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Mensch-Hannover Bei Hannover 96 steckt in jedem Pfandbecher Hoffnung
Menschen Mensch-Hannover Bei Hannover 96 steckt in jedem Pfandbecher Hoffnung
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16:47 10.05.2019
TOLLES TEAM : Astrid Breest (links) und Anja Kutzke organisieren seit zehn Jahren die Aktion „Trinkbecher für Trinkwasser" im 96-Stadion Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Sitzt man an Anja Kutzkes (50) Küchentisch in der Lindener Altbauwohnung, weiß man sofort, für welchen Verein ihr Herz schlägt. Topflappen sind in den 96-Vereinsfarben schwarz, weiß und grün gehäkelt, Blumentöpfe tragen das Logo, an der Wand hängt ein Bild von Kutzkes Oma, die eine 96-Fahne schwenkt. „Von ihr habe ich meine Fußballliebe – sie hat sogar mal Pelé bei einer WM im Stadion gesehen“, erzählt die Förderschullehrerin, die seit 33 Jahren bei jedem Heimspiel in Block N1 steht. Aber immer nur bis kurz vor Abpfiff.

Start ist das Hoffenheim-Spiel im August 2009

Denn Kutzke hat eine Mission. Seit zehn Jahren sammelt sie mit vielen anderen Ehrenamtlichen die Becher der Stadionbesucher, die den einen Euro Pfand dem Projekt „Trinkbecher für Trinkwasser“ (siehe Info) spenden wollen. Ebenfalls seit der ersten Stunde dabei ist Astrid Breest (58). Und sie erinnert sich an jenen August-Nachmittag 2009.

„Es war das Spiel gegen Hoffenheim. Wir haben Flyer verteilt, viel mit den Leuten geredet, Überzeugungsarbeit geleistet.“ Und bei blöden Sprüchen wie „Ich spende nicht für Afrika“, tief durchgeatmet. „Damit muss man klar kommen“, sagt die 96-Anhängerin, die seit 1973 nur drei Heimspiele verpasst hat. Das Match verlor 96 damals 0:1 – doch das Projekt mit den Trinkbechern bog auf die Gewinnerstraße ein. Bis Saisonende kamen 20 000 Euro zusammen.

HILFE FÜR AFRIKA: 118 solcher Brunner wurden bereits mit Spenden finanziert. Quelle: Trinkbecher für Trinkwasser

Mit den Spenden wurden über den „Global Nature Fund“ Brunnen in Afrika gebaut und wiederhergestellt. „Die erwarteten aber, dass sich das in der zweiten Saison totläuft.“ Kutzke hält kurz inne. „Im Gegenteil“, berichtet die 50-Jährige, die jede Woche etwa 15 bis 20 Stunden in ihr Ehrenamt investiert, zufrieden. Die Zahlen stiegen stetig, in der Zweitligasaison kamen mehr als 45 000 Euro zusammen, vergangene Saison sogar 53 000 Euro. Aktueller Kontostand vor dem letzten Heimspiel: 46 676 Euro.

„Wir arbeiten als Team – so sind wir stark“

Ob der Rekord noch zu knacken ist? Die Besucherzahlen im Stadion sind alles andere als gut, die Stimmung im Publikum nach Abpfiff meist betrübt. „Die Saison war vom ersten Spieltag an grottig, der Funke bei der Mannschaft sprang nicht über“, findet Breest. Kutzke zieht Parallelen: „Unser Projekt läuft gut, weil wir als Team arbeiten – so sind wir stark. Das hat bei 96 einfach gefehlt“, findet die Frau, die auch vier Jahre im Fanbeirat saß und sich in der „Roten Kurve“ engagiert.

Die Bechersammler ziehen an einem Strang: „Angefangen haben wir mit drei Ständen und sechs Leuten, heute sind bis zu 30 Ehrenamtliche im Einsatz“, lautet die Bilanz aus zehn Jahren. „Die Leute kennen uns. Manche bringen sogar ihre abgewaschenen Becher vom vergangenen Spieltag mit, wenn sie unseren Sammelstand verpasst haben“, erzählt Kutzke mit einem Schmunzeln.

Die Aktivisten kämpfen 2013 gegen die Einwegbecher

Die Lehrerin hat einen langen Atem, wenn es um Umweltschutz und Nachhaltigkeit geht – sie ist eine Kämpfernatur. Das bekam auch Hannover 96 zu spüren, als in der Saison 2013/14 plötzlich nur noch Getränke in wabbeligen Einwegbechern ausgeschenkt wurden, weil die stabilen Henkelbecher als Wurfgeschosse missbraucht worden waren. „Das ging gar nicht“, sagt Kutzke resolut. „Ich habe nach jedem Heimspiel Fotos von den Müllbergen rund ums Stadion gepostet.“ Bei einem Laufevent (ihre zweite große Leidenschaft – trotz diverser Bandscheibenvorfälle) entdeckte sie sogar die passende Mehrwegbecher-Alternative, schlug sie dem Verein vor. „Da fehlten dem Stadionchef die Argumente ...“

DANKESCHÖN FÜR DAS PUBLIKUM: Astrid Breest (links) und Anja Kutzke malen Plakate für das letzte Heimspiel. Quelle: Nancy Heusel

Vor Anpfiff werden Kutzke, Breest und ihre Mitstreiter am 11. Mai vom Stadionsprecher interviewt, auf Bettlaken haben sie ihre Bilanz nach 196 Spielen (Pokal, Europa League und Testspiele inklusive) aufgemalt. Und bestimmt sprechen sie auch über die Zukunft.

Kutzkes Vision: Ein plastikfreies Stadion für Hannover 96

Die Trinkbecher-Aktivisten, die ihre Erfahrungen auch an die Vereine in Wolfsburg, Köln und Darmstadt weitergegeben haben, haben nämlich eine Vision: „Ein plastikfreies Stadion. 2021 kommt sowieso das EU-weite Verbot“ Ein Dorn im Auge sind Kutzke zum Beispiel die mobilen „Bierläufer“, die Getränke in Plastikbechern ausschenken.

Die 50-Jährige hat schon einen Brief an Hannover 96 geschrieben. Sie wartet auf Antwort. Und wird garantiert nicht lockerlassen.

SIE FREUEN SICH AUF PFANDBECHER: Das Team von „Trinkbecher für Trinkwasser“ betreut fünf Stände bei jedem 96-Heimspiel. Quelle: Trinkbecher für Trinkwasser

Das ist „Trinkbecher für Trinkwasser“:

118 Brunnen in Kenia, im Senegal, an der Elfenbeinküste und in Südafrika versorgen etwa 70 000 Menschen mit sauberem Wasser. Der Verein Trinkbecher für Trinkwasserhat zusammen mit dem „Global Nature Fund“ mehr als 320 000 Euro Spendengelder investiert. 2009 stellten der damalige Hauptsponsor Tui, engagierte Fans der „Roten Kurve“ und Hannover 96 das vorbildliche Projekt auf die Beine. Schirmherr ist Mittelfeld-Star Edgar Prib (29). Jenseits der 96-Heimspiel kann man (steuerlich absetzbar) spenden an Global Nature Fund, IBAN: DE 53 4306 0967 8040 4160 00.

Von Andrea Tratner

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