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Leben in Hannover Erstmals Gastwirtin mit flotten 72 Jahren
Menschen Leben in Hannover Erstmals Gastwirtin mit flotten 72 Jahren
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11:03 09.11.2019
Zum ersten Mal: Ilse Rosenkranz (72) zapft ihre ersten Biere. Brauhaus-Thresenchef Maik Lewerenz schaut ihr über die Schulter. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Sie trägt einen schwarzen Pullover, auf der Nase sitzt ein rotes Brillengestell, die Haare sind zum Pferdeschwanz gebunden. Die rote Kellnerschürze, die sie um Taille gelegt hat, komplettiert den Eindruck: Es wirkt, als würde Ilse Rosenkranz schon seit Jahrenim Brauhaus Ernst August hinter dem Tresen stehen. Tatsächlich zapft die 72-jährige zum ersten Mal. Denn sie hat bei der Aktion „Lebensträume“ vom Fachbereich Senioren gewonnen. Jetzt darf sie einmal Gastwirtin sein.

„72 ist doch kein Alter, da geht es erst richtig los. Da kann man schon noch mal anpacken“, zeigt sich die Rentnerin von Beginn an resolut. Das habe sie eh schon ihr Leben lang getan: „Ich habe immer gearbeitet, seit ich 20 bin.“ Weil sie früh schwanger wurde, hat sie keine Ausbildung gemacht. Stattdessen ging es direkt in die Berufswelt. Als Verkäuferin hat sie bis 1989 Würstchen und Brötchen an den Mann gebracht, danach auch in der Rathaus-Kantine gearbeitet. Vor acht Jahren ging sie schließlich in Rente. Kein Grund zum Ausruhen.

Aktion „Lebensträume“

Unter dem Motto „Mut zum Unbekannten“ verwirklicht die Aktion „Lebensträume“ älteren Menschen lang gehegte Wünsche. 1996 startete das Projekt des Fachbereichs Senioren der Landeshauptstadt. Seither finden die Aktionen zweimal jährlich statt. 54 Wünsche wurden so erfüllt. Im Frühjahr 2020 gibt es die nächste Chance. Dann heißt es „einmal Barkeeper*in“ sein, Bewerbungen werden ab Dezember entgegengenommen.

Weitere Infos gibt es beim Kommunalen Seniorenservice Hannover, Telefon: 0511/168-40459 oder per E-Mail: juergen.mai@hannover-stadt.de.

Das erste Pils ist noch zu schaumig

Als es an den Zapfhahn geht und Tresenchef Maik Lewerenz zeigt, wie das Hannöversch Pilsener in die Gläser gezapft wird, wirkt die selbstbewusste Seniorin plötzlich doch verunsichert. Schließlich geht es nun an ihr erstes gezapftes Bier. „Bierglas schräg halten und dann schnell den Zapfhahn umlegen und laufen lassen“, weist der 36-jährige an. Rosenkranz hört zu und beginnt ihren ersten Zapfversuch. Der Hahn läuft. Fast: Das erste Pils ist noch zu schaumig. Kein Problem: „Wenn Sie länger bleiben, dann ziehen Sie hier auch 100 Bier am Stück durch. Am Anfang ist das immer schwer“, motiviert sie der Tresenchef. Auch die folgenden Biere wollen noch nicht auf Anhieb klappen, aber „dann haben wir immerhin schon ein paar Gläser vorgezapft“, kommentiert Ilse Rosenkranz und grinst wie ein kleines Kind.

Dass die Rentnerin überhaupt zapfen darf, verdankt sie einem Zufall. „Frau Rosenkranz ist als Nachrückerin kurzfristig eingesprungen“, verrät Projektbetreuer Jürgen Mai. Eigentlich hätte eine andere Seniorin gewonnen, aber diese sei „bei einer Kreuzfahrtreise von einer Treppe gestürzt.“ Es sei nicht viel passiert, aber die Arbeit als Gastwirtin hätte sie nicht stemmen können. Glück im Unglück, findet Rosenkranz: „Ich hatte nicht damit gerechnet, aber so darf ich heute die erste Geige spielen.“

An der Abfüllanlage „braucht man richtig Muckis

Und so geht es an die nächste Station, zum Kannenfüller. Aufgabe: Das Befüllen der Zwei-Liter-Kannen für den Außenverkauf. Neun leere Flaschen stehen bereit. „Und die müssen wir jetzt alle abfüllen?“, fragt die 72-jährige den Tresenchef. Sein Nicken wird von ihr mit Interesse aufgenommen: „Na, da bin ich jetzt mal gespannt, wie das funktioniert.“ Das erklärt Lewerenz: „Erst den Bügelverschluss der Flasche öffnen, dann die Flasche auf den Teller stellen.“ Dann zieht er einen Hebel nach rechts, die Kanne auf dem runden Untergrund fährt hoch und wird automatisch befüllt. Als die Maschine signalisiert, dass die Zwei-Liter-Flasche voll ist, zieht er den Hebel wieder nach links, der Teller fährt wieder runter. „Jetzt müssen wir die Kanne wieder raus nehmen und schnell verschließen – das war’s“, beendet er die Einarbeitung an der Abfüllanlage.

Deckel zu und fertig für den Verkauf: Ilse Rosenkranz (72) hat Zwei-Liter-Kannen „Hannöversch“ befüllt. Maik Lewerenz hat sie eingearbeitet. Quelle: Nancy Heusel

Rosenkranz schreitet direkt zur Tat. Dabei murmelt sie die Arbeitsschritte vor sich hin: „Ich will ja nichts falsch machen.“ Und das tut sie nicht, alles läuft nach Plan. „Ich sehe schon, hier ist ein Profi am Werk“, lobt Lewerenz. Die Seniorin lacht geschmeichelt. „Das macht ja richtig Spaß“, quittiert sie die Arbeit, stellt aber fest: „Dafür braucht man richtig Muckis, aber die habe ich ja.“ Immerhin sei sie mit 33 Jahren auch die „stärkste Frau Hannovers“ gewesen, als sie auf dem Altstadtfest beim Steinhalten fast vier Minuten schaffte und gewann.

In der Neuen Presse von der Aktion gelesen

Da kann sich auch Brauhaus-Betreiber Philipp Aulich (37) das Grinsen nicht verkneifen. Er unterstützt das Projekt Lebensträume sehr gerne: „Sowas wie Praktika gab es damals nicht, da konnte man nicht einfach so in einen Job reinschnuppern. Es ist toll, dass älteren Menschen so nochmal einen Wunsch erfüllt bekommen.“

Auch Gläserspülen gehört dazu: Ilse Rosenkranz (72) lernt die Arbeit hinter dem Tresen kennen. Quelle: Nancy Heusel

Gastwirtin zu sein fand Rosenkranz schon immer spannend. Sie mag die Arbeit mit Menschen, ist kommunikativ, multitaskingfähig und offen für „neue Herausforderungen.“ Von der Aktion hat sie in der Zeitung erfahren: „Ich habe in der Neuen Presse davon gelesen. Da habe ich gedacht ’Das musst du ausprobieren’“, erinnert sie sich. Alkohol trinkt sie aber nur in Ausnahmefällen: „Maximal mal ein wenig Eierlikör über einer Kugel Eis.“ Was anderes schmecke ihr einfach nicht. Dennoch macht ihr die Arbeit hinter dem Tresen Spaß. Wenn Im Brauhaus Ernst August mal Not am Mann sein sollte, würde sie auch einspringen: „Ob Flaschen abfüllen, Zapfen oder Abwaschen – ich bin mir für nichts zu schade.“

Von Jens Strube

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