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Leben in Hannover Er wird 75! Peter Kraus über Alter und Abschied
Menschen Leben in Hannover Er wird 75! Peter Kraus über Alter und Abschied
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00:15 20.03.2014
Zu Gast bei der NP: Peter Kraus. Quelle: Rainer Dröse

Für Ihre jüngste CD „Zeitensprung“ haben Sie Künstler von Wolfgang Petry über Tim Bendzko bis Culcha Candela gecovert ...
Nein, das ist falsch. Das ist nicht gecovert, wir haben die Lieder wirklich verändert, Ihre Harmonien und Tempi, was man eigentlich nicht darf. Und das ist der Spaß an der Geschichte. Die Lieder kommen aus einer endlos langen Liste von Liedern, von Leuten, die mich begeistern, wie Udo Lindenberg oder Rosenstolz. Es ist schön eine Platte zu machen, wo schon alles Hits sind.

Ihre Abschiedstournee im Herbst heißt „Das Beste kommt zum Schluss“. Ist die Tour das Beste?
Sie gehört zum Besten. Es wird eine Tournee, die nur aus Hits besteht. Das ist, was das Publikum sich von mir gewünscht hat.

Und dem haben Sie sich bislang widersetzt?
Ich bin kein Schallplattenhitsänger mehr. Diesmal mache ich wirklich die Highlights aus jeder Musikepoche. Meine Songs natürlich, die großen Rock-‘n‘-Roll-Songs. Und dann mache ich einfach Musik, die die Leute lieben und von Leuten, die ich auch mag, von Louis Armstrong bis Peter Alexander.

Welches Publikum erwarten Sie?
Das beste. Wir haben ein gemischtes Publikum. Selbst die jungen Leute kennen ja weitgehend meinen Namen. Die sagen, ich möchte mal sehen, was der Mann da macht, den meine Mutter oder meine Oma im am Schrank hatte.

Jeder kennt Lieder wie „Sugar Sugar Baby“.
In den 50er und 60er Jahren waren es ja noch echte Hits. Einen Nummer-eins-Hit kannte jeder. Heute gibt es so viele Musiksparten und Richtungen. Außerdem wird heute mehr Promotion für eine Person gemacht als damals. Damals hat man oft nicht gewusst, wer das Lied singt. Heute ist es umgekehrt: Jeder Mensch kennt Lady Gaga, aber frag mal, was die singt.

Wie haben Sie die Zeit damals erlebt? Sie waren 16, als sie zu Deutschlands erstem Teenagerstar wurden.
Ich hatte das wahnsinnige Glück, dass ich aus einer Schauspielerfamilie komme und in dem Metier aufgewachsen bin. Ich habe meine Hausaufgaben am Nachmittag im Theater bei meinem Vater gemacht. Ich war als Kind der Kasperl dort. Ich habe alle Texte auswendig gekonnt. Ich war völlig hemmungslos - bis zu einem gewissen Zeitpunkt, da war ich so zehn, elf, dann wars aus. Dann kam das Casting für „Das fliegende Klassenzimmer“, zu dem ich ohne das Wissen meines Vaters gegangen bin. Mir war klar, dass ich den Johnny spiele.

Der musste es sein?
Ja. Entsprechend enttäuscht war ich, als die großen Herren vom Film, der Kurt Hoffmann und Erich Kästner, mich einfach durchwinkten. Ich habe gedacht, die haben keine Ahnung vom Film. Ich habe das dann meinem Vater gestanden. Der ist mit mir zu den Probeaufnahmen gefahren, und ich spielte den Johnny. Mein Selbstbewusstsein war wieder so wie mit neun oder acht.

Das hielt dann an, oder?
Das hielt dann sehr an. Wenn man von allen Mädels verehrt wird, hält das sehr gut an.

Heute verkörpern Sie ein Stück Utopie, ein Gefühl der Nostalgie.
Ich lege es aber nicht darauf an. Ich finde, Rock ‘n‘ Roll ist eine Musik, die besteht, wie Swing und wie Blues und wie Jazz. Deshalb werde ich mich auch nie verkleiden oder meine Musiker in irgendwelchen 50er-Jahre-Kostüme auf die Bühne bringen.

Wie haben Sie die 50er Jahre wahrgenommen?
Es war wirklich eine Rebellion. Für die jungen Leute gab es vorher doch nichts. Allein der Start von mir: Die Abendzeitung in München hat ein Konzert gemacht, ein, wie es damals hieß, Jazzkonzert. Alles was neu war, war Jazz. Auf dem Plakat war ein Mohrenkopf abgebildet. Jazz war immer Mohr, wie ein Sarotti-Mohr, ganz kindisch. Ich war mit der amerikanischen Musik aufgewachsen. Und meine Freunde haben gesagt: „Da musst du dich melden. Da spielen sonst nur alte Säcke mit, Max Greger und so.“

Die waren doch damals auch erst in ihren 20ern, 30ern.
Auf uns als 16-, 17jährige wirkten Sie alt. Sie traten im Anzug auf mit Schleifchen. Vielleicht war es auch die Hochachtung vor den Leuten, dass sie uns alt erschienen.

Wie sind Sie aufgetreten?
Mit Jeans und ohne Socken in Espandrillos, das Hemd natürlich offen, amerikanische Kette, die Gitarre umgehängt.

Und es gab vermutlich ein Gekreische.
Es war die Hölle. Man hatte ja gelesen, in Amerika schaukelt einer mit den Hüften, und die Mädels kreischen. Und jeder hat gesagt: „Die Amerikaner ... Das kann bei uns nie passieren.“ Und plötzlich ging das ab.

Konnten Sie sich vorstellen, dass Sie knapp 60 Jahre später immer noch auf der Bühne stehen?
Nein, ich habe mir überhaupt keine Zukunft vorgestellt mit Rock ‘n‘ Roll. Es war ja auch keine, der war ja gleich wieder weg. Und dann kam ja schon die Filmzeit. Das waren Schulfilme. Da war es vorbei mit dem Rebellischen.

Diese Filme nahmen dem Rock ‘n‘ Roll auch ein bisschen den Stachel, oder?
Auch das. Elvis hat doch dasselbe gemacht. Seine großen Hits waren keine Rock-‘n‘-Roll-Mucke. Das waren „Muss i denn zum Städtele hinaus“, oder „Love Me Tender“, nicht der harte Rock ‘n‘ Roll.

Wie nehmen Sie das heute wahr?
Man dreht den Fernseher auf und sieht ein Kind, das seine Eltern anbrüllt, in jeder Fernsehserie, das geht mir gegen auf den Keks. Du siehst nur schreiende, unerzogene Kinder. Ich denke mir oft, wenn Kinder auf der Straße ihre Eltern anbrüllen, das können die sich nur vom Fernsehen abgeguckt haben.

Das ist das Erbe des Rock ‘n‘ Roll.
So kann man es auch bezeichnen (lacht). Nein, an allem ist der Rock ‘n‘ Roll nicht schuld.

Sie werden jetzt 75. Wie feiern Sie?
Wir feiern in München, nichts Besonderes. In der Früh hat man mich zum Morgenmagazin gehetzt, da muss ich singen. Das ist sehr hart, man muss um 5.30 Uhr dort sein. Ich bin zwar Frühaufsteher, aber nur wenn ich freiwillig aufstehen darf. Den Abend verbringen wir bei Schubeck. Ich versuche ein paar Leute zu aktivieren. Conny Froboess hat mir zugesagt, das freut mich sehr. Wir sehen uns nicht mehr so oft. Dadurch, dass wir nie ein Liebespaar waren, ist es für unsere Freundschaft besser gewesen.

Wie alt fühlen Sie sich?
Ich möchte keine Zahl nennen, weil: Ich hasse die Zahl 75, und ich hasse überhaupt Zahlen. Es ist schwer zu sagen. Ich müsste zurückschauen, wie ich mich mit 50 gefühlt habe. Aber da habe ich mich wie mit 30 gefühlt. Aber wenn ich Ihnen jetzt 30 sage, dann sagen Sie, der spinnt. Nein, ich fühle mich einfach jünger.

Warum geben Sie dann überhaupt eine Abschiedstournee? Kommt da die Frage: Warum tue ich mir das noch an?
Das ist ein bisschen das, womit mir meine Frau im Nacken hängt (lacht). Wenn ich nicht irgendetwas im Kopf habe, wo ich wieder sein muss, lebe ich ein ganz anderes Leben. Ein sehr schönes Leben. Das ist eigentlich der tiefere Sinn. Ich habe wahnsinnig viel Hobbys.

Eines Ihrer Hobbys ist das Rennfahren ...
Rennfahren ist übertrieben. Rallyefahren, Oldtimerfahren.

Das heißt, Sie brauchen schon ein gewisses Tempo?
Ja schon. Die Rallyes, die wir fahren, es wird schon gepest, ich gebe es zu. Aber ich bin da auch ruhiger geworden.

Können Sie richtig ruhig sein?
Ja. Nein. Eigentlich nicht. So richtig nicht. Ich weiß nicht, das gelingt mir nicht. Aber ich bin gerne so. So wie gestern, im Hotel: Da habe ich mir gedacht, wir wohnen im siebten Stock, da gehe ich zu Fuß rauf. Laufe die Treppe hoch, komme in den 7. Stock, und die Tür geht nicht auf. Da bin ich die ganzen sieben Stockwerke wieder runter. Und bin dann mit dem Lift hochgefahren. Aber das meine ich damit. Es macht mir Spaß.