Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Leben in Hannover In Meike Winnemuths Garten kommen nur die Harten
Menschen Leben in Hannover In Meike Winnemuths Garten kommen nur die Harten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:37 08.04.2019
Im Garten: Ein Jahr lang beobachtet Meike Winnemuth ihren Garten – und dabei sich auch selbst. Quelle: Amsel
Hannover

Frau Winnemuth, wo erreiche ich Sie gerade?

Im Garten. Ich habe hier viel zu tun, vor meiner Tür warten gerade zwei Tonnen Kompost, die auf die Beete gebracht werden müssen. Das muss ich geschafft haben, bevor ich auf Lesereise gehe. Die beginnt in Hannover

Was war zuerst da – die Buchidee oder der Garten?

Der Garten, den habe ich schon seit drei Jahren. Zunächst lief er so nebenbei mit. Doch im Laufe der Zeit rief er immer mehr nach mir. Und da ich ein Freund von Jahresprojekten bin, habe ich mir vorgenommen, mich ein Jahr lang intensiv um dieses Fleckchen Erde zu kümmern. Ich habe mir gedacht, dass ich danach wissen würde, ob das Thema etwas für mich ist.

Und?

Ich habe komplett Feuer gefangen.

Aber jetzt gehen Sie ja auf Lesereise. Werden Sie Ihren Garten vermissen?

Wenn ich auf Tour gehe, habe ich nicht nur meinen Hund dabei, sondern ich nehme auch meine Jungpflanzen mit. Jetzt ist ja die Zeit, in der vorgezogen wird, und die Sämlinge würden zu Hause nur vertrocknen, wenn ich nicht da bin. Also habe ich mein kleines Auto zu einem fahrbaren Gewächshaus umgebaut. Ich weiß zwar nicht, ob die jungen Wurzeln die Erschütterungen auf der Fahrt so gut finden, aber wer diese Reise überlebt, darf danach auch in meinen Garten. Da kommen nur die Harten rein.

Sie sind eigentlich eine überzeugte Minimalistin und haben sich in vielen Bereichen sehr reduziert. Nur in Ihrem Garten scheinen Sie absolute

Maximalistin zu sein, oder?

Ja, in meinem Garten muss es aus allen Rohren feuern. Das passt auch gut zu der Landschaft hier. Ich habe beispielsweise viele Gräser gepflanzt, die rauschen schön im Wind. So ein minimalistischer japanischer Garten würde gar nicht hierherpassen.  Der Garten muss ja nicht ein Abbild meiner Person werden, der darf ganz sein eigenes Ding machen.

Was hat Ihnen im Garten in diesem Jahr am meisten Spaß gemacht?

Mein eigenes Essen anzubauen. Das ist ein Riesenglücksgefühl. Ich weiß noch, als mein erstes Radieschen reif war – das habe ich am Beet in den Mund gesteckt. Es gibt auch viele leckere Gemüse- und Obstsorten, die es gar nicht in den Supermarkt schaffen. Ich habe zum Beispiel die Erdbeersorte „Mieze Schindler“ angepflanzt. Die stammt aus den 1920er Jahren und schmeckt ganz intensiv, fast wie Waldbeeren. Aber sie ist so empfindlich, dass man sie nur beim Pflücken essen kann.

Waren das die 500 Gramm Erdbeeren, die in Ihrem Buch in der Jahres-Ernteliste auftauchen?

Ja genau, und die waren so lecker, dass ich sie ganz allein gegessen habe. Ich habe niemanden etwas abgegeben. Aber dieses Jahr wird es mehr geben!

Freud und Leid liegen beim Gärtnern eng zusammen. Was war Ihr frustrierendstes Erlebnis?

Mein Brokkoli! Nachdem der schon hübsch groß geworden war, hat sich eines Nachts eine Bande Rapsglanzkäfer über ihn hergemacht. Aber das wird mir eine Lehre sein, dieses Jahr werde ich den Kohl mit  Vlies schützen.

Was ist nach diesem Jahr Ihr bester Tipp für Gartenanfänger?

Die Natur verzeiht viel, man kann also einfach loslegen. Am besten mit etwas, auf das man Bock hat, zum Beispiel mit seinem Lieblingsgemüse. Dafür muss man noch nicht einmal einen Garten haben, man kann es auch auf dem Balkon in Pflanzsäcken anbauen.

Außer Gärtnern – was haben Sie im Garten noch gelernt?

Geduld. Davon braucht man irrsinnig viel. Eigentlich bin ich ein sehr ungeduldiger Mensch, aber im Garten habe ich gelernt, dass man Dinge nicht beschleunigen kann. Nicht umsonst stammt das Sprichwort „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ aus dem Garten. Ich habe auch die Dinge durch die Zeit mehr wertgeschätzt – Entschuldigung, dass ich unterbreche, aber da sehe ich gerade auf meiner Terrasse ein Rotkehlchen herumhüpfen, das erste in diesem Jahr!  Aber zurück zu meiner Ernte: Ich habe jede meiner Möhren quasi auf Knien gegessen. Diese Freude, auch beim Kochen, das ist für mich eine ganz neue Lebensqualität.

Meike Winnemuth liest aus ihrem Buch „Bin im Garten – ein Jahr wachsen und wachsen lassen“ (Penguin, 320 Seiten, 22 Euro) am 9. April ab 19.30 Uhr in der Apostelkirche. Die Veranstaltung der Buchhandlung Leuenhagen & Paris ist bereits ausverkauft.

Von Maike Jacobs