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Leben in Hannover Steintor: Darum ist Schluss mit dem „Heartbreak Hotel“
Menschen Leben in Hannover Steintor: Darum ist Schluss mit dem „Heartbreak Hotel“
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08:00 21.01.2020
Abschied: Ingo Gembalies und Polli Pizzirani vor dem „Heartbreak Hotel“. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Der markante Knochenschriftzug hängt noch über der Tür, rund um die Fenster leuchten goldenen Notenschlüssel auf rotem Grund, im Briefkasten liegt die letzte Abrechnung von der Gema. Doch seit dem Neujahrsmorgen werden im „Heartbreak Hotel“ an der Reuterstraße keine Herzen mehr gebrochen. Ingo Gembalies (56) und Polli Pizzirani (56) haben den Club geschlossen, der im Jahr 2000 Pionier der Klubszene im Rotlichtviertel war. „Es war ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt Pizzirani.

Rockabilly und Schlager der 50er und 60er Jahre waren das Markenzeichen des 50-Quadratmeter-Lokals, der Schlussakkord gehörte Hans Albers († 68), aus den Lautsprechern tönte ein letztes Mal „La Paloma ade“. An die Liedzeile „Wein’ nicht, mein Kind“ hat sich von den Stammgästen kaum einer gehalten – „es war ein großes Geheule“, erzählt die 56-Jährige.

Der Rücken sagt, „dass Feierabend ist“

Das Ende kam mit Ankündigung. Die Folgen eines Bandscheibenvorfalls vor zwei Jahren machen Pizzirani heute noch zu schaffen. „Der Rücken hat mir gesagt, dass Feierabend ist.“ Nächtelang hinter dem Tresen stehen? Unmöglich. „Und mit Personal wird es unwirtschaftlich“, bilanziert Gembalies. Wobei der Getränkeumsatz im Mini-Klub immer ganz ordentlich gewesen ist. „An manchen Abenden war es so voll, dass Gäste von der Toilette zum Ausgang gefühlt eine halbe Stunde brauchten ...“

Der Laden kocht: Im „Heartbreak Hotel“ gab es auf 50 Quadratmetern nicht nur Rockabilly-Konzerte. Quelle: Archiv

Dabei war der Start alles andere als einfach. Das Steintor im Jahr 2000 – klassisches Rotlichtmilieu, Striptease-Klubs, Bordelle, und die immer noch präsente Erinnerung an Schießereien zwischen verfeindeten Clans in den 90er Jahren. Gembalies und sein damaliger Geschäftspartner Darius Klapp (59) wagten das Experiment nach Hamburger Vorbild. „Wir waren viel auf der Reeperbahn unterwegs.“ Und die war damals schon ein Amüsierviertel für jedermann.

Elvis hat einen Heiligenschein

„Wir wollten für Hannover eine finstere, fiese Kneipe“, erinnert sich der Mann mit den zauseligen Locken, der außerdem einen Klamotten-Laden in der Altstadt betrieb und Tattoo-Messen organisierte. Die markante Strukturtapete bestellte Gembalies bei einem Hamburger Bordellausstatter, das Lokal dekorierten die Gründer mit allerlei Nippes, das Elvis-Porträt (vom „King“ borgten sie sich den Namen des Lokals) bekam einen Heiligenschein, eine Kirchenbank wurde mit Leopardenfell bezogen.

Da waren sie noch jung: Polli Pizzirani, Darius Klapp, Ingo Gembalies, Nina Gleiche, Sascha Zertz bei der Eröffnung im September 2000. Quelle: privat

In den Anfangsmonaten war das „Heartbreak“ eine Insel im Rotlichtmeer. „Wir hatten viel Szenepublikum“, sagt Pizzirani im Rückblick. „Das war schon spooky.“ Von Taxifahrern erntete sie scheele Blicke, wenn sie einen Wagen zum Steintor orderte, um ,zur Arbeit’ zu fahren. Doch dann kam der Boom: Linden Boulevard (das nach einem Jahr wieder schloss), Eve, Sansibar (gibt es bis heute) und viele mehr. „Wir haben das forciert“, erzählt Gembalies nicht ohne Stolz, der 2004 gleich nebenan das „Rocker“ eröffnete.

Drei Jahre nach der Eröffnung des „Heartbreak Hotels“ war es in Hannover angesagt, am Steintor zu feiern, mit der Bierflasche in der Hand zwischen den Clubs an Reuter- und Scholvinstraße zu tingeln. Denn die Herzensbrecher brachen mit Klischees, stampften Vorurteile ein: „Die Brauerei Becks wollte anfangs auf keinen Fall Außenwerbung an unserem Laden haben, zwei Jahre später war es dann ganz dringend, dass das Logo an die Fassade musste.“

Es war die Hochzeit. „Und wir waren arrogant, haben uns während der Messe zur Cebit-freien Zone erklärt“, sagt Gembalies mit einem Schmunzeln. Japaner mit Rollkoffer wollten damals im Musikschuppen einchecken. Später buchten Start-ups und renommierte Unternehmen die Location für Firmen-Events. Später schossen aber auch Klubs und Diskos aus den Boden, die – anders als Gembalies und sein Team – näher ans Rocker- und Rotlichtmilieu angegliedert waren. „Wir waren autark“, betont Pizzirani. „Wir sind immer unserer Linie treu geblieben, haben unsere Standpunkte vertreten.“

„Stuntman“ tanzt auf dem Tresen

Blicken sie auf 19 Jahre zurück, fallen ihnen viele Anekdoten ein. Vom Stammgast, den alle „Stuntman“ nannten – „weil er immer zum Colt-Seavers-Song aus der TV-Serie auf dem Tresen getanzt hat“. Als bei einer Elvis-Show, der Sänger auf der Theke rockte, wollte der Gast sein Revier markieren: „Er hat seine Schuhe ausgezogen und auf den Tresen gestellt.“ Ein anderer Gast sei nach Ladenschluss auf der Toilette eingeschlafen. „Er hat sich zwei Bacardi-Cola eingeschenkt, auf den Zettel geschrieben und beim nächsten Besuch bezahlt.“

Herzensbrecher: Im „Heartbreak Hotel“ hat Gembalies zugemacht, am benachbarten „Rocker“ ist er weiter beteiligt. Quelle: Frank Wilde

Was wird aus dem „Heartbreak Hotel“?

Was wird aus dem „Heartbreak Hotel“? Ingo Gembalies liegt der 50-Quadratmeter-Klub in der Reuterstraße am Herzen, die Suche nach einem Nachfolger „hat sich aber schwierig gestaltet“. Einige Stammgäste hätten durchaus Lust gehabt, Kapital zu investieren. „Aber viele unterschätzen die Arbeit hinter den Kulissen. Logistik und Bürokratie – das hat sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht.“ Der Boom der Nullerjahre im Steintor sei zwar vorbei, das Fahrwasser deutlich ruhiger – „aber in unserem Laden lief es immer noch okay“. Ob es auch in Zukunft Rockabilly geben wird? „Der Vermieter wünscht sich auf jeden Fall Clubkultur. “

Wehmut klingt mit, wenn Pizzirani und Gembalies solche Geschichten erzählen. „Es gab tolle Partys. Aber mit Mitte 30 ist das einfacher als mit 50“, lautet die nüchterne Bilanz. Schon vor neun Jahren beging das Paar Stadtflucht, zog in ein 350-Seelen-Dorf im Deister. „Wir wollten Ruhe und ins Grüne. Da gibt es nur Biolärm – von Schafen, Hühnern und Treckern“, schwärmt Gembalies, der sich zusammen mit seiner Lebensgefährtin mit Oldtimer- und Treckertreffen schon lange ein zweites Standbein im Veranstaltungsbereich aufgebaut hat und auch weiter an der Kneipe „Rocker“ direkt neben dem „Heartbreak“ beteiligt ist.

Hier gehts hoch her: Party im „Heartbreak Hotel“. Quelle: privat

Und was kommt nun? Pizzirani freut sich auf den „neuen Lebensabschnitt“, ihr Partner glaubt „das Beste kommt zum Schluss“. Und nimmt sich vielleicht Bodo Linnemann (78), ein anderes Urgestein des hannoverschen Nachtlebens, zum Vorbild. „Wenn ich Zeit habe, schreibe ich ein Buch.“ Genügend Stoff dürfte es in den vergangenen 19 Jahren gegeben haben ...

Hallo Freunde der Nacht! Da sich leider kein adäquater Nachfolger gefunden hat, ist das Heartbreak Hotel Hannover leider...

Gepostet von Heartbreak Hotel am Dienstag, 14. Januar 2020

Von Andrea Tratner

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