Hammouti-Reinke war zweimal im Afghanistan-Einsatz. Auch darüber schreibt sie in ihrem Buch. Quelle: privat

„Ich fordere Seelsorger für alle Soldaten“

Es nervt sie, immer wieder vorgehalten zu bekommen, „die Bundeswehr hätte da nichts zu suchen. Es ist einfach eine Missachtung dessen, was wir leisten und unter welchen Bedingungen. Oder sind eine funktionierende Klimaanlage bei Außentemperaturen von über 50 Grad zu viel verlangt?“ Die Soldaten haben sich – um weiterhin informiert zu bleiben – Antennen für den einen Röhrenfernseher selbst gekauft „und selbst für Privatsphäre gesorgt, in dem wir die Zelte, in denen wir in Afghanistan gelebt haben, mit Vorhängen und Spannplatten abgetrennt haben, damit wir wenigstens Sichtfreiheit voneinander hatten.“

Und da ist noch eine Sache, die die 39-Jährige nicht mehr bereit ist, mitzumachen: „Ich fordere Seelsorger für alle Bundeswehrsoldaten. Also auch muslimische und jüdische.“ Hammouti-Reinke ist Muslima, ihre Eltern stammen aus Marokko. „Ich bin vielleicht nicht die allerfrommste, aber es hat schon Situationen gegeben, in denen ich mir einen muslimischen Militärseelsorger gewünscht hätte.“ Das war zum Beispiel im Jahre 2011, sie war das zweite Mal im Afghanistan-Einsatz. Für ein halbes Jahr war sie in Kundus stationiert, als sie die Nachricht erreicht, dass ihr Vater krank ist. „Ihm ging es sehr schlecht“, erinnert sich die Marine-Offizierin. „Da hätte ich schon gerne jemandem gehabt, mit dem ich hätte reden und für ihn beten können.“ Ein katholischer oder evangelischer Militärpfarrer sei eben nicht das gleiche.

schwer bewaffnet: NarimanHammouti-Reinke ist sich bewusst,dass sie im Dienst für dieBundesrepublik sterben kann. Quelle: privat

„Es ist Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland, der Regierung, das zu organisieren“, fordert Hammouti-Reinke. Derzeit sind etwa 1600 muslimische Soldaten für die Bundeswehr im Einsatz. „Und für den Fall, dass ich im Einsatz für Deutschland ums Leben komme, ist es nicht zu viel verlangt, dass muslimische Geistliche meinen Eltern die Nachricht überbringen und sich um sie kümmern. Meine Kameraden können das sehr gut verstehen.“ Die Soldatin hat auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (60) ihr Anliegen geschildert. „Das war vor drei Jahren. Getan hat sich seit dem gar nichts. Ist der islamische Kamerad weniger wert als der katholische oder evangelische?“

Keine Rechtfertigung mehr

Für Hammouti-Reinke einmal mehr ein Grund, den Mund aufzumachen: „Unsere Eltern haben sich vielleicht weggeduckt. Ich nicht. Und wenn es zu meinen Lasten geht, dann ist das so. Besser, als wenn sich mein kleiner Neffe später mit gleich gelagerten Problemen herumschlagen muss.“ Es solle endlich Schluss damit sein, dass man sich wegen seiner Herkunft, der Hautfarbe, seiner Religion oder sexuellen Orientierung rechtfertigen muss. „Wir alle sind Deutsche. Wir sind in diesem Land geboren und aufgewachsen. Leistungsbereitschaft sollte mehr zählen als sichtbare Unterschiede. Unsere Nationalfarben sind schwarz, rot, gold und nicht blond, blauäugig und weiß.“

Quelle: privat

Ihr Buch wertet sie nicht als Fingerzeig auf ihren Arbeitgeber: „Ich prangere nicht an.“ Als „Jammerschrift“ will sie es ebenfalls nicht sehen: „Ich erzähle einfach. Und in eine Opferrolle begebe ich mich schon gar nicht, ich lebe ja damit.“ Mit dem Buch will Hammouti-Reinke vor allem eines erreichen: eine Debatte. „Es kann nicht sein, dass Sicherheitskräfte in unserem Land so behandelt werden. Die Bundeswehr gehört in die Mitte der Gesellschaft. Wir sind da, um Schutz zu gewährleisten.“ Der Grund, warum sie es so persönlich geschrieben hat, liegt auf der Hand: „So ist es für die Menschen näher dran und nachvollziehbar. “

Von Mirjana Cvjetkovic

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