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Leben in Hannover Frust und Krisen: Propst Tenge redet zum Abschied Klartext zur Kirche
Menschen Leben in Hannover Frust und Krisen: Propst Tenge redet zum Abschied Klartext zur Kirche
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19:24 22.08.2019
Nimmt Abschied: Propst Martin Tenge geht nach Hildesheim. Die Basilika St. Clemens in der Calenberger Neustadt ist die katholische Hauptkirche in Hannover. Quelle: Rainer Dröse
Hannover

Seit 2008 hat Martin Tenge als Propst die katholische Kirche in Hannover geleitet. Zum 1. September wechselt der 58-Jährige nach Hildesheim. Er wird neuer Personalchef des Bistums. Die NP sprach mit Tenge über dessen Zeit in Hannover und die Herausforderungen, vor denen seine Kirche steht.

Sie haben vor rund elf Jahren ihr Amt in Hannover angetreten. Wie hat sich die katholische Kirche seitdem verändert?

Es hat einen spürbaren Wandel gegeben. Wir haben es mit einem starken Rückgang zu tun: an hauptamtlichen Mitarbeitern, engagierten Ehrenamtlichen, Kirchorten und Pfarrgemeinden. Und an vielen Stellen haben wir auch weniger Geld. Hier und dort hat sich auch schon ein Stück depressive Stimmung breitgemacht. In Hannover und der Region gilt aber immerhin: wir haben keinen eklatanten Rückgang der Katholikenzahlen.

Woher kommt das?

Die Zahl der Austritte und Sterbefälle wird ausgeglichen durch den enormen Zuzug, den wir erlebt haben. In das protestantisch geprägte Hannover sind viele Menschen aus katholischen Gegenden in Nordrhein-Westfalen, Süddeutschland oder zum Beispiel Polen gekommen. Davon haben wir profitiert.

„Unsere Gemeinden müssen offener werden“

Aber sind diese Menschen auch wirklich in den Gemeinden angekommen?

Die Integration in die Gemeinden ist tatsächlich oft schwierig. Wenn die Menschen aus der Messe kommen, stehen sie in geschlossenen Kreisen vor der Kirche. Da kommt ein Neuer nicht so leicht rein. Unsere Gemeinden müssen offener werden, gerade in der Großstadt, in der es einen permanenten Wechsel und eine ganz andere Dynamik gibt. Leider soll es in Gemeinden oft bleiben wie gewohnt. Die Sorge vor Veränderungen in den Gemeinden ist oft groß.

Wie erklären Sie sich das?

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Kirche gerade für viele Flüchtlinge und Vertriebene ein wichtiger Anker. Sie haben darin ein Stück Heimat gefunden. Nun sind diese Menschen die Etablierten und wollen das Vertraute bewahren. Das ist mit ganz viel Emotionalität verbunden. Ich würde mir wünschen, dass wir ein bisschen beweglicher werden. So wie Jesus: Der ist auch einfach überall hingegangen und hat losgelegt.

14 Kirchen in seiner Amtszeit geschlossen

In Ihrer Amtszeit hat sich die katholische Kirche in der Region von 14 Kirchen getrennt: Müssen sich die Gläubigen auf weitere Schließungen einstellen?

Ich gehe davon aus, dass es weitere Veränderungen geben wird, womöglich auch bei unseren Gebäuden. Das Personal wird sich weiter reduzieren, vor allem bei den Priestern. Das können wir nicht durch Nachwuchs oder nur bedingt durch Priester aus dem Ausland kompensieren, denn die kulturellen Unterschiede sind oft groß. Wir müssen uns anders aufstellen. Die Ehrenamtlichen sind die Träger der Gemeinde – und die Priester haben die Aufgabe, ihnen zu helfen. Nicht umgekehrt.

In der Amtszeit von Martin Tenge wurden in der Region Hannover 14 katholische Kirchen geschlossen. St. Christophorus in Stöcken war eine davon. Quelle: Nancy Heusel

Die katholische Kirche hat es nach zahlreichen Skandalen besonders schwer. Wie schlimm ist die Lage?

Diese Krisen, die Missbrauchs- und Finanzskandale, haben uns zerlegt. Wir sind aktuell alles andere als ein Erfolgsunternehmen. Der Frust auf die katholische Kirche ist enorm groß – und das an vielen Stellen völlig zurecht. Da ist erst einmal Demut angesagt. Wir müssen alte Zöpfe abschneiden und zum Beispiel viel mehr Frauen in verantwortliche Positionen bringen. Der Frage, ob man das Weiheamt auf den Mann beschränkt, der müssen wir nachgehen. Der Streit um das Zölibat ist für mich ein bisschen eine Stellvertreterdiskussion. Dahinter steht aber das Gefühl vieler, dass wir Strukturen haben, die an den Menschen vorbeilaufen.

Warum sollte eine junge Familie heute noch ihr Kind katholisch taufen lassen?

Die Taufe ist das ausdrückliche Zeichen, dass das Kind von Gott geliebt wird. Wir haben ein sinnstiftendes Angebot. Das Kind wird in eine große Gemeinschaft aufgenommen, die auch viel zu bieten hat. Wir können im ganzen sozialen Bereich Impulse geben. In unseren Kitas und katholischen Grundschulen oder auch unserer Familienbildungsstätte wird Tag für Tag tolle Arbeit auch abseits besonderer Ereignisse geleistet.

Protestantisches Hannover: „Halt den Ball flach. Du bist immer der kleine Partner.“

Sie haben ihr Amt angetreten in einer immer noch sehr protestantisch geprägten Stadt. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich habe gleich die klare Ansage bekommen: Halt den Ball flach. Du bist immer der kleine Partner. Da habe ich auch nie gegen rebelliert. Es war mir aber trotzdem wichtig, dass wir öffentlich präsent sind. Wir müssen zeigen, dass wir da sind, was uns interessiert, auch in Bereiche reingehen, die nicht exklusiv kirchlich sind. Kirche sollte eine Meinung haben und diese auch einbringen. Das Nicht-Retten von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer beispielsweise geht gar nicht.

Die Ökumene mit der evangelischen Kirche war ein großes Thema in Ihrer Amtszeit. Wie viel wurde in Hannover erreicht?

Wir sind auf einem sehr guten, freundschaftlichen Stand. Dass wir quasi hintereinander das Reformationsjubiläum und 300 Jahre Basilika St. Clemens gefeiert haben, war besonders spannend. Es gab unzählige Veranstaltungen, zu denen wir uns gegenseitig eingeladen hatten, und wir haben viel übereinander gelernt. Der ökumenische Höhepunkt war aber sicherlich, als wir wegen des heftigen Regens 2017 spontan Fronleichnam in der Marktkirche gefeiert haben.

Fronleichnam: Evangelische Kirche rettet vor dem Regen

Wie kam es dazu?

Die Messe wurde auf dem Platz vor der Marktkirche gefeiert. Als dann zum Ende aber heftiger Regen kam, haben der evangelische Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann und Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann für uns spontan die Kirche geöffnet. Die katholische Heilige Messe in der evangelischen Marktkirche – das geht traditionell eigentlich gar nicht. Aber es war ein unglaublich starkes Zeichen.

Starkes Zeichen: Martin Tenge (rechts) und der evangelische Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann 2017 bei der gemeinsamen Fronleichnams-Feier vor der Marktkirche. Als kurz darauf heftiger Regen einsetzte, wurde der Gottesdienst spontan in die evangelische Kirche verlegt. Quelle: Thomas

Sie verlassen die Kirche in Hannover in einer Zeit großer Umbrüche. Aufgrund von Priestermangel werden Pastoralbereiche geschaffen, bei denen sich mehrere Gemeinden die Pfarrer teilen müssen. Wie weit sind Sie mit der Umsetzung?

Von geplanten acht Pastoralbereichen sind bereits drei fest installiert, vier weitere werden in den nächsten ein bis drei Jahren folgen. Ein Pastoralbereich braucht noch etwas mehr Zeit. Bei dem Projekt habe ich viele Erfahrungen sammeln können, von denen ich bei meiner neuen Aufgabe in Hildesheim profitieren werde. Hannover ist ja schon irgendwie ein kleines Mini-Bistum.

Wechsel kam für Tenge „überraschend“

Warum überhaupt der Wechsel?

Beworben habe ich mich um die neue Stelle nicht. Ich habe mir zwar die Frage gestellt, ob es klug ist, meine Aufgabe in Hannover bis zur Rente zu machen, wäre aber sicherlich noch zwei oder drei Jahre geblieben. Dass es jetzt so kam, war für mich sehr überraschend. Es ist aber eine sehr spannende Aufgabe, die mich erwartet. Ich werde das pastorale Personal verantworten und darf bei der grundlegenden Entwicklung des Bistums an verantwortlicher Stelle mitarbeiten. Ich habe bisher immer Stellen angetreten, auf die ich mich nicht beworben habe. Und es war immer gut.

Was werden Sie an Hannover vermissen?

Die Ökumene und der Dialog zwischen den Religionen werden mir sicherlich fehlen, die Mitarbeit in einem Caritas-Verband und die Repräsentation von Kirche in der Gesellschaft. Ich musste mich daran erst etwas gewöhnen, aber dann hat es wirklich Spaß gemacht, auch mal ein bisschen Rampensau zu sein. In meiner neuen Aufgabe werde ich ja eher nach innen wirken. An Hannover habe ich außerdem die Größe gemocht und dass es in allen Bereichen so unglaublich viele Angebote gibt.

War auch mal gerne Rampensau: Propst Martin Tenge (Mitte) bei einer gemeinsamen Modenschau vom Kaufhaus „Fairkauf“ und dem katholischen„ka:punkt“, hier mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Kerstin Tack (links) und Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann. Quelle: Archiv NP

 

Von Christian Bohnenkamp

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