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Leben in Hannover Erika Knoop leitet das „Museum für textile Kunst“
Menschen Leben in Hannover Erika Knoop leitet das „Museum für textile Kunst“
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16:09 14.06.2019
Erikas Knoop wird von Regina Barth unterstützt. Das Kleid stammt aus einer Theateraufführung in den 70er Jahren.  Quelle: Fotos: Wilde
Hannover

Ein Kleidungsstück ist für Erika Knoop (71) nicht einfach ein Stück Stoff. Es ist eine Geschichte. Und von denen hat die Gründerin des „Museums für Textile Kunst“ inKirchrode viele zu erzählen. Da ist zum Beispiel der prachtvolle Hochzeitskimono einer japanischen Prinzessin, der in den Wirren des Boxeraufstands um die Jahrhundertwende über China nach Europa kam. „Irgendein Schlossherr trug ihn immer zur Teezeremonie“, erzählt Knoop und zeigt auf die kunstvoll eingestickten Kraniche. „Die Vögel sind das Treuesymbol.“ Wie kam das Kleidungsstück zu ihr ins Museum? „Die Gattin des Mannes hat es gerettet, die Kinder der Familie wollten es im Fasching anziehen.“

Nur eine von vielen Episoden, die von Glanz und Glamour, historischen Ereignissen oder großer Kunst erzählen. Knoop deutet auf eine türkise Robe – „das Kleid trug die Frau eines Nobelpreisträgers bei einem Empfang im Weißen Haus, ihr Mann hatte den Geldwechselautomaten erfunden.“ Sie stülpt den Ärmel eines Bühnenkleides aus einer Verdi-Oper in den 70ern um – „da sind neun Lagen Stoff verarbeitet“. Ein Priestermantel aus dem Jahr 1790, durchwirkt mit Gold- und Silberfäden: „Die Edeldamen spendeten damals ihre – natürlich ungetragenen – Kleider“. Das Gewand sollte für den Geistlichen unbefleckt sein.

In einer dunklen Nische hinter Glas kleben glänzende Stoffquadrate, vielleicht zehn mal zehn Zentimeter groß – „da steckt Ingenieurskunst drin“, erklärt Knoop. Es sind Schnipsel aus dem „Übungsstoff“, mit dem Verpackungskünstler Christo (84) einst die Verhüllung des Berliner Reichstags geplant hatte. „Das Original wurde nach der Aktion vernichtet.“

In einer anderen Ecke hängt ein poppiger Raumfahrtanzug. Knoop hat ihn Künstler Andora (61) abgeschwatzt, der in den 90ern eine Rakete mit seiner Kunst in den Weltraum geschossen hatte. „Ich habe ihm dafür eine Hose geschneidert“, sagt sie trocken.

Knoop lebt für Mode. Und sie finanziert damit auch ihr Herzstück, ihre Leidenschaft – das Museum. Iris Klöpper schlüpft für den NP-Fotografen in eine Kombi aus weißem Stoff. Das Oberteil im Lochdesign kostet 198 Euro („eine alte Tischdecke“), die Hose im indonesischen Schnitt ebenfalls 198 Euro („ein Bettlaken“). Ein anderes 200-Euro-Kleid aus schwerem Stoff mit Stickereien entstand aus einer Decke.

Erika Knoop hat schon Upcycling gemacht, als noch keiner dieses Wort kannte. „Das ist kein Firlefanz, das ist Couture“, betont die Frau, die in den wilden 60ern Design studiert und auch mal für ein Pariser Cabaret Kostüme entworfen hat. Model Klöpper streicht fast liebevoll über den Saum des Kleides: „Es trägt sich wunderbar. Auch weil soviel Leben drin ist.“

In einem Flachbau neben dem Museum befindet sich das Atelier. Hier stapeln sich Stoffballen, Schätze aus Altkleidersammlungen, historische Stücke. Stoff von der Stange ist nichts für Knoop. „Ich habe schon immer nach Material gesucht, das sonst kein anderer hat“, sagt sie verschmitzt. Als junge Designerin schneiderte sie Jeans aus alten Gobelins, brachte von Indienreisen („Dort habe ich alles über Farben gelernt“) bunte Saris mit, stöberte in den Second-Hand-Shops von Londons Portobello Road nach Einzelteilen, die sie in ihre Kreationen einarbeitete.

Manche Stoffe hat Knoop mit alten Hausmitteln gerettet. Sie zupft ein geblümtes Kleid im 70er-Jahre-Stil hervor, das Jahrzehnte in einer Tüte vor sich hingeschimmelt haben musste. „Ich habe es einfach 14 Tage nach draußen in den Regen gehängt – jetzt ist es wie neu.“ Knoop kennt noch andere Tricks: Einen usbekischen Hochzeitsmantel kriegte sie mit geschlagenem Eiweiß wieder hin, auch Kiefernnadeln können Wunder wirken.

Die 71-Jährige wollte schon immer ihr Ding machen, nach der Ausbildung arbeitete sie drei Jahre in der „harten Industrie“, in der sich eine Mode-Idee nur in einer 1000-er-Auflage rechnete. „Alles andere fiel unter den Tisch“, erinnert sie sich. Damals erkannte sie, dass sie keine Verkäuferin war. „Ich bin Designerin.“

An diesem Morgen rattern im Atelier die Nähmaschinen, eine Stammkundin schaut vorbei, weil sie sich für einen besonderen Anlass auch ein besonderes Kleid wünscht. Was Knopp mit „hoher Schneiderkunst“ (so wirbt sie auf ihrer Homepage) einnimmt, steckt sie wieder ins Museum. „Wir bekommen keine Förderung von der Stadt“, bedauert sie. Dabei finden Modefans aus aller Welt den Weg in das Museum, im Gästebuch haben sich Besucher aus San Francisco, Singapur und Neuseeland verewigt – Wertschätzung und Begeisterung sind riesig. „Das Publikum ist international, aber zu wenig“, weiß auch Knoop, die sich wünschen würde, dass mehr Hannoveraner vorbeischauen.

Vor zwölf Jahren übernahm Knoop den ehemaligen Luftschutzbunker an der Borchersstraße, in dem zuvor lange eine Galerie war. Der Ort ist perfekt: „Die Wände sind zwei Meter dick, die Temperatur ist konstant, es fällt kein Licht herein. Denn Licht ist der Tod für Stoffe“, erklärt die 71-Jährige. Und ihre Kostbarkeiten sollen noch lange leben.

Von Andrea Tratner

Das ist das "Museum für textile Kunst" in Hannover

Die Ausstellungsfläche im ehemaligen Bunker erstreckt sich auf 400 Quadratmetern und zwei Etagen. Inhaberin Erika Knoop hat viele Stücke von ihren Reisen mitgebracht, andere wurden dem Museum gespendet. Die ältesten Kleidungsstücke stammen aus dem 18. Jahrhundert, alle haben eine Geschichte über Epochen, Länder und Kulturen zu erzählen. Wie zum Beispiel ein Expeditionsanzug für eine Grönlanddurchquerung, aufwändige Abendkleider aus dem New York der 20er Jahre, Tücher aus Kaschmir, Seidentapeten aus St.Petersburg. Etwa 90 Minuten dauert eine Führung, ein kleines Café ist angegliedert, man kann auch Stücke aus Knoops Kollektion kaufen.
Museum für textile Kunst (Borchersstraße 23): Geöffnet dienstags bis freitags elf bis 18 Uhr. Eintritt zehn, ermäßigt fünf Euro. www.museum-fuer-textile-kunst.de